|GTaag|

13. September 2006

Albanien /1 (Vlore – Tirana)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 23:36
Züge haben in Albanien nicht so eine große Bedeutung, das sieht man schon an den Bahnhöfen, die als solche eigentlich gar nicht zu erkennen sind, der in Vlore jedenfalls, hätte man es nicht in einem Reiseführer geschrieben gestanden, man hätte ihn nicht vermutet, dort, abseits, in einem vorstädtischen Abbruchindustriegebiet, mit staubigen Straßen, Brachen, Müllplätzen, Reparaturgaragen.
Das Bahnhofsgebäude muss seine bessere Zeit in den 50iger Jahren gehabt haben, heute fehlen die Scheiben und die Weitläufigkeit ist staubig und zerbrochen. Im Gegenlicht könnte man meinen, an einem aufgelassenen Ort zu sein. Aber die Schalter sind besetzt und man kann ein Ticket kaufen, 2 Euro die Strecke, 280 Kilometer, für die der Zug 5 Stunden braucht. Zweimal am Tag fährt er, früh um 5 und mittags um 12.

In Albanien kommt man niemals zu knapp zu einer Bus- oder Bahnstation, nur bei Minibussen ist es etwas anderes, da lässt man sich auch gerne am Straßenrand auflesen, ein kleines Zeichen genügt, hat der Bus noch Platz, wird immer angehalten.
Der Zug nach Tirana ist einmal in Osterreich gefahren, Notbremse ist zu lesen und am klappernden Fenster steht: Hier war René. Die Buchstaben sind unbeholfen in die harte Farbe eingeritzt. Und Polsterung gibt es, diesem Landstrich aber hätte eine verschleißfestere Polsterung besser getan.
5 Stunden für 280km. Das ist langweilig und irgendwann klappert es nur noch und die Hitze nimmt zu und da die Landschaft nichts hergibt, man durchquert Flachland, weiß man natürlich, warum auch die Einheimischen den Bus benutzen, das ist zwar teuerer, aber man spart die Hälfte der Zeit und langweilt sich nicht so.

Irgendwann gab es einen lautlosen Startschuss im Waggon, da wurden das Brot und die Wurst ausgepackt und es wurde gegessen. Später gab es Obst, Bananen und Weintrauben.
Ein junger Mann mit offenem Blick, der, ungewöhnlich für die junge Generation in Albanien, kein Englisch sprach, hatte in Vlore ein Schild für das Café seiner Eltern notdürftig in eine Tüte verstaut. So ein ovales Schild, das man leuchten lassen kann. Café Ore. Ein älterer Mann hatte lange in einem Mischmasch aus albanisch, italienisch und englisch über Politik geschimpft und dass Albanien nicht besonders intelligent sei, das hat er auch gesagt. Anlass für sein Schimpfen waren ausgedehnte Müllberge entlang der Zugstrecke noch in der Nähe von Vlore. Später, es war sauberer geworden, warf er den Plastikmüll selber ganz unbeschwert aus dem Fenster.
In Deutschland würden sie dafür Strafe zahlen.
In Italien auch, antwortete er und zuckte mit den Schultern. Die anderen Reisenden warfen genauso unbeschwert ihren Müll hinaus, obwohl der Österreicher dem Albaner durchaus die Abfallbehältnisse unter den Fensterbänken gelassen hat, die auch geleert waren. Aber vielleicht wollte man einfach nur mit seinem eigenen Müll nicht die ganze Zeit zusammensein, auf so einer langen Zugfahrt. Eine andere Erklärung gibt es ja nicht für dieses Verhalten.

Der Bahnhof in Tirana ist eine Plattform mit 2 Gleisen. Die Gleise enden hier.  Es wird dem Reisenden auch nicht leicht gemacht, man muss eine Anhöhe hinauf, die staubig und dreckig und voller Plastikmüll ist. Dann plötzlich ist man oben auf einer ebenen Straße. Wenn man zurückschaut könnte man meinen, dass dort, wo die Gleise sind ein Hafenbecken sein könnte, so sehr fällt das Gelände zu einer anderen Ebene ab. Ich vermute, dass das der künstlichen Anlage der Stadt geschuldet ist. Und da Tirana an dieser Stelle nicht gewachsen ist, fällt diese Künstlichkeit heute immer noch auf.

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