Idiotentest: Tom Liehr las in Neukölln
Meine dritte Begegnung mit Neukölln.
Seitdem wir in Berlin eine Wohnung kaufen wollen kenne ich die Preise, ich kenne auch das Maklergesocks und irgendwie kenne ich auch jede Wohnung, die in Mitte auf dem Markt ist, jedes Dachgeschoss, das zum Verkauf steht, jedenfalls dort in Mitte. Mitunter aber verirre ich mich doch, lasse mich linken oder die Hoffnung siegen, wenn dann 100m2 für 160000 angeboten werden und es einen Blick über Berlin geben soll, das ist dann in Neukölln, denn ein Blick über Berlin kann auch ein freier Blick über den Flughafen Tempelhof sein. Ich finde das zwar nicht, aber mancher Makler findet das, und so hat es mich einmal hinverschlagen, nach Neukölln, das war in der Selchower Straße.
Nun ich will nicht über diese zweite Begegnung mit Neukölln berichten und meinem traurigen Abzug dazu, auch nicht über meine erste Begegnung mit Neukölln, das war von 1989 bis 1992, zusammengefasst (vielleicht rede ich davon später, an anderer Stelle), wichtig ist jetzt die dritte Begegnung mit Neukölln: Tom Liehr las aus seinem „Idiotentest“, er las am Ort der Handlung, oder jans ums Karree, er las in eben jener Selchower- /Ecke Weisestraße, in einer der zahlreichen Eckkneipen dort, deren Besucher ich nur sehr selten bin, und unter normalen Umständen wäre ich sicher auch nicht hineingegangen.
Voll war es, schon vorne am Eingang standen die hochgewachsenen vierzigjährigen Männer mit ihren Lederjacken und mit ihren Halbliterkrügen, eine Luft zum Schneiden, und sie machten nicht Platz, weil sie vielleicht feindselig gewesen wären, sie waren einfach nur nicht weiter vorgekommen, man konnte ja auch hier noch hören, 30m vom Podium entfernt, so war man als Knäuel am Eingang stehen geblieben, später gekommen, hatte sein Bier in der Hand, ohne Schaum schon.
Es war so eine eigenartige Ruhe eigentlich, denn hätte man lauter etwas gesagt, hätte man nicht mehr verstehen können: Von weit hinten drang eine Stimme hierher, dunkel und bassig und mulmig, aufgeregt, viel zu schnell, so ist das ja meistens, wenn jemand seine eigene Texte liest, man merkt, dass der Lesende ein bisschen neben sich steht, ein bisschen zu sehr beobachtet, zu wenig vertraut, es ein bisschen schlimm findet, das soll also unterhalten, was mache ich hier, wenn es doch wenigstens nur meine eigene Stimme wäre, aber so kommt sie auch noch aus diesen Lautsprechern, mein Gott, ist das alles fremd.
Da las er nun also, der Tom Liehr, meine erste Begegnung, ich bestellte ein Bier, fast lautlos bestellte ich ein Weizen, zur Verstärkung malte ich ein W in die Luft, schön, dass der Zapper intelligent und geschäftstüchtig und dass man ein W in der Luft geschrieben auch spiegelverkehrt lesen kann. Das Glas war kalt und schwer, und der erste Schluck exlodierte im Mund, das erste Bier nach einem viertel Jahr Nichtbier. Wow. Es wurde augenblicklich heller und klarer, sicherlich: Die Pupillen weiteten sich, so ist das nun mal, ich mag diese Wirkung von Alkohol, bei vielen Dingen lohnt es sich, eine größere Pause eingelegt zu haben, bei Sex, beim Flugzeugfliegen, beim Pfeife rauchen, beim Tauchen. Sonst geht die Tiefe der Empfindung verloren.
Mit dem zweiten Weizen hatte ich mich nach vorne ins Sichtfeld geschoben. Tom Liehr auf einem Hocker, ein schmaler Mann mit übermüdeten Augen, dunkles Jackett, dunkle Hose. Manchmal nahm er vom hinter sich stehenden kleinen runden Tisch das obligate Halbliterglas, da entstand dann eine Pause, die Pause war eigenartig, da sie dem Griff zum Glas und dem Bier so eine Bedeutung gab, und ich dachte: Ich habe lange niemanden mehr bei einem Auftritt Bier trinken sehen. Immer wenn ich so etwas erlebe, hat der Schauspieler Fakebier im Glas. Und muss sein Betrunkenwerden spielen. Naja, so ist das nun mal beim Film, aber dass ich erstaunt war, dass da nun wirkliches Bier getrunken wurde, nun, nach einem viertel Jahr Kunstwelt verliert sich der Blick auf die Wirklichkeit, ich habe Serie mir angetan, mit Leuten, die in der „Bunten“ und in der „Gala“ abgebildet werden, ich bitte vielmals um Entschuldigung, die Welt der Stars und Sternchen, ein viertel Jahr ist eine so lange Zeit. Das hatte hier so gar nichts mit dieser Welt zu tun, eine vom Zigarettenrauch schneidfähige Luft, ein Tom Liehr, der sich im Kampf mit zu lauten Lautsprechern durch ein Kapitel hangelte, ein artiges, nicht mehr ganz junges Publikum, höflich und interessiert, dicht an dicht, man war hier her gekommen wie eine treue Gemeinde. Man war aber trotzdem noch nicht warm geworden. Ich auch nicht, vielleicht war es mein Zuspätkommen, bislang hatte ich noch nichts mitgekommen, von „Idiotentest“ – und gerade als ich mein drittes W in die Luft malte, Tom Liehr hielt diese Atmosphäre auch nicht aus, es wäre schon schön gewesen, ein artig-zurückhaltendes Publikum ist nicht zum Aushalten, da fragte er, was los sei, und die Lähmung wich mit zögerndem Beifall und die Fraktion am Eingang wurde lebhaft, auch als Tom weiterlas, lieber Tom, sei versichert: Das lag nur an der Beschallung, diese Unruhe, die braven Leute am Eingang waren einfach nicht mehr fähig, zu folgen, nach dort hinten drang zu wenig vor.
Aber dann wurde alles noch gut, die Wette um die 30 Biere folgte, und auf einmal war der Funke übergesprungen, die Luft wurde egal, das Publikum wurde egal, die Beschallung wurde ganz egal: Einer hebt an, 30 Biere, ohne zu pinkeln und ohne zu kotzen, hintereinander zu trinken, für eine Wette, ein Leben lang Freibier, das war richtig, das war auf schönste Art pointiert. Da gab es Nebenfiguren, die genau im richtigen Maß erzählt Nebenfiguren blieben, da gab es Räume, die sich mit Leben füllten, da gab es die berühmte Pointe am Schluß, die man so nicht erwartet hatte und als sie kam, war sie überraschend und richtig. Das war Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Ich trank währenddessen mein drittes We, ganz unmerklich und säuberlich war es aus dem Glas verschwunden, Tom Liehr riss mich mit. Ich war angekommen. Und betrunken.
Was dann folgte weiß ich nicht mehr so richtig genau. Auf jeden Fall folgte noch ein Kapitel um die Buchstabensuppe und ASCII, die dem Cover das Bild gab, dann war die Lesung vorbei. Es war eine schöne Lesung. Es war so ein braves Publikum, es war ein Heimspiel.
Ich stand an die Theke gelehnt mit meinem vierten Weizen, ich überlegte meine Gedanken, es könnte ja jetzt der Zeitpunkt sein, zu gehen. Genug gesehen, genug getrunken. Aber es ging nicht, gehen ging nicht, Tom Liehr kenne ich nun schon seit 1999. Und eine Schüchternheit überkam mich, was heißt hier kennen, nix da, nix kennen, und ich sah hinüber zu seinem Tisch, und da saßen so Leute, zu denen ich mich nicht gerne hätte setzen wollen, irgendwie solche wie „ich kenne den Künstler“, so etwas ganz schlimmes, das kenne ich von Heiner Müller, von Volker Koepp, Corinna Harfurcht, Harvey Keitel, Gudrun Landgebe, i tak dalje. Irgendetwas atmete da komisch: Der innere Zirkel. Das Gefängnis.
Anyhow. Ich kaufte mir eines der feilgebotenen Exemplare und reihte mich ein in die Schlange zum Signieren, tatsächlich, Tatsächlich auch: Ich habe mir noch niemals ein Buch vom Autor himselbst signieren lassen, im Gegenteil, ich habe es bislang sogar verschmäht, so etwas zu tun. Ich brauche so etwas nicht.
Dann gab es den gewissen Augenblick, den ich gerne hätte ungenutzt verstreichen lassen, aber ich stellte mich dann doch vor, und alles war peinlich und unvollkommen und komisch, Tom sagte was zu einem ihm gegenüber von „42“ und „Rezensionen“ und „hart“ und ich war schon im Boden versunken, und ich lief weg mit meiner ersten Signatur vom Schriftsteller daselbst, ganz froh und mit einer Besonderheit. So ist das.
Ich gelobe, niemals wieder ein viertel Jahr Pause vom Alkohol zu machen und dann beim ersten Mal so sehr außerhalb des eigenen eigentlichen Auftretens zu geraten, dadurch. Denn der innere Zirkel hat es verhindert, mich dazuzusetzen, ich weiß es genau, die Verhältnisse waren eben nicht angetan.
Ich kehrte zurück an die Theke zum Weizen No. 5. Rechts neben mir fand noch ein unsäglich dummes Gespräch über Frank Castorff und die Volksbühne statt und zeitgleich links ein noch unsäglicheres über Megapixel bei Digitalkameras.
Ich fuhr vom meinem dritten Erlebnis Neukölln nach Hause, mit der U-Bahn, zum Rosa-Luxemburg-Platz, nach Mitte. Hier wohne ich. Neukölln kann mir mal gestohlen bleiben. Tom Liehr nicht. „Idiotentest“ liegt zum Lesen bereit. Spätestens Anfang November wird es dazu kommen. Da bin ich wieder in Hamburg/Flensburg. Ein gutes Gegengewicht zu Gala, Bunter und Co.
