"Der Anfang war gut" Ein Film von Susanna Salonen

Es geht um die Mutter. Im ersten Bild, in dem sie auftritt, trägt sie eine Sonnenbrille und ist der Kamera halb abgewendet. Die Tochter hört man, hinter der Kamera, sagen: Setz doch mal die Sonnenbrille ab. Schließlich will die Tochter über die Mutter einen Film machen. Mit einer Sonnenbrille, so geht das nicht. Die Mutter reagiert, etwas verzögert, als müsse sie erst denken, sie schaut das erste Mal zur Kamera und ist trotzig, nein. Sie wendet sich wieder ab. Sie lacht über die Situation hinweg, so wie immer, nicht böse, ohne Hintergedanken, sie kann nicht anders: Wollen wir nicht lieber etwas essen gehen?, wollen wir nicht lieber etwas anderes machen, als du dort hinter der Kamera und ich hier davor? Sollte es nicht eigentlich ganze andere Dinge geben, die wir miteinander machen könnten, außer dieses Reden, dieses Stochern in der Vergangenheit?
Und die Mutter löst es auf, indem sie wie zur Versöhnung doch die Sonnenbrille abnimmt, aber über etwas anderes redet, sich dem Thema nicht stellt: Schau, und dort drüben. Das ist Lübeck. Siehst du?
Die Kamera schwenkt brav von der Mutter weg, etwas unsanft.
So ist das mit der Mutter. Gespräche sind eigentlich nicht möglich. Es ist so, als würde man in Watte stoßen: Da ist zwar etwas, aber es hat so gar keinen Widerstand, den Fragen wird dadurch eigenartig die Energie genommen. Die Fragen bleiben unbeantwortet. Warum in die Vergangenheit schauen, wenn es doch eine Zukunft gibt. Warum viel über die Gegenwart nachdenken, wenn es doch weitergehen wird. Das ist die Mutter. Sie ist nicht böse. Sie ist leicht.
Mit ihrem Mann und den beiden Töchtern war sie vor über 30 Jahren von Finnland nach Deutschland gekommen. Nach Lübeck. Für ein Jahr, um deutsch zu lernen. In Deutschland wurden es dann 15 Jahre, so schnell lernt man die deutsche Sprache dann doch nicht. In der Ehe wurde mehr geschwiegen oder gestritten, schließlich geschieden, die Ehe hatte nicht funktioniert. Sie hatten sich kennengelernt und sofort geheiratet, so war das, es hätte ja auch gut gehen können, es ging aber nicht gut. Da waren die Kinder aus dem Gröbsten raus, wie man so schön sagt.
Dann ist sie nach Malta, eine Pauschalreise, nur weg, nur mal kurz. Von der jüngeren Tochter hat sie sich verabschiedet, indem sie an der Schule vorbeigegangen war, so schnell mußte es gehen. Ich bleibe ja nicht lange weg.
Es wurden 15 Jahre, auf Malta hatte sie jemanden kennengelernt, sie blieb erst einmal dort. Dann Zwischenstation Finnland. Dort, in der Sparkasse einer Kleinstadt, hatte man bei einer Überweisung zwei Nullen zu viel hintenan gestellt, ein Versehen, natürlich, aber die Mutter hatte nun auf einmal so viel Geld, um den Plan zu verwirklichen, nach Australien gehen, Sydney, in die Sonne. Finnen ist der Drang nach Wärme sehr eigen. Sie eint eine kollektive Angst vor ihren Wintern. Entweder man bekämpft diese Angst mit Alkohol, oder man geht weg. Oder man ist wortkarg. Also nach Australien. Manchmal sind einem die entferntesten Punkte der Erde die nähesten.
Jetzt ist die Mutter wieder in Deutschland, nach 15 Jahren, zuerst in Berlin und dann in Lübeck, 3 Jahre. Sie rechnet vor: Von den 3 Jahren hat sie vielleicht ein Jahr gearbeitet, eine Rente habe sie in Deutschland nicht zu erwarten, so geht sie nach Finnland, schließlich werde jedem geborenen Finnen eine *Volksrente* gewährt. Hier beginnt nun der Film über diese Mutter, wir hören immer wieder die Fragen der Tochter, was wird werden, was hast du vor, was hast du dir gedacht, und die Mutter gibt den ganzen Film über keine Antworten, bleibt eigenartig in Watte gepackt, aber sie schaut nun offener in die Kamera, da findet eine Entwicklung statt. Nein, die Mutter kann nicht anders. Sie kennt Hintergedanken nicht.
Wir lernen Finnland kennen, die Ämter. Ja, das mit der Volksrente, das stimmt, 480EUR, aber da sie so lange nicht in Finnland gewesen waren, 30 Jahre, gibt es nur die Hälfte, 240, dazu kommen noch 100EUR aus Deutschland. Das ist doch gar nicht so schlecht, oder? Das sagt die Sachbearbeiterin. Könne sie damit auch nach Italien gehen? Ja, sie könne. Finnland, nicht ohne Stolz, nicht ohne Bedauern, ist in der EU.
So richtig Vorwürfe werden der Mutter nicht gemacht, nur eben diese Fragen gestellt. Es sind die Fragen der Tochter, die verstehen will, wo es möglicherweise nichts zu verstehen gibt. Dieser Mensch, ihre Mutter, sie ist einfach anders, sie kümmert sich nicht weiter. Eigentlich müßte sie an der Seite eines reichen Mannes sein, dann würde man sie auch nicht fragen. Vielleicht würde man sie sogar bewundern: Mit ihren 60 Jahren ist sie fit und aufrecht, sie versteht sich zu kleiden, sie hat eine bestimmte Art, die Dinge mit Humor zu sehen, wenn etwas schief läuft, wieder einmal, nimmt sie es dadurch nicht persönlich, sie ist ein ausgesprochen freier Mensch. Eigentlich bewundernswert.
So ist sie nach 30 Jahren wieder in Finnland angekommen. Nun träumt sie von Italien. In Italien ist es warm, man braucht nicht so viel Kleidung, der Wein ist gut und auch das Essen. Und man kann sich denken: Irgendwann packt sie wieder ihre Koffer, gerade so viel sie selber bewegen kann und fährt los. Sie denkt sich: Für kurze Zeit. Und nimmt nicht einmal die angefangene Milch aus dem Kühlschrank.
Susanna Salonen legt seit 1999 mit „A Tokyo Fusebox“ regelmäßig auch eigene, sehr persönliche Filme vor. War es anfangs die Notizbuchkamera im Rucksack gewesen, ohne selbständiges Tonequipment, war es später bei “
Monsoonregen“ schon ein aufgesetztes Mikrophon, das den Ton klarer werden ließ. Nun, bei „Der Anfang war gut“ haben Mikroports Einzug gehalten, diese Miniaturmikrophone, die mit einem Sender betrieben werden und die Stimme klar hinüberbringen, nicht immer schön, aber immer verständlich. Die Kameras sind weiterhin klein geblieben, sie erlauben spontanes Einschalten im Auto, im Bus, im Flugzeug, beim Warten, beim Laufen, Susanna Salonen ist im kleinen Team unterwegs: Die Aufnahmen macht sie alle selber. Das kostet nicht viel Geld. Es ist teuer genug. Aber anders wären diese Filme nicht möglich. Wer gibt schon eine Million Budget für die Geschichte einer sich straff haltenden älteren Frau, die zwar nicht schweigsam ist, aber nicht gerne darüber erzählt. Die eher ausweicht, deren Motto ist: In die Zukunft blicken, nicht in die Vergangenheit, trägt denn das für 70 Minuten Film?
Ich denke: In dem Fall hat es getragen Vielleicht hätten es 10 Minuten weniger sein können, aber das ist manchmal nicht das Kriterium. Es ist sehr schwierig, über die eigene Familie einen Film zu machen, man kann auch sich selber dann nicht aussparen, das macht diese Projekte umso schwieriger. Zumal dann, wenn sie das Private verlassen sollen. Auch Dank einer erfahrenen Schnittmeisterin, Bettina Böhler, ist es gelungen.
Schade, als Zuschauer wird man nicht erfahren, was die Mutter in Zukunft machen wird. Wird sie eines Tages sich wieder, nur für kurze Zeit, verabschieden? Italien? Die Milch im Kühlschrank, wird sie die einfach wieder stehen lassen?
Susanna Salonen: “Der Anfang war gut” 2006
3sat
Sendetermin steht noch nicht fest






















