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27. August 2006

Kirchenglocken

Abgelegt unter: Uckermark — gtaag @ 16:09
Am Sonnabend habe ich auf die Kirchenglocken in T. gewartet, erst da wollte ich zur Beerdigung losgehen. Aber die Glocken läuteten nicht und so war es 5 Minuten vor 1, als ich die Kirche betrat. Ganz still war es und die kleine Kirche war bis auf den vorletzten Platz gefüllt, man schwieg und wartete, und so war es wie ein Auftritt, als ich durch die Seitentür hineintrat, ich fand den letzten Platz, zufällig neben den Nachbarn. Ich hatte den Eindruck, dass man erstaunt war, dass ich gekommen war, scheinbar erwartet man von jemandem, der sich eher abseits hält selbst das Absurdeste, auch nicht zu kommen zu einer Beerdigung. Dabei hat das Abseitshalten ja wohl nichts mit so einem Anlass zu tun.
Inge Grams war vor einer Woche gestorben, 75 Jahre alt, ich hatte sie kennen gelernt, weil sie einmal im Jahr zu mir in den Vorgarten kam und Zweige vom Wacholder abschnitt. Da gab es auch keine Frage, als ich der neue Besitzer geworden war, das würde sie weiterhin machen, einmal im Jahr Wachholderzweige schneiden. Ansonsten hatten wir nicht viel miteinander gesprochen, nur gegrüßt hatten wir uns, sie und ihr Mann Gustav waren die Nachbarn von schräg gegenüber und ich wusste, sie konnten mein Haus gut beobachten von ihrem Stubenfenster aus, man fühlt sich ja automatisch sicherer, wenn jemand beobachten kann, was so bei einem selber vorgeht, auch wenn man nicht da ist.
Die Trauerfeier war steif und ohne Aufregung, der Pfarrer mit seinem leichten sächsischen Tremolo in der Stimme schnurrte einen vorgegebenen Ablauf hinunter, so schien es mir. Mitgesungen hat kaum jemand und an Stellen, wo die Gemeinde eigentlich ein Amen hätte sagen müssen, schwieg es. Später, draußen, das Vaterunser sprach auch kaum jemand mit. Ich auch nicht. Ich kann es einfach nicht. Das erste Mal dachte ich, ich sollte es mal lernen. Das Vaterunser ist eine feine Sache.
Später erfuhr ich, das Läuten der Glocken sei gar nicht erlaubt.
Vor einer Woche haben wir es doch gemacht. Ich finde solche Zeichen in einem Dorf sehr wichtig. Sylvester zur Begrüßung des Neuen Jahres oder wenn jemand stirbt. So habe ich das erste Mal in meinem Leben Kirchenglocken geläutet und das auch noch unter Lebensgefahr. Denn wenn die Glocke hinuntergekommen wäre, man befindet sich unweigerlich beim Läuten darunter. Aber auch denke ich, hier in Deutschland, wenn der Strick noch hängt, so schlimm kann es nicht sein. Ein Verbot wird da schneller ausgesprochen.
Nein, der auf dem Video bin nicht ich. Das ist der Nachbar Michael L.

24. August 2006

Wetter

Abgelegt unter: Uckermark — gtaag @ 22:59
Zuerst braute sich nur so ein ganz normales Gewitter zusammen, mit einem schwülen Nachmittag und zunehmend dicker werdenden Wolken und in den Wolkenlücken mit stechender Sonne, dann wurden die Wolken dunkler und es begann in der Ferne zu donnern.
Na man kennt das ja, man schafft so langsam die Dinge ins Haus, die nicht unbedingt nass werden sollen und schließt die Dachfenster, ist irgendwie ganz ruhig und trotzdem sehr aufmerksam: Da kommt etwas, das ist nicht lustig, man hat die Augen schon offen, ist umsichtig,  für seinen Schutz.
Was dann kam war in der Windstille von Südosten aus zu hören, es rauschte wie ein übergelaufener Gebirgsbach oder als hätte man eine Verstärkeranlage mit offenen Kabeln auf Vollanschlag gedreht: Es war gerade noch Zeit genug, die Schuhe hineinzuholen und die Tür zu schließen, dann brach das Unwetter mit einer Macht los, wie ich es so in diesen uckermärkischen Breiten noch niemals erlebt habe. Es war wie in einem unter hohem Druck stehenden Windkanal auf einmal sich zu befinden, sehr elementar, sehr eindeutig, ich dachte nur, adé Scheune, mein Mikadoständerwerk, adé Stalldach. Zeit wird es ja für euch.
Die begleitenden Wassermassen fluteten das Gelände, ein bisschen Hagel gab es auch, aber nicht schlimm, nur noch so als Dreingabe.
Jetzt hat sich das Aussehen der Scheune etwas verändert, so einiges Ständerwerk im vorderen Teil ist hinuntergekommen. Nur hinten hat sie getrotzt, sie macht nur etwas dickere Backen. Das Dach vom Stall, heute konnte ich ohne Leiter und ohne Angst, erschlagen zu werden mit der Kettensäge arbeiten. Warum für Holz in den Wald gehen, wenn es einem einfach so vor die Füße geworfen wird. Der Sturm hat so was um die eineinhalb Raummeter gebracht. Das Haus ist heil geblieben. Nicht einmal ein Dachziegel hat geklappert.

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16. August 2006

Graß

Abgelegt unter: Allgemein — gtaag @ 15:00
Manch einer schreibt Grass nun schon mit zwei großen s im Namen, weil das ja so einfach ist und so billig. Aber das mit den zwei s ist falsch, in den Akten, die der BfA vorliegen und die 1993 zur Berechnung von Grass’ Rente herangezogen wurden befindet sich ein Dokument der alliierten Militärpolizei, in dem Grass seine Tätigkeit in den letzten Jahren vor Kriegsende benennen musste und dort schreibt er „Waffen-SS“ und unterschreibt mit Graß, also mit einem ß.
Nun, es gab keinen Grund, in der Angelegenheit Grass die Vergangenheit zu befragen, jedenfalls hat das niemand getan und auch der BfA-Beamte damals hat die Tragweite dieser Bescheinigung nicht erkannt, oder er kannte Grass nicht oder er war einfach nur dienstverschwiegen.
Grass hat selber und ungefragt Auskunft gegeben. In seiner Autobiographie. Nun wundert er sich über einen sehr lauten und einen eher leisen Aufschrei um seine Person und seine Vergangenheit. Der laute Aufschrei, die zwei großen s in seinem Namen. Der leise Aufschrei, der sich fragt, wie so etwas überhaupt sein könne, warum Grass 60 Jahre später mit diesem so wichtigen Detail aus seiner Vergangenheit herausgerückt ist. Warum hat er so lange darüber geschwiegen?
In einem Beitrag gestern in den tagesthemen sagte er, dass er damit leben müsse, mit dieser Kritik. Und dass 60 Jahre lang sein Handeln von Scham geprägt war. Und um zu verstehen, solle man seine Autobiographie lesen. Mehr hatte er nicht mitzuteilen oder jedenfalls nicht für den Moment. Denn da gibt es ja noch die Sendung “Wickerts Bücher”. Dort könne man dann mehr und vollständiger. Und damit erst einmal tschüß.

Im Grunde meines Herzens weigere ich mich zu glauben, dass es sich bei allem nur um billiges Marketing händeln könne. Das wird es doch wohl nicht? Immerhin ist es ja nicht gerade einfach, 2 oder 3 Tage sich in den Top-Meldungen zu bewegen. Das ist Grass immerhin gelungen. Oder hatte er einfach nur keine oder schlechte Berater und es hat sich da etwas verselbständigt?
Nun wurde auch einer oder der BfA-Beamte aufgetan. Er stand mit schütterem Haar und C&A-Anzug vor einer nicht enden wollenden Wand gefüllt mit Aktenbündeln. Nicht einmal Akten, die ordentlich in Ordner geheftet waren, sondern in Mappen und die nicht aufrecht standen, sondern auf dem Rücken lagen sie, dicht bei dicht. Das spart Platz. Der Beamte sprach in so einem verwunderten Tonfall, dass man, hätte man gefragt es schon lange hätte wissen können. Und die Bescheinigung wurde eingeblendet. Grass hat also eigentlich nichts verschwiegen.
Ich denke, es gab eher keinen Anlass zum Fragenstellen. So kann das Nichtbenennen, also Verschweigen, einer eher nebensächlichen Tatsache diese zu einem Brand werden lassen, während doch eigentlich sich dadurch nichts relativieren kann im späteren Leben dieses Mannes. Aber nun kann es und macht es, mindestens in seinem moralisch-politischen Leben. Nur da sollte es. In seinem schriftstellerischen Werk sollte es nicht.

Grass mit eszet, natürlich. Er kann ja wieder zurückwandeln, immerhin ist ja im Deutschen und in Eigennamen das ß noch wohlgelitten.

9. August 2006

Albanien

Abgelegt unter: Allgemein — gtaag @ 23:19
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Es gibt ja Gegenstände im Haushalt, die werden nicht ersetzt, obwohl es bessere als sie gibt und die hängen einem an und man ärgert sich jedes Mal, wenn man sie benutzt und erinnert sich, woher man sie hat und dass man sie nun schon so lange schon hat und ärgert sich wieder, weil sie unpraktisch sind und müht sich um sie, putzt und säubert sie, um sich das nächste Mal wieder zu ärgern und sich zum xten Male einen Ersatz vorzunehmen. Denn schließlich, man habe es ja nicht nötig so etwas mitzumachen, so ein Mistteil, auf den Schrott gehöre das und nur dort hin!
So ist das mit dieser Knoblauchpresse, seit 1988 habe ich sie, damals in Albanien gekauft. Seitdem hängt sie mir an. Den Knoblauch presst sie auch ganz gut durch, da kann man nichts sagen, aber hinterher muss man mit einem Messer ran, die Reste herausfummeln und die unregelmäßigen Löcher werden nur richtig und auch alle frei, wenn man mit einem Zahnstocher durchpiekst, jedes einzelne Loch. Was ist das nur für ein Haushaltsgegenstand, so was von nervend. Und während der Reinigung kommt unweigerlich die Erinnerung an Albanien, nicht unbedingt eine konkrete Erinnerung, eher so ein Gefühl um eine vergangene Zeit, die was mit der ddr zu tun hat und mit den Veränderungen und dass man entronnen ist, alles so was. Denn eigentlich, das stimmt, so eine Knoblauchpresse ist heute nicht mehr nötig. Damit müsste ich mich nicht quälen. In Berlin auch, im anderen Haushalt, da gibt es mittlerweile eine, die hat so was wie Noppen, die sich durch die Löcher mit hindurchpressen. Das ist eine fortschrittliche Presse! Die braucht man nur noch ins Wasser tauchen und ein bisschen und ganz leicht mit einem Messer bearbeiten, schon ist sie sauber. Aber woran erinnere ich mich, wenn ich sie benutze? An Albanien auf jeden Fall nicht.
Albanien. Vor 18 Jahren ein abgeschottetes Land mit einer Kette von Bunkern, drei mal drei Meter im Quadrat und eine runden Betonhaube oben drauf. Jeder Bunker war mit einem Graben mit dem anderen verbunden. So sollte der einzige und wahre Sozialismus verteidigt werden können, gegen den Sowjetimperialismus und den Kapitalismus sowieso. Jedenfalls sah das Enver Hoxha so. Der ist nun schon eine Weile tot. 88 standen sich in Tirana noch Lenin und Stalin gegenüber, überlebensgroße Statuen, ich glaube sie haben einander mit hocherhobenem Arm gegrüßt. Ob die noch immer dort so stehen?
Die Flüge sind gebucht, es wird Zeit, dort wieder einmal vorbeizuschauen.

Heute habe ich wieder diese Knoblauchpresse in den Händen gehabt. So ein Mistding. Nein, keine Angst, ich werde das Ding nicht mitnehmen und in Saranda im Ionischen Meer versenken. Es gibt sehr wenige Gegenstände, die bleiben. Dazu gehört diese Knoblauchpresse. Wenn sie dann doch eines Tages einen Ersatz finden sollte verdient ihr ein Platz in einer Vitrine. Danke Enver, Danke Erich. Danke Michail, Helmut.

Nachtrag 24.8.06:
Meinen Eltern habe ich damals auch so eine Knoblauchpresse mitgebracht. Irgendetwas muss man ja mitbringen, aus fernem Ausland. Unlängst zu Besuch hielt meine Mutter das Teil hoch und sagte: Das Mistding. Aber sie bekomme es ganz gut sauber mit einer Abwaschbürste. Nicht so mit Zahnstochern. Trotzdem Mistding. Nur einmal habe es kurzzeitig Ersatz gegeben. Das habe aber nicht durchgehalten.

3. August 2006

Pläntern im Wald

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 23:33
Man hatte mit einer Idee trumpfen wollen, den Bereich um den Bahnhof Zoo wieder zum Magneten zu machen, nachdem der Bahnhof zur Waise geworden ist und der Hauptbahnhof Berlin beim Regierungssitz und beim Tiergartentunnel dem Zoo das Wasser abgegraben hat, aber noch durchs Fehlen jeglicher Urbanität nicht weiß, wie er sich verhalten soll, freundlich oder kühl, einladend oder abweisend. Die Idee für den Bahnhof Zoo: Ein Riesenrad müsse her. Ein Riesenrad, das hat Berlin nicht, die Besucher und auch die Berliner würden kommen, würden ihre Currywurst essen und vielleicht das eine oder andere T-Shirt kaufen, jedenfalls den Umsatz in der Umgebung ankurbeln, darum geht es ja bei allen neuen Ideen um diesen alten Ort in Westberlin, es geht um nichts anderes.
Ein Riesenrad hat Berlin noch nicht? Was ist denn mit dem im Plänterwald? Mit 45 Metern Höhe ist das Ding doch ganz anständig, ist gar nicht zu übersehen, richtig kreisrund ist es auch und hat im ordentlichen Abstand seine Gondeln hängen. Der einzige Nachteil, es dreht sich nicht. Seit 5 Jahren dreht es sich nicht mehr, seitdem ist der „Freizeit und Erholungspark Plänterwald“ geschlossen, zwar kann man noch die Homepage besichtigen, das ist aber auch alles, ansonsten säumt das Areal ein Zaun ohne Lücken und ein privater Wachdienst tut seine Runden. Der Liegenschaftsfond verwaltet den Ort, wie es ehemalige Kasernen oder Krankenhausareale verwaltet, irgendjemand muss ja diese Orte verwalten, schließlich gehören sie ja jemanden, haben aber einen Nachteil, sie haben keine Nutzung.
Nun hat die Neuköllner Oper den Plänterwald entdeckt. An 3 Sonntagen hat sie die 5 Kassenhäuschen am Eingang zum Vergnügungspark besetzt. Die Kassenhäuschen sehen ein bisschen so aus wie die Grenzabfertigungsschalter früher an den Interzonengrenzen und so, wie man sie noch zwischen Polen und dem Kaliningrader Oblask besichtigen kann, mit eckigem Wellblech und einem Vordach und drin sitzt ein Männlein in Uniform, das seiner Arbeit nachgeht, stoisch, mit einer gewissen Unfreundlichkeit im Programm, jedenfalls scheint eckiges Wellblech Unfreundlichkeit zu provozieren. So nicht bei der Neuköllner Oper: In den 5 Kassenhäuschen werden den anstehenden Besuchern Geschichten erzählt, Meldungen werden vorgelesen, das Fürchten wird gelehrt, Lose werden verkauft und vielleicht auch Zuckerwatte. Zwischendurch singen die 5 Kassendamen in grünen Kittelschürzen Lieder der sozialistischen Jugend und auch einmal einen HERmannTIEze Werbesong, A-Capella, sehr rein, sehr klar, sehr gar nicht von dieser Welt.

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Mit diesem Vergnügungspark ist es eigenartig. Erst 5 Jahre ist er geschlossen und schon hängen so viele Leute mit ihren Erinnerungen daran, machen den Ort fest mit Verlust und Vergangenheit, sind traurig und sentimental und schauen sehnsüchtig durch den Zaun. Einer, der stand und rüttelte daran, nicht aggressiv, eher fassungslos, als könne er es nicht glauben. Sehr alleine, sehr für sich.
Eine große Berliner Tageszeitung hatte geschrieben, „Treffpunkt“ für die 3 Sonntage seien die Kassenhäuschen und Treffpunkt, das suggeriert, dass es weitergehen würde, nein, man kann nicht hinein, es gibt keine Führung, das Riesenrad wird nicht angeworfen und die Schwäne mit ihren Sätteln befreien sich nicht vom Unkraut, um die Kinder im Kreis zu reiten. Das will und kann die Neuköllner Oper nicht leisten, und manch einer ist enttäuscht, dass auf andere Art seine Erinnerung auf Reisen geschickt werden möchte. Die sich darauf eingelassen hatten verweilten an den wachtuchsbespannten Tischen, machten mit ihren Fotoapparaten und Handys Fotos, waren ansonsten verträumt und von einer Ruhe, sie waren in Watte aus Erinnerungen gehüllt.

Noch 2 Sonntage kann man so auf die Reise gehen. Der Weg wird sich lohnen. (weiterlesen…)