|GTaag|

3. August 2006

Pläntern im Wald

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 23:33
Man hatte mit einer Idee trumpfen wollen, den Bereich um den Bahnhof Zoo wieder zum Magneten zu machen, nachdem der Bahnhof zur Waise geworden ist und der Hauptbahnhof Berlin beim Regierungssitz und beim Tiergartentunnel dem Zoo das Wasser abgegraben hat, aber noch durchs Fehlen jeglicher Urbanität nicht weiß, wie er sich verhalten soll, freundlich oder kühl, einladend oder abweisend. Die Idee für den Bahnhof Zoo: Ein Riesenrad müsse her. Ein Riesenrad, das hat Berlin nicht, die Besucher und auch die Berliner würden kommen, würden ihre Currywurst essen und vielleicht das eine oder andere T-Shirt kaufen, jedenfalls den Umsatz in der Umgebung ankurbeln, darum geht es ja bei allen neuen Ideen um diesen alten Ort in Westberlin, es geht um nichts anderes.
Ein Riesenrad hat Berlin noch nicht? Was ist denn mit dem im Plänterwald? Mit 45 Metern Höhe ist das Ding doch ganz anständig, ist gar nicht zu übersehen, richtig kreisrund ist es auch und hat im ordentlichen Abstand seine Gondeln hängen. Der einzige Nachteil, es dreht sich nicht. Seit 5 Jahren dreht es sich nicht mehr, seitdem ist der „Freizeit und Erholungspark Plänterwald“ geschlossen, zwar kann man noch die Homepage besichtigen, das ist aber auch alles, ansonsten säumt das Areal ein Zaun ohne Lücken und ein privater Wachdienst tut seine Runden. Der Liegenschaftsfond verwaltet den Ort, wie es ehemalige Kasernen oder Krankenhausareale verwaltet, irgendjemand muss ja diese Orte verwalten, schließlich gehören sie ja jemanden, haben aber einen Nachteil, sie haben keine Nutzung.
Nun hat die Neuköllner Oper den Plänterwald entdeckt. An 3 Sonntagen hat sie die 5 Kassenhäuschen am Eingang zum Vergnügungspark besetzt. Die Kassenhäuschen sehen ein bisschen so aus wie die Grenzabfertigungsschalter früher an den Interzonengrenzen und so, wie man sie noch zwischen Polen und dem Kaliningrader Oblask besichtigen kann, mit eckigem Wellblech und einem Vordach und drin sitzt ein Männlein in Uniform, das seiner Arbeit nachgeht, stoisch, mit einer gewissen Unfreundlichkeit im Programm, jedenfalls scheint eckiges Wellblech Unfreundlichkeit zu provozieren. So nicht bei der Neuköllner Oper: In den 5 Kassenhäuschen werden den anstehenden Besuchern Geschichten erzählt, Meldungen werden vorgelesen, das Fürchten wird gelehrt, Lose werden verkauft und vielleicht auch Zuckerwatte. Zwischendurch singen die 5 Kassendamen in grünen Kittelschürzen Lieder der sozialistischen Jugend und auch einmal einen HERmannTIEze Werbesong, A-Capella, sehr rein, sehr klar, sehr gar nicht von dieser Welt.

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Mit diesem Vergnügungspark ist es eigenartig. Erst 5 Jahre ist er geschlossen und schon hängen so viele Leute mit ihren Erinnerungen daran, machen den Ort fest mit Verlust und Vergangenheit, sind traurig und sentimental und schauen sehnsüchtig durch den Zaun. Einer, der stand und rüttelte daran, nicht aggressiv, eher fassungslos, als könne er es nicht glauben. Sehr alleine, sehr für sich.
Eine große Berliner Tageszeitung hatte geschrieben, „Treffpunkt“ für die 3 Sonntage seien die Kassenhäuschen und Treffpunkt, das suggeriert, dass es weitergehen würde, nein, man kann nicht hinein, es gibt keine Führung, das Riesenrad wird nicht angeworfen und die Schwäne mit ihren Sätteln befreien sich nicht vom Unkraut, um die Kinder im Kreis zu reiten. Das will und kann die Neuköllner Oper nicht leisten, und manch einer ist enttäuscht, dass auf andere Art seine Erinnerung auf Reisen geschickt werden möchte. Die sich darauf eingelassen hatten verweilten an den wachtuchsbespannten Tischen, machten mit ihren Fotoapparaten und Handys Fotos, waren ansonsten verträumt und von einer Ruhe, sie waren in Watte aus Erinnerungen gehüllt.

Noch 2 Sonntage kann man so auf die Reise gehen. Der Weg wird sich lohnen.

Die Neuköllner Oper im Plänterwald: Noch am 6.August und am 13.August. 15-18Uhr. An den Kassenhäuschen.

Was aus dem Riesenrad am Bahnhof Zoo werden wird? Es ist still darum geworden. Vielleicht befürchtet man ja, dass so ein Riesenrad mit seinem Kreis und Kreis und Kreis irgendwann wohl doch etwas langweilig werden könnte und kein Selbstläufer ist, wie einst der Zugverkehr es war. Der Liegenschaftsfond wird zwar nicht kommen. Nur eben wird man erkennen müssen, dass sich so eine Stadt in Ost wie in West mit ihrer Konjunktur auf eine Art verändert, wie man so meistens es nicht vorhersehen kann. Oder nicht will.

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