|GTaag|

16. August 2006

Graß

Abgelegt unter: Allgemein — gtaag @ 15:00
Manch einer schreibt Grass nun schon mit zwei großen s im Namen, weil das ja so einfach ist und so billig. Aber das mit den zwei s ist falsch, in den Akten, die der BfA vorliegen und die 1993 zur Berechnung von Grass’ Rente herangezogen wurden befindet sich ein Dokument der alliierten Militärpolizei, in dem Grass seine Tätigkeit in den letzten Jahren vor Kriegsende benennen musste und dort schreibt er „Waffen-SS“ und unterschreibt mit Graß, also mit einem ß.
Nun, es gab keinen Grund, in der Angelegenheit Grass die Vergangenheit zu befragen, jedenfalls hat das niemand getan und auch der BfA-Beamte damals hat die Tragweite dieser Bescheinigung nicht erkannt, oder er kannte Grass nicht oder er war einfach nur dienstverschwiegen.
Grass hat selber und ungefragt Auskunft gegeben. In seiner Autobiographie. Nun wundert er sich über einen sehr lauten und einen eher leisen Aufschrei um seine Person und seine Vergangenheit. Der laute Aufschrei, die zwei großen s in seinem Namen. Der leise Aufschrei, der sich fragt, wie so etwas überhaupt sein könne, warum Grass 60 Jahre später mit diesem so wichtigen Detail aus seiner Vergangenheit herausgerückt ist. Warum hat er so lange darüber geschwiegen?
In einem Beitrag gestern in den tagesthemen sagte er, dass er damit leben müsse, mit dieser Kritik. Und dass 60 Jahre lang sein Handeln von Scham geprägt war. Und um zu verstehen, solle man seine Autobiographie lesen. Mehr hatte er nicht mitzuteilen oder jedenfalls nicht für den Moment. Denn da gibt es ja noch die Sendung “Wickerts Bücher”. Dort könne man dann mehr und vollständiger. Und damit erst einmal tschüß.

Im Grunde meines Herzens weigere ich mich zu glauben, dass es sich bei allem nur um billiges Marketing händeln könne. Das wird es doch wohl nicht? Immerhin ist es ja nicht gerade einfach, 2 oder 3 Tage sich in den Top-Meldungen zu bewegen. Das ist Grass immerhin gelungen. Oder hatte er einfach nur keine oder schlechte Berater und es hat sich da etwas verselbständigt?
Nun wurde auch einer oder der BfA-Beamte aufgetan. Er stand mit schütterem Haar und C&A-Anzug vor einer nicht enden wollenden Wand gefüllt mit Aktenbündeln. Nicht einmal Akten, die ordentlich in Ordner geheftet waren, sondern in Mappen und die nicht aufrecht standen, sondern auf dem Rücken lagen sie, dicht bei dicht. Das spart Platz. Der Beamte sprach in so einem verwunderten Tonfall, dass man, hätte man gefragt es schon lange hätte wissen können. Und die Bescheinigung wurde eingeblendet. Grass hat also eigentlich nichts verschwiegen.
Ich denke, es gab eher keinen Anlass zum Fragenstellen. So kann das Nichtbenennen, also Verschweigen, einer eher nebensächlichen Tatsache diese zu einem Brand werden lassen, während doch eigentlich sich dadurch nichts relativieren kann im späteren Leben dieses Mannes. Aber nun kann es und macht es, mindestens in seinem moralisch-politischen Leben. Nur da sollte es. In seinem schriftstellerischen Werk sollte es nicht.

Grass mit eszet, natürlich. Er kann ja wieder zurückwandeln, immerhin ist ja im Deutschen und in Eigennamen das ß noch wohlgelitten.

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