Tiergartentunnel
“Also ich bin für die Untertunnelung des Tiergartens!” Und damit es auch jeder versteht, gleich noch mal wiederholt: “Also ich bin für die Untertunnelung des Tiergartens!” Das hat man so zumeist dann irgendwann gesagt, wenn die Disskusion mehrerer Leute so sehr im Gange war und man genau wußte, sie hatten sich schon im Für und Wider leergelaufen. Dann kam dieser Satz einfach gut, quasi als Zeichensetzung, als Schlußpunkt. Man lachte dann allgemein etwas ungläubig, weil man es nicht glauben wollte. So ein Satz!
Das war vor 10 Jahren.
Dann wurde es ruhig um den Tunnel und den Tiergarten. Zwischendurch gab es die Disskusion um die Loveparade, daß auch daran, an den Hektolitern Urin, der Tiergarten zugrunde gehen werde. Aber er ging nicht. Sehr kleinlaut später, wie hingenuschelt die Meldung: Der Urin hat den Bäumen erstaunlich wenig ausgemacht.


Und das ist er nun, der neue Tunnel. 1750m lang, geschwungen in einer S-Kurve, beleuchtet, aspahltiert. Schlappe 360 Millionen Euros hat er gekostet und damit ist alles bezahlt. Stimmen sagen ja, der Tunnel sei Unsinn, es werde unweigerlich zum Stau kommen an den Ein- und Ausfahrten.
Seitdem ich vor 15 Jahren nachts das erste Mal in Stockholm angekommen war, einen dortigen Stadttunnel gesehen hatte, dachte ich auch sofort, was ist denn das. Am Tage kommt es doch hier unweigerlich zum Stau. Wer baut denn so etwas. An der Stadtseite endet dort der vierspurige Tunnel an einer rechtwinkligen Kreuzung. Mit Ampel sogar. Dann war ich auch am Tage dort öfter unterwegs. Es staute sich nichts oder es staute sich so minimal, wie man eben manchmal in einer Großstadt an einer Ampelkreuzung steht. Nun gut, Stockholm vor 15 Jahren, ich sollte mal wieder hinfahren und die Tunnellage dort überprüfen.


Es waren so viele Leute unterwegs. Und als die Durchsage kam, alle sollen sich ruhig verhalten, nicht weiterfahren und den Motor abschalten, da nahm niemand Notiz, auch nicht, als es noch einmal auf englisch wiederholt wurde. Das ganze war etwas surreal nun, mit diesen Lautsprecherdurchsagen, von denen niemand Notiz nahm. Wie in einem Film, in dem die Bedrohung sichtbar für den Zuschauer, aber für die handelnden Personen nicht.
Es war ja irgendwie auch absurd, durch so einen Tunnel zu laufen, zu sehen gab es nichts, außer frisch gestrichenen Spannbetonwände und Notausgangszeichen, und als Ziel war als einziges das jeweils andere Ende, zur einen Seite der Potsdamer Platz, zur anderen Seite der neue Hauptbahnhof, eine Baustelle. Vielleicht war es die Kälte, vielleicht war es die Aufgabe, die schlappen 2 Kilometer in einer bestimmten und geringen Zeit zu überwinden: Jeder strebte in seine Richtung voran, egal was ihn erwarten würde, so ein Tunnel ist kein angenehmer Ort, da hält man sich nicht auf, die einzige Aufgabe eines Tunnels ist das Ziel. Ganz unromantisch.
Vor jedem Notausgang und Notaufstieg war einer mit Kärtchen an der Brust postiert worden, Berliner sind neugierig. Sie hätten auch noch gerne jeden Schacht und jede Tür zur anderen Tunnelröhre, die nicht geöffnet war, inspiziert. So hatte man also nicht einfach nur den Tunnel geöffnet für die Fußgänger, es war organisiert, Mannschaftswagen der Polizei standen auch da, aber keine Wasserwerfer, an jedem Ende standen auch Bratwurstbuden und Bierstände und Musik.

An der Invaliedenstraße, am neuen Hauptbahnhof, kamen wir wieder hinaus. Na wenn es da mal nicht zum Stau kommt. “Ich bin für die Untertunnelung des Tiergartens!” Jetzt brauche ich das ja das nicht mehr zu rufen.