|GTaag|

27. März 2006

"Der Anfang war gut" Ein Film von Susanna Salonen

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 21:45
Der Anfang war gut
Es geht um die Mutter. Im ersten Bild, in dem sie auftritt, trägt sie eine Sonnenbrille und ist der Kamera halb abgewendet. Die Tochter hört man, hinter der Kamera, sagen: Setz doch mal die Sonnenbrille ab. Schließlich will die Tochter über die Mutter einen Film machen. Mit einer Sonnenbrille, so geht das nicht. Die Mutter reagiert, etwas verzögert, als müsse sie erst denken, sie schaut das erste Mal zur Kamera und ist trotzig, nein. Sie wendet sich wieder ab. Sie lacht über die Situation hinweg, so wie immer, nicht böse, ohne Hintergedanken, sie kann nicht anders: Wollen wir nicht lieber etwas essen gehen?, wollen wir nicht lieber etwas anderes machen, als du dort hinter der Kamera und ich hier davor? Sollte es nicht eigentlich ganze andere Dinge geben, die wir miteinander machen könnten, außer dieses Reden, dieses Stochern in der Vergangenheit?
Und die Mutter löst es auf, indem sie wie zur Versöhnung doch die Sonnenbrille abnimmt, aber über etwas anderes redet, sich dem Thema nicht stellt: Schau, und dort drüben. Das ist Lübeck. Siehst du?
Die Kamera schwenkt brav von der Mutter weg, etwas unsanft.
So ist das mit der Mutter. Gespräche sind eigentlich nicht möglich. Es ist so, als würde man in Watte stoßen: Da ist zwar etwas, aber es hat so gar keinen Widerstand, den Fragen wird dadurch eigenartig die Energie genommen. Die Fragen bleiben unbeantwortet. Warum in die Vergangenheit schauen, wenn es doch eine Zukunft gibt. Warum viel über die Gegenwart nachdenken, wenn es doch weitergehen wird. Das ist die Mutter. Sie ist nicht böse. Sie ist leicht.

Mit ihrem Mann und den beiden Töchtern war sie vor über 30 Jahren von Finnland nach Deutschland gekommen. Nach Lübeck. Für ein Jahr, um deutsch zu lernen. In Deutschland wurden es dann 15 Jahre, so schnell lernt man die deutsche Sprache dann doch nicht. In der Ehe wurde mehr geschwiegen oder gestritten, schließlich geschieden, die Ehe hatte nicht funktioniert. Sie hatten sich kennengelernt und sofort geheiratet, so war das, es hätte ja auch gut gehen können, es ging aber nicht gut. Da waren die Kinder aus dem Gröbsten raus, wie man so schön sagt.
Dann ist sie nach Malta, eine Pauschalreise, nur weg, nur mal kurz. Von der jüngeren Tochter hat sie sich verabschiedet, indem sie an der Schule vorbeigegangen war, so schnell mußte es gehen. Ich bleibe ja nicht lange weg.
Es wurden 15 Jahre, auf Malta hatte sie jemanden kennengelernt, sie blieb erst einmal dort. Dann Zwischenstation Finnland. Dort, in der Sparkasse einer Kleinstadt, hatte man bei einer Überweisung zwei Nullen zu viel hintenan gestellt, ein Versehen, natürlich, aber die Mutter hatte nun auf einmal so viel Geld, um den Plan zu verwirklichen, nach Australien gehen, Sydney, in die Sonne. Finnen ist der Drang nach Wärme sehr eigen. Sie eint eine kollektive Angst vor ihren Wintern. Entweder man bekämpft diese Angst mit Alkohol, oder man geht weg. Oder man ist wortkarg. Also nach Australien. Manchmal sind einem die entferntesten Punkte der Erde die nähesten.

Jetzt ist die Mutter wieder in Deutschland, nach 15 Jahren, zuerst in Berlin und dann in Lübeck, 3 Jahre. Sie rechnet vor: Von den 3 Jahren hat sie vielleicht ein Jahr gearbeitet, eine Rente habe sie in Deutschland nicht zu erwarten, so geht sie nach Finnland, schließlich werde jedem geborenen Finnen eine *Volksrente* gewährt. Hier beginnt nun der Film über diese Mutter, wir hören immer wieder die Fragen der Tochter, was wird werden, was hast du vor, was hast du dir gedacht, und die Mutter gibt den ganzen Film über keine Antworten, bleibt eigenartig in Watte gepackt, aber sie schaut nun offener in die Kamera, da findet eine Entwicklung statt. Nein, die Mutter kann nicht anders. Sie kennt Hintergedanken nicht.
Wir lernen Finnland kennen, die Ämter. Ja, das mit der Volksrente, das stimmt, 480EUR, aber da sie so lange nicht in Finnland gewesen waren, 30 Jahre, gibt es nur die Hälfte, 240, dazu kommen noch 100EUR aus Deutschland. Das ist doch gar nicht so schlecht, oder? Das sagt die Sachbearbeiterin. Könne sie damit auch nach Italien gehen? Ja, sie könne. Finnland, nicht ohne Stolz, nicht ohne Bedauern, ist in der EU.

So richtig Vorwürfe werden der Mutter nicht gemacht, nur eben diese Fragen gestellt. Es sind die Fragen der Tochter, die verstehen will, wo es möglicherweise nichts zu verstehen gibt. Dieser Mensch, ihre Mutter, sie ist einfach anders, sie kümmert sich nicht weiter. Eigentlich müßte sie an der Seite eines reichen Mannes sein, dann würde man sie auch nicht fragen. Vielleicht würde man sie sogar bewundern: Mit ihren 60 Jahren ist sie fit und aufrecht, sie versteht sich zu kleiden, sie hat eine bestimmte Art, die Dinge mit Humor zu sehen, wenn etwas schief läuft, wieder einmal, nimmt sie es dadurch nicht persönlich, sie ist ein ausgesprochen freier Mensch. Eigentlich bewundernswert.
So ist sie nach 30 Jahren wieder in Finnland angekommen. Nun träumt sie von Italien. In Italien ist es warm, man braucht nicht so viel Kleidung, der Wein ist gut und auch das Essen. Und man kann sich denken: Irgendwann packt sie wieder ihre Koffer, gerade so viel sie selber bewegen kann und fährt los. Sie denkt sich: Für kurze Zeit. Und nimmt nicht einmal die angefangene Milch aus dem Kühlschrank.

Susanna Salonen legt seit 1999 mit „A Tokyo Fusebox“ regelmäßig auch eigene, sehr persönliche Filme vor. War es anfangs die Notizbuchkamera im Rucksack gewesen, ohne selbständiges Tonequipment, war es später bei “
Monsoonregen
“ schon ein aufgesetztes Mikrophon, das den Ton klarer werden ließ. Nun, bei „Der Anfang war gut“ haben Mikroports Einzug gehalten, diese Miniaturmikrophone, die mit einem Sender betrieben werden und die Stimme klar hinüberbringen, nicht immer schön, aber immer verständlich. Die Kameras sind weiterhin klein geblieben, sie erlauben spontanes Einschalten im Auto, im Bus, im Flugzeug, beim Warten, beim Laufen, Susanna Salonen ist im kleinen Team unterwegs: Die Aufnahmen macht sie alle selber. Das kostet nicht viel Geld. Es ist teuer genug. Aber anders wären diese Filme nicht möglich. Wer gibt schon eine Million Budget für die Geschichte einer sich straff haltenden älteren Frau, die zwar nicht schweigsam ist, aber nicht gerne darüber erzählt. Die eher ausweicht, deren Motto ist: In die Zukunft blicken, nicht in die Vergangenheit, trägt denn das für 70 Minuten Film?
Ich denke: In dem Fall hat es getragen Vielleicht hätten es 10 Minuten weniger sein können, aber das ist manchmal nicht das Kriterium. Es ist sehr schwierig, über die eigene Familie einen Film zu machen, man kann auch sich selber dann nicht aussparen, das macht diese Projekte umso schwieriger. Zumal dann, wenn sie das Private verlassen sollen. Auch Dank einer erfahrenen Schnittmeisterin, Bettina Böhler, ist es gelungen.

Schade, als Zuschauer wird man nicht erfahren, was die Mutter in Zukunft machen wird. Wird sie eines Tages sich wieder, nur für kurze Zeit, verabschieden? Italien? Die Milch im Kühlschrank, wird sie die einfach wieder stehen lassen?

Susanna Salonen: “Der Anfang war gut” 2006
3sat
Sendetermin steht noch nicht fest

4 Responses to “"Der Anfang war gut" Ein Film von Susanna Salonen”

  1. 1
    Lena Says:

    Gerade habe ich den Film auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival gesehen. Einerseits bin ich auch sehr angetan von dem Film, von der Nähe, der Privatsphäre, diesem halbkaputten, und deshalb so realistischen Verhältnis. Andererseits frage ich mich wirklich wie dieses Ende zustande kommen konnte und in welchem Zusammenhang es nun genau steht?

  2. 2
    gtaag Says:

    Ich finde das Ende auch problematisch, möglich sogar, daß es gar nichts mit dem Film zu tun hat. Ein Ausrutscher. Ich habe ihn verziehen und deshalb gar nicht erwähnt.

  3. 3
    Riitta Salonen Says:

    Ich bin die Mutter, Susannas Mutter. Den Film habe ich gesehen, in Leipzig. – Der Anfang einer Ehe.. es fing mit einem schrecklichen Unfall an. 1965 war ich in der Schweiz und las in der Zeitung über den Tod meines Bruders. Ein Militärdepot war explodiert und die naheliegenge Gegend dem Erdboden gleich gemacht, einschliessig meinem Elternhaus. Ich bin zurückgekommen und nach 2 Monaten habe ich Susannas Vater kennengelernt. Er wollte sich mit mir sofort verloben, ich habe eingewilligt. In die Ehe bin ich im Schock-Zustand eingegangen. Das sehe ich jetzt ein, aber ich liebe meine beiden Töchter ohne Ende. Sie wissen aber micht, was vorher passiert ist.

  4. 4
    Kirsten Rottmerhusen Says:

    Hallo Riitta, Hallo Annika, Hallo Susa,

    tja und dieser Schockzustand, Riitta, der war wohl auch nicht wirklich abzuschütteln!Er scheint Dich Dein gesamtes, vergangenes Leben begleitet und begleitet und nicht losgelassen zu haben. Daß Du etwas in Dir trägst, einen schmerz oder was auch immer , hab’ ich früher schon gemerkt, trage ich doch ein Schockerlebnis selber mit mir herum, mit dem ich nun langsam umgehen kann, auch Verlust von Heim und einem nahen Angehörigen nun gut- Also Susa, wenn Du das weißt warum bitte zerrst Du Deine Mutter nicht zu jemanden, der Riitta da heraushelfen kann, sondern VOR DIE KAMERA ?!??
    Ich finde es sehr delikat als Familienmitglied mit recht wenig Distanz diesen Schritt zu gehen, eine Art Tunnelblick zeigt sich da für mich. Überleg’ Dir was es bedeutet: einen nie verwundenen Alp mit sich zu tragen, Du weißt auch wie die Ehe auseinander gegangen ist?-? , alleinerziehend in den 80ern zu sein, starker materieller Druck , …Auch ich habe mit einer allein erziehenden Mutter gelebt und ich sage Euch- unsere Mütter haben sich den A… aufgerissen für uns. Natürlich sind dabei auch Dinge auf der Strecke geblieben… Doch Riitta aus Ihrer Situation heraus, wohl wissend, aber anscheinend nicht vertshend, sie fast vorzuführen , bzw als skurilles Koriosum darzustellen- tat mir persönlich weh, als ich den Film gesehen habe. Wieviel Hassliebe von Annika und Dir, wieviel Aburteilung steht dahinter? Eure Dreierbeziehung ist längst nicht aufgearbeitet, daß offenbart der Film auch. Susa, Du erwähnst am Ende des Films Deine Vergewaltigung”… und kurz darauf hat meine Mutter das Land verlassen” Ich will nicht zu arg herumpsychologisieren, doch was meinst Du, wie es eine Mutter, die selber ihren eigenen Alp nie verwunden hat, es verkraftet, wie das Kind, daß sie innigst liebt vergwaltigt wird. Es war Riitta anzusehen und ihr ins Gesicht gemißelt, daß ich jetzt-nach so vielen Jahren-immer noch ihr Gesicht vor mir habe. Ist Dir schon einmal der Gedanken gekommen, daß diese Flucht aus Hilflosigkeit geschenen ist? Daß es nichts mit Dir als Person, sondern als Ergebnis der eigenen Geschchte passiert ist? Das mindert nicht den Schmerz doch schafft es Verständnis? Auch bei vielleicht bei Annika, die ja wirklich sehr hart urteilt. Warum versucht ihr Euer aller Schmerz nicht zu überwinden und ein miteinander zu finden? Kämpft doch ein wenig-das wäre sicherlich der konstruktivere Weg, als seinen Schmerz durch einen Film, freien Lauf zu schenken.
    Ihr laßt Riittas Bruder vor laufender Kamera sagen, daß “Riitta der größte Looser Finnlands ist”- Respekt? Ach-oder sich lieber hinter der Tatsache verstecken, daß man ja einen Dokumentarfilm dreht?
    Zur Erklärung: ich bin mit Annika in die gleiche Klasse im Gymnasium eingeschult worden. Wir haben uns sehr schnell angefreundet. Wir waren im Urlaub zusammen bei der Großmutter in Finnland, haben zusammen auf dem Balkon übernachtet, mit Riitta und Susa die ersten “Computerspiele” vorr dem Fernseher gespeilt… Aufgrund meiner eigenen sehr unerfreulichen häuslichen Situation war ich viel bei den Salonens. Nach einiger Zeit war Riitta für mich soetwas wie eine Ersatzmutter, in der Pupertät mehr eine Freundin und ich habe sie geliebt. Riitta hat wie wir alle auch Ecken, Kanten, Macken und ihre Fluchten, was der Film ja nun auch zeigt. Ich habe von ihr aber Dinge gelernt, die mir mein Elternhaus und mein Umfeld nicht mitgeben konnten: Riitta hat mich immer bestärkt und gestärkt, sich auseinandergesetzt Freude, Spaß und Leichtigkeit verbreitet. Daß dahinter eine tiefe Wunde schlummerte, weiß ich jetzt. Danke Riitta!Du warst ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und hast mir viel mehr gegeben als wie Worte sagen könnten!Danke!

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