"Verbrechergedenktag"
Unter dem Eintrag “Verbrechergedenktag“ schrieb 40something:
“Warum wissen selbst Leute, die in einem vorgeblich bewusst antifaschistischen System wie der DDR oder im Ausland sozialisiert wurden, mit diesem Datum etwas anzufangen?”
Jetzt würde es schneller gehen, polemisch zu antworten, aber ich habe mir ja an irgendeinem ErstenJanuar vorgenommen, dieser Schwäche entgegenzuarbeiten und gerade in einem Blog kommt Polemik billig, finde ich.
Also: Aus meiner Erfahrung war die ddr kein “vorgeblich” antifaschistisches System, sondern sie war es. Zwar konnte man (und kann man erst recht heute, mit Abstand) Parallelen zu totalitären Regimen sehen, die fdj, die Kampfgruppen, die Staatssicherheit, aber trotzdem, das System war antifaschistisch. Ich meine, zich der Genossen in der Führungsetage haben im Konzentrationslager gesessen, bei einem Interviewmarathon 1988 (niemals ausgewertet) habe ich alleine 20 ehemalige Sachsenhausenhäftlinge kennengelernt, davon waren alle irgendwie mehr oder weniger hochgestiegen im Staatsapparat.
Gerade aber in der immer wieder zu jeder passenden und unpassenden Beschwörung des Antifaschismus liegt ein Grund, warum man “selbst” in der ddr den Geburtstag Hitlers kannte, dieses Datum im Bewußtsein so vieler Menschen, auch meinem, verankert ist: Die ddr war ein mehr gehaßtes als geliebtes Gebilde und immer, wenn man einer Sache nicht entfliehen kann und sie haßt, sucht man sich Möglichkeiten zur Oppositition, wo kann man Papa am meisten weh tun, wo hat er eine Wunde, die werde ich finden. Eine der Wunden war Antifaschismus. Nichts leichter als das, dem einen Tritt zu versetzen. Und wenns nur so ein bißchen ist, auf jeden Fall fühlt man sich dann wohler.
Mein Erklärungsversuch ist etwas einfach? Ja aber warum sollte ich (Jahrgang 1962) denn dann Hitlers Geburtstag kennen? Aber hab ich ihn begangen, gefeiert, gedacht. Nein, aufhören, ich will nicht polemisch sein.
April 25th, 2006 at 21:09
Den Begriff “vorgeblich antifaschistisches System” habe ich bewusst benutzt. Nicht weil ich der DDR eine Faschismus-Nähe unterstellen würde. Aber sich nach außen als “das bessere Deutschland” zu präsentieren und dann doch, wo es passte, Ex-Nazis zu nutzen, halte ich einfach für eine ziemliche Heuchelei. Insofern bin ich an der Stelle vielleicht etwas vordergründig.
40something | Homepage | 04.22.06 – 10:44 am | #
April 25th, 2006 at 21:10
letztlich geht es doch immer darum, was man weiß oder zu wissen glaubt. und es geht um das historische denken. jede auseinandersetzung, auch die polemisch geführte, setzt die betrachtung der konkreten geschichtlichen situation voraus. alles andere ist spekulation.
Max K. Berg | 04.23.06 – 3:22 am | #
April 25th, 2006 at 21:11
Selbstverständlich darf es auch eine “polemische Auseinandersetzung” geben, wenn denn eine Auseinandersetzung stattfindet. Ich habe aber (möglicherweise ganz persönlich gefärbt) den Verdacht, daß Polemik einfach ist. Zu einfach. Vielleicht ist das ja auch gar keine Plemik, aber wenn jemand einen Fakt aufgreift und dann darüber nichts anderes als herziehen kann, klar, es findet eine Auseinandersetzung statt, aber eine billige. Es ist dann so, als würde man einem Handelnden wegen seines Handelns und damit seiner stattfindenden Fehler schelten, bzw. diese Fehler genüßlich aufgreifen.
GTaag | Homepage | 04.23.06 – 10:57 am | #
April 25th, 2006 at 21:11
„Es ist dann so, als würde man einem Handelnden wegen seines Handelns und damit seiner stattfindenden Fehler schelten, bzw. diese Fehler genüßlich aufgreifen.” zustimmung, dies ist in der tat billige polemik, und leider über alle maßen verbreitet, auch in der vorgeblich seriösen politischen publizistik – sei es aus gezieltem desinteresse an oder infolge mangelden vermögens zur differenzierung.
im sinne der (wahrnehmbaren) überzeichnung eines sachverhaltes bis zur kenntlichkeit (!) kann polemik jedoch durchaus ein eigenes potential entfalten, aber – auch hier zustimmung – im kern muss es um die auseinandersetzung gehen, und nicht um klugscheißerei oder die bestätigung unumstößlicher (vor)urteile.
Max K. Berg | 04.23.06 – 7:43 pm | #