Den Roten Teppich bin ich nicht hinaufgelaufen, nicht weil ich mich hätte davor drücken wollen, aber der freundliche schrankbreite Herr im dunklen Anzug sagte, als wir ihn fragten, wo wir die Karten abholen könnten, da vorne, und so liefen wir außerhalb nach oben, seitlich, was denen oben gar nicht gefiel. Gäste haben eben über den Roten Teppich zu laufen, vorbei an den Schaulustigen und Autogrammjägern, hell beschienen von den blauen Tageslichtlampen, oder waren wir doch keine Gäste, T. und ich?
Doch, wir waren, schließlich habe ich den Originalton des Filmes aufgenommen, der schon am Olymp angeklopft hatte, er war nominiert zum Oscar für den besten ausländischen Film. Nun also Nominierung für den besten Film zum Deutschen Filmpreis, das also auch noch, und so fand sich mein Name auch wirklich auf der Gästeliste, aber T.s Name nicht, wobei man sich gnädig zeigte, sie durfte mit mir hinein.
T. im sommerfrischen Kleid, durch die hohen Schuhe 15 Zentimeter größer als ich. Ich im hellen Sakko und mit Schlips, ja.
T. hatte beim Anziehen gesagt, wir gingen viel zu wenig so weg, in dieser Garderobe. Ich finde das ja nicht, aber als ich sie sah beim Anprobieren dieser außergewöhnlichen Kleider, so schlank und groß und so eine Erscheinung, dass andere Männer sich umdrehen, das weiß ich, da dachte ich das doch, dass wir viel zu wenig so weggingen.
Das Palais am Funkturm ist nichts für kleckernde Veranstaltungen, da muss geklotzt werden. Und so wurde geklotzt. 4 Buffets habe ich gezählt auf den beiden Etagen und bestimmt ein Dutzend Theken für Bier, Wein und Cocktails. Und wer es schnell haben musste, griff fürs Bier in einen der Kühlschränke, wie man sie aus Tankstellen und Supermärkten kennt. Die waren überhall zu finden. Ein Öffner hing auch an einer Strippe, man brauchte sich nicht zu sorgen.
So musste man sich mehr sorgen, verloren zu gehen. Heute habe ich gelesen, es seien 2000 Menschen da gewesen, das sind also 2000. Ich denke es waren locker 1000 mehr. Es war wirklich so, dass man sich sehr gut übersehen konnte, wenn man sich nicht sehen wollte, aber genauso eben auch andersherum: Man fand sich einfach nicht. In diesem Gedrängel und Gewimmel. So hatte ich den Eindruck, dass es hauptsächlich eine Party des suchenden Herumlaufens und des verzweifelten Handybenutzens war. Eigenartig. Denn man war ja hauptsächlich da, um sich zu treffen und sich sehen zu lassen, sich in Erinnerung zu rufen, Kontakte zu pflegen, unverbindlich zu reden, zu zeigen, dass es einem gut geht, dass man im Geschäft ist, dass man lebt, gut aussieht, weiter zur Verfügung steht. Alles so etwas, so etwas Schreckliches. Wie es so ist in einer Freiberuflerbranche.
Und so war es wie immer: Man traf dann doch endlich jemanden, der, im Gespräch. – Im normalen Leben hätte man ihn nie angesprochen, hätte abgewartet, mindestens auf ein Luftholen hätte man gewartet, und sich dann entschuldigt, ob der Unterbrechung, aber hier, oder vergleichbaren Parties, da brauchte man das nicht, ging einfach drauf zu, wurde sofort auch mit der gebührenden Aufmerksamkeit bedacht und musste sich gar nicht kümmern, dass man gerade unterbrochen hat, man wechselte kurze vertraute Worte, schließlich baut man ja auf gemeinsame Arbeit und Erlebnisse, hatte sich lange nicht gesehen und so ging es nicht mal unangenehm und nicht einmal erschöpfend, bis dann, oft im guten Timing ein anderer dazwischentrat, man wurde auch noch vorgestellt manchmal, ich genoss es einigermaßen, als der Tonmeister vorgestellt zu werden, der in Palästina auch ausgehalten hat, als das Filmprojekt eigentlich gerade begann, den Bach hinunterzugehen und die Hälfte des Teams das Handtuch geworfen hatte. Gar nicht mal so schlecht, wenn das so in den Köpfen drin ist, entspricht ja auch der Wahrheit, aber wann wird man denn schon mal fürs Aushalten gelobt, in dem Fall honoriert es sogar die Branche, vor allem wenn dann ein Film dabei herausgekommen ist, der allgemein geadelt wird. Vor allen Dingen deshalb.
Und so konnte man weiterswitschen, mit Alkohol üppig versorgt, so ein Abend. Zwischendurch ging T. auch verloren, ich machte mir erst keine Gedanken, dieses Kleid würde auch im größten Gewimmel auffallen, denn man trug hier allgemein gedeckt, sprich dunkel, aber denkste, ich sah sie nicht, immer wurde ich gefunden. Weil ich mich ja auch dauernd unterhalten musste.
Aber irgendwie. Irgendwie war es schon eigenartig. Wir gingen, uns einig, kurz nach eins. Das war früh. Zwar liefen nicht mehr gar zu viele suchend durch die Gegend, sondern waren im Switschprozess, aber es reichte. Ich mag solche unruhigen Veranstaltungen nicht. Was eine ungelassene Branche. Es war nicht einmal dazu angetan, sich da so richtig zu betrinken und lange auszuhalten, bis es lichter werden würde und sich einzelne harte Kerne gebildet hätten. Nicht einmal das.
Auf dem Weg hinaus begegneten wir diversen Tatortkommissaren und beobachteten eine Frau, die ein Kissen offen und offensichtlich als Souvenir mit hinaustrug, so eine blonde, hochgewachsene mit Hüftschwung. Dieses Kissen, sie trug es so wie es sein musste, ganz selbstverständlich, und, geklaut. Über dieser Beobachtung vergaßen wir ganz den Roten Teppich zu genießen und immer noch unten die Bewunderer und Erhascher und Autogrammjäger. Mit dem Kissen stieg die blonde in ein Taxi. Ich werde mal bei eBay gucken: „Sie bieten auf ein original 2006er Filmpreis-Kissen von Tom Tailor. Darauf gesessen haben die Ärsche von Ulrich Mühe, Sandra Hüller und Florian Henckel von Donnersmarck. Startpreis: 1 Euro.“