[30.8.06] An einen Ort zurückzukehren, mit dem sich sehr viele Erinnerungen verbinden und man sogar sagen kann, dass man damals an diesem Ort an einem Scheideweg gestanden hat, ist eine eigenartige Angelegenheit. Schon deshalb, wenn man sicher annehmen konnte, nie wieder dorthin zurückkehren zu können. Die Verhältnisse 1988 waren zementiert,
den Kommunismus in seinen Lauf hält weder Ochs noch Esel auf, 1988, die Mauer, sie würde weiter stehen bleiben, weil man das sein ganzes Leben lang gesagt bekommen hat und es deshalb zur Wahrheit geworden war und weil Leute, die in irgendeiner Weise in den Westen gegangen waren auch wirklich weg waren, sie waren verloren. Diese Zeit hatte etwas endgültiges, etwas aussichtsloses. Nein, es würde sich niemals etwas ändern, man konnte nur in die innere Emigration gehen oder in irgendeiner Weise versuchen, sich davon zu machen.
Ich war 1988 durch ein Versehen in Albanien gelandet. Inmitten einer Gruppe von kleinen Beamten und Zuträgern und höheren Angestellten des Staatssicherheitsapparates der ddr. Dieses Versehen mich dort wieder zu finden hat sich nie aufklären lassen, ich vermute, dass es mit einem Spezialprogramm der Berliner Charité zusammengehangen hat, seit frühester Kindheit war ich zur Kur gefahren, die positiven oder negativen Auswirkungen des Klimas auf den Zustand der Haut wurden aufgezeichnet, in einem Langzeittest. Nur so kann ich mir den Aufenthalt in Albanien erklären, denn Hautwerte haben nichts mit Gesinnungswerten zu tun.
So schaute ich von Saranda nach Korfu hinüber. Korfu, das liegt nicht weit, aber trotzdem, 10 und mehr Kilometer mochten es schon sein, das ist nicht zu schwimmen, selbst durch ein warmes und ein klares Salzwasser nicht, ohne Training und ohne Vorbereitung schon gar nicht. Die Bunkerketten entlang der albanischen Küste sprachen auch eine eindeutige Sprache, so nah es doch schien und so einfach auch, keinen Schritt weiter war man hier, in Saranda. (Allerdings, schon 1988 wurden die Bunker mehr als Toilette benutzt, ich war in keinem richtig drin, um den Eindruck eines Bunkers auf mich wirken lassen zu können, alle waren vollgeschissen mit dunklen Haufen breiiger Konsistenz und auffällig vielen Körnerresten.)
So war ich in den 5 Wochen in Saranda nur zum guten Schwimmer geworden, denn ich hatte trotzdem jeden Tag trainiert, immer die Küste entlang und nicht zu weit, damit es nicht auffiel. Ich schimme eben gerne, hatte ich gesagt, was gar nicht stimmt. Tatsächlich bin ich nie wieder so viel geschwommen wie vor 18 Jahren, es war so, als hätte ich mein Pensum für die nächsten Jahre mit einem Mal erfüllt.
Nun sehe ich Saranda wieder.
Täglich gibt es mehrere Fährverbindungen von Corfu nach Saranda, die Passkontrolle erfolgt routiniert und es gibt keines Aufhebens wegen des Gepäcks, das interessiert einfach nicht. Ein Schäferhund liegt desinteressiert auf dem Boden. Man hat den Eindruck, dass die Kontrollen eher der Form halber gemacht werden, fast wie ein lästiger aber notwendiger Akt. Sie verlassen die Europäische Gemeinschaft. Hier beginnt richtiges Ausland. Hier ist Albanien.
Es gibt eine Kabine mit einem Grenzbeamten drin, der sich mit den fremden Schriftzeichen abmüht, die er jeden einzelnen auf ein Zettelchen postsozialistischer Art übertragen muss, solche Zettel wie früher das dünne und durchscheinende Durchschlagpapier sozialistischer Staaten. Wie sich später herausstellt, der Zettel ist das Visum, darauf der Vermerk, 10 Euro bezahlt zu haben. So wird man hineingelassen, Albanien, mit so einem kleinen Zettel in der Hand, den man sorgsam verstaut in der Passhülle, wie man sowieso diese Passhülle nur für diese kleinen und unscheinbaren und einem als Schmierpapier anmutende Zettelchen benötigt, die bei der Ausreise wieder eine so große Wichtigkeit bekommen können. Also nicht verlieren, schön verwahren.
Schon von weitem ist Saranda nicht als das zu erkennen, wie ich es in Erinnerung habe, wobei ich gestehen muss, dass ich an Saranda nicht sehr viele Erinnerungen habe, außer die an das Meer, aber an Hochhäuser in dieser Form und so weit ausgebreitet über die Bucht und auch an den Hängen der Berge, daran gibt es keine Erinnerung. Das konnte auch so heftig erst in den letzten Jahren entstanden sein, denn es sind sehr viele Hochhausgerippe zu sehen, 6 bis 8 Plattformen, die im Kern an Stahlträgersäulen sich freischwebend tragen, später erst würden die Außenwände mit den Fenstern gemauert werden und ihnen ein Gesicht geben, wenig uniform, wie es Hochhäuser eigentlich sind, später sah ich sogar in den albanischen Alpen solche Stahlbetongerippe als Gerüst für sehr individuell aussehende Häuser, die von außen sogar eine Verkleidung aus den in der Landschaft vorherrschenden Materialien bekamen.
Die Bunker sind in Saranda verschwunden, da war man gründlich, nicht einen hat man stehen gelassen, das ist Albanien in Saranda, so habe ich es sofort gesehen und nach 18 Jahren. Nun komme ich aus Griechenland und werde mit meinem Pass quasi durchgewunken, nur auf das kleine Zettelchen muss ich aufpassen, das unbedingt.
In Saranda sind 6 Leute durch Hotels reich geworden und so wie im Jahre 1996, als der überwiegende Teil der Albaner durch Pyramidenbankgeschäfte um ihr Erspartes betrogen worden waren und es zu einem regelrechten Exodus Richtung Westeuropa gegeben hat, hat es sich auch schnell herumgesprochen, dass man durch Hotels sein Geld in Saranda machen könne, daher diese vielen Neubaugerippe an den Berghängen. Nein, dazu fehlt es in Albanien an Hinterland und wenn man nur das Wort Albanien in Europa ausspricht, jedenfalls in Deutschland, gibt es eine Assoziationskette: Armenhaus Europas, Mädchenhändler, Blutrache, Straßenraub. Keine guten Voraussetzungen für Tourismus, auch nicht durch eine Imagekampagne mal schnell behebbar. So ist auch einer der 2 erhältlichen Reiseführer grottenschlecht, was die Wegbeschreibungen angeht, wenn er auch sagt, Albaner seien zwar misstrauisch und daher die finsteren Blicke der am Straßenrand oder in den Cafes sitzenden Männer, aber die Albaner seinen eben nur misstrauisch am Anfang, aber eigentlich seien sie gastfreundlich und hilfsbereit und aufgeschlossen. Gerade aber diese Aufgeschlossenheit zeigen sie nicht am Anfang.
Interessant.
So waren wir in Saranda angekommen, die ersten Schritte aus dem Hafengebäude hinaus, und es ging gleich unwirtlich steil bergan, betoniert, so ist das bergige und unwirtliche irgendwie zivilisiert gemacht, eigentlich sympathisch, woanders hätte man etwas egalisiert, vielleicht Terassen geschaffen, hier wird der Berg betoniert und es gibt auch keine richtige Stufen, ja, symphatisch, es ist anders, es ist auf diese bestimmte Art ehrlich, man weiß genau, dass man hier nichts geschenkt bekommt, das ist nichts für Warmduscher oder für Menschen, die sich darüber aufregen können, wenn die Stufen nicht ein einheitliches Maß haben oder sogar stolpern, wenn eine Stufe auf einmal ein anderes Maß hat, als sie es gewohnt sind.
Saranda erwies sich dann auch als die Stadt, von der man nichts zu erwarten hatte sollen, gut, ich habe auch nichts erwartet. Das Hotel „Butrinti“, in dem ich vor 18 Jahren gewohnt hatte und das den provinziellen Charme eines hingeklotzten Baus einer Kleinstadt, die Großstadt spielen will, gehabt haben muss hat weitergeklotzt, es ist erweitert worden zu einem Bau mit glaskuppelüberdachter Einfahrt und stolz zeigte sich ein Emblem „HB“, dahinter 5 Sterne. Ich bin gar nicht hineingegangen, warum auch, Spuren finden, neinnein, es ist nur interessant, wie sich Dinge verändern, wie sich Bauwerke an eine Zeit anpassen, wenn sie nicht untergehen und verfallen oder wenn man nicht altes bewahrt. 5 Sterne. Swimmingpool, Conferenzrooms (Sauna, Massage). Dann weiter die Straße Richtung Butrint, früher lag das Hotel am Rande der Stadt, verlor sich auch schnell das urbane, die wenigen fertigen Häuser duckten sich im Eindruck des Unfertigen, die untere Etage in Bezug genommen, vielleicht noch ein Café daraus gemacht,
Sonnenschirme mit Rothmanns-Signet darauf, Plastikstühle, an einem der sonst leeren Tische immer 3 oder 4 Männer, die zusammensaßen, redeten oder Karten, Brettspiele spielten.
So hat dann auch jede kleine Bucht ihr kleines Restaurant bekommen, sicherlich auch die, von der ich damals meine Trainingsbahnen aus absolviert hatte. Man konnte von Vorsprüngen getrost hineinstpringen, es ging sofort metertief hinunter, beim ersten hineinspringen trug ich noch Schuhe, da das Anlanden etwas schwieriger ist und Seeigel, wer weiß, das ist dann doch nicht so spannend, als Experiment. Beim zweiten Mal ließ ich die Schuhe dann doch weg…
Aber Saranda selber, eine betonierte Stadt, die am Tage bei diesem gleißenden Licht ziemlich leer ist, nur etwas oben, in der zweiten und dritten Straße ist mehr leben, wo an einem Park die Geldwechsler stehen, denen man seine Euros ruhig anvertrauen kann und die einen besseren Kurs als die Banken geben.
Erst nach 20 Uhr erwacht die Stadt. Dann promenieren die alten zu zweit oder dritt die Strandprommenade entlang. Das kleine Karussell, am Tage zu einem Kasten zusammengeklappt, es dreht sich und Kinder sitzen auf den Phantasiegefährten, die Mütter stehen am Rande, da ist die Welt irgendwie in Ordnung, man vergisst die Bausünden der Stadt, trinkt ein Bier oder einen Raki in einem der zahllosen Restaurants in Wassernähe, da geht das Vergessen sowieso schneller und angenehm ist es zudem auch noch. Nebenbei kann man das Freiluftkino besichtigen, das ist auf eine kleine Landzunge gebaut und ausreichend einsehbar. Ein amerikanischer Schinken läuft, eine hochgewachsene und braungebrannte Schönheit in weißem Kleid verführt einen ebenfalls hochgewachsenen und braungebrannten jungen Mann, der in einer Verbrecherwelt ein Boß sein muss, alles ist ziemlich lasziv und kein Mann hier wird jemals so eine Frau besitzen und keine Frau jemals solch einen Mann. Denke ich.