Albanien /3 (Himare)
Für die 50 Kilometer von Saranda nach Himare braucht man zweieinhalb Stunden, nicht etwa weil der Bus trödeln würde, das Zu- und Aussteigen geht zügig vonstatten, aber die Straße, sie ist schmal und windet sich die kargen Berghänge entlang, immer in Sichtweite das Meer, der Asphalt scheint von Hand aufgebracht, nicht so plan wie von einer Maschine, und bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug kommt man fast zum Halten, so schmal ist es. Das dauert, natürlich, und auch, unterwegs werden Pfirsiche gekauft und Weintrauben und einmal, als eine unterarmdicke Schlange die Straße überquerte, stoppte der Busfahrer und es war eine Aufregung im Bus und 2 Burschen sprangen hinaus und schauten dort, wo die Schlange verschwunden war. Das war schon kurz vor Himare und die Passagiere und der Busfahrer waren die Strecke über eine Gemeinschaft geworden. Überhaupt reden die Albaner sehr viel miteinander und verpassen dadurch schnell auch ihr Aussteigen. Jedenfalls Frauen. Dann wird sich mit dünner Stimme gemeldet, der Fahrer hört es nicht, aber die Busgemeinschaft gibt ihm schon Bescheid und so hält er wieder, ganz normal, ganz selbstverständlich. In Albanien hat man miteinander keine Scheu, so sehr man eigentlich doch auch zurückhaltend ist, aber es ist so, als würden sich alle in irgendeiner Weise kennen, miteinander zur Schule gegangen sein, so tauscht man sich ohne Zurückhaltung aus und hält doch gewisse Dinge unausgesprochen, weil man ja weiß um den anderen, man weiß, wie alles so tickt und wie der Gang der Dinge ist.
In Himare, einem kleinen Fischerdorf, das durch sein Klima und seinen Strand einen gewissen Aufschwung erlebt haben muss, stand am Dorfeingang ein Hochhaus, das ausnahmsweise nicht als Gerippe stehen geblieben war, sondern sich nun Ressort nannte und tatsächlich war auch ein blauer Swimmingpool zu sehen, aber es sah nicht sehr belebt aus und war staubig und traurig. Später dann hielten wir im Ort, der sich dadurch auszeichnete, dass den Strand entlang, dort wo an sich eine Promenade hingehören würde, auf etwa 200 Metern Überdachungen aufgestellt waren, die zu einzelnen Cafés und Restaurants gegenüber der anschließenden breiten Straße zugeordnet waren.
Der Strand einzigartig, das Wasser blau. Der Blick aus einer sich öffnenden Bucht, in der weiten Ferne 2 Inseln, klein und steil ansteigend. Ein milder Wind.
Nach einer langen Fahrt, kaum ausgestiegen zu sein von hilfsbereiten Menschen angesprochen zu werden, ist immer schwierig, man will ja nicht unhöflich sein, man will sie ja auch zu Wort kommen lassen, aber eigentlich will man sich erst einmal sortieren und orientieren, ehe es gleich atemlos weitergehen kann. Zumal ja kein Zimmer vorbestellt ist, vielleicht braucht man ja die Hilfe.
So war es auch in Himare, ein wohlgenährter Typ Anfang 50, es war sofort klar, in diesem Ort konnte er nur einer von diesem Ressort sein oder einem anderen Hotel etwas abseits. Hm, und die Tasche war noch nicht einmal geschultert.
In dem Moment, als er abgewiesen wurde, freundlich und bestimmt, aber nicht wirsch, jedenfalls hofft man doch sehr, dass Freundlichkeit überwiegt, denn eigentlich ist man doch sehr wirsch und will eigentlich nur noch blaffen, da war auf einmal ein junger Typ zur Stelle, einer mit gelbem T-Shirt und der Aufschrift Ukraine, er sprach englisch, er sagte Bandit, was man ja wusste, das nahm auch nicht sehr für ihn ein, aber er sprach englisch und offensichtlich, er wollte keine Dienste anbringen, er wollte einfach nur behilflich sein und englisch sprechen. Wir setzten uns an den Anfang dieser Zweihundert-Meter-Überdachungsparade, dort saß schon der Vater des jungen Mannes, der mit einem gewissen Stolz dort saß, zurückhaltend und aufmerksam. Der Vater war Bauarbeiter und vor 3 Jahren hier her gekommen und war dann dageblieben, da man im Ort nun wusste, wen man für Maurerarbeiten ansprechen könne. Seine Frau und die beiden anderen Kinder lebten in einem Dorf bei Elbasan, der älteste Sohn war in der Ukraine zum Studium gewesen, aha, daher das T-Shirt, und nun hier her zu seinem Vater gekommen. Zuerst hat er als Küchenhilfe in einem Hotel gearbeitet, das waren 15 Stunden am Tag für sehr wenig Geld, dann hat er es dort von einem Tag auf den anderen sein gelassen, weil im Internetcafé die Stelle freigeworden war, dort arbeitete er nur 5 Stunden am Tag und bekam 150$ im Monat, etwas mehr als bei der Stelle zuvor, trotzdem zu wenig. Seit vorgestern hat er nun nichts mehr, die Saison ist zu Ende, das Internetcafe geschlossen. Sagte er und saß in seinem knallgelben ukrainischen T-Shirt und trank mit seinem Vater zusammen Bier. Der Vater lächelte. Nichts zu haben scheint nicht so schlimm zu sein, wenn man vorher etwas gehabt hatte.
Wir sprachen über das schlechte Image Albaniens in Europa. Der junge Mann sagte ja. Er habe nach Mazedonien gemusst, um für die Ukraine ein Visum zu kaufen und beim Geldwechseln sei die Frau am Schalter erst freundlich gewesen. Als er seinen albanischen Pass vorzeigte, habe sie sich auf einmal verändert und gesagt, das Geld sei nicht echt. So als können Albaner nur gefälschtes Geld besitzen und erst recht dann, wenn es einen Betrag von einhundert Euro überstiege. Sie ließ sich auch nicht erweichen, das Geld anzunehmen, es hatte erst der Vorgesetzte kommen müssen.
Es blieb bei diesem anekdotischen über Albanien.
Er werde weiter englisch lernen und sein Studium im Ausland wieder aufnehmen. Vielleicht ließe sich ein Stipendium finden. Vielleicht. Auf jeden Fall könne es nicht sein, dass er mit einem albanischen Pass ein Mensch zweiter Klasse sei. Dieser Satz wurde nicht ausgesprochen, aber es war zu spüren, dass genau das das Thema war.
Er hieß Albert und sprach sich im albanischen ganz anders aus. Er fand es witzig, wenn wir seinen Vornamen deutsch aussprachen. Es war gut, eine Weile gesessen zu haben. Wir liefen los, schon vertraut mit diesem Ort. Es fand sich nicht weit entfernt ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Als wir auf den Schlüssel warteten, blieb auch Albert sitzen. Nein, er erwartete kein Geld, das war es nicht. Vielleicht erwartete er eine Einladung, vielleicht war es das. Denn so einfach könne so ein Gespräch doch nicht zu Ende sein. Die Einladung wurde nicht ausgesprochen, man würde sich doch sowieso in diesem kleinen Ort über den Weg laufen, dann wäre es keine Verpflichtung, sondern ein schönes Zusammentreffen. Wir verabschiedeten uns, unverbindlich. Er ging, enttäuscht, das bemerkte ich. Als er weglief, sah ich auf einmal einen sehr jungen Menschen, der mehr erwartet hatte. Nein, es ging nicht um Geld, bestimmt nicht.
Wir waren 3 Tage in Himare. Wir sahen ihn nicht wieder.
In Himare, einem kleinen Fischerdorf, das durch sein Klima und seinen Strand einen gewissen Aufschwung erlebt haben muss, stand am Dorfeingang ein Hochhaus, das ausnahmsweise nicht als Gerippe stehen geblieben war, sondern sich nun Ressort nannte und tatsächlich war auch ein blauer Swimmingpool zu sehen, aber es sah nicht sehr belebt aus und war staubig und traurig. Später dann hielten wir im Ort, der sich dadurch auszeichnete, dass den Strand entlang, dort wo an sich eine Promenade hingehören würde, auf etwa 200 Metern Überdachungen aufgestellt waren, die zu einzelnen Cafés und Restaurants gegenüber der anschließenden breiten Straße zugeordnet waren.
Der Strand einzigartig, das Wasser blau. Der Blick aus einer sich öffnenden Bucht, in der weiten Ferne 2 Inseln, klein und steil ansteigend. Ein milder Wind.
Nach einer langen Fahrt, kaum ausgestiegen zu sein von hilfsbereiten Menschen angesprochen zu werden, ist immer schwierig, man will ja nicht unhöflich sein, man will sie ja auch zu Wort kommen lassen, aber eigentlich will man sich erst einmal sortieren und orientieren, ehe es gleich atemlos weitergehen kann. Zumal ja kein Zimmer vorbestellt ist, vielleicht braucht man ja die Hilfe.
So war es auch in Himare, ein wohlgenährter Typ Anfang 50, es war sofort klar, in diesem Ort konnte er nur einer von diesem Ressort sein oder einem anderen Hotel etwas abseits. Hm, und die Tasche war noch nicht einmal geschultert.
In dem Moment, als er abgewiesen wurde, freundlich und bestimmt, aber nicht wirsch, jedenfalls hofft man doch sehr, dass Freundlichkeit überwiegt, denn eigentlich ist man doch sehr wirsch und will eigentlich nur noch blaffen, da war auf einmal ein junger Typ zur Stelle, einer mit gelbem T-Shirt und der Aufschrift Ukraine, er sprach englisch, er sagte Bandit, was man ja wusste, das nahm auch nicht sehr für ihn ein, aber er sprach englisch und offensichtlich, er wollte keine Dienste anbringen, er wollte einfach nur behilflich sein und englisch sprechen. Wir setzten uns an den Anfang dieser Zweihundert-Meter-Überdachungsparade, dort saß schon der Vater des jungen Mannes, der mit einem gewissen Stolz dort saß, zurückhaltend und aufmerksam. Der Vater war Bauarbeiter und vor 3 Jahren hier her gekommen und war dann dageblieben, da man im Ort nun wusste, wen man für Maurerarbeiten ansprechen könne. Seine Frau und die beiden anderen Kinder lebten in einem Dorf bei Elbasan, der älteste Sohn war in der Ukraine zum Studium gewesen, aha, daher das T-Shirt, und nun hier her zu seinem Vater gekommen. Zuerst hat er als Küchenhilfe in einem Hotel gearbeitet, das waren 15 Stunden am Tag für sehr wenig Geld, dann hat er es dort von einem Tag auf den anderen sein gelassen, weil im Internetcafé die Stelle freigeworden war, dort arbeitete er nur 5 Stunden am Tag und bekam 150$ im Monat, etwas mehr als bei der Stelle zuvor, trotzdem zu wenig. Seit vorgestern hat er nun nichts mehr, die Saison ist zu Ende, das Internetcafe geschlossen. Sagte er und saß in seinem knallgelben ukrainischen T-Shirt und trank mit seinem Vater zusammen Bier. Der Vater lächelte. Nichts zu haben scheint nicht so schlimm zu sein, wenn man vorher etwas gehabt hatte.
Wir sprachen über das schlechte Image Albaniens in Europa. Der junge Mann sagte ja. Er habe nach Mazedonien gemusst, um für die Ukraine ein Visum zu kaufen und beim Geldwechseln sei die Frau am Schalter erst freundlich gewesen. Als er seinen albanischen Pass vorzeigte, habe sie sich auf einmal verändert und gesagt, das Geld sei nicht echt. So als können Albaner nur gefälschtes Geld besitzen und erst recht dann, wenn es einen Betrag von einhundert Euro überstiege. Sie ließ sich auch nicht erweichen, das Geld anzunehmen, es hatte erst der Vorgesetzte kommen müssen.
Es blieb bei diesem anekdotischen über Albanien.
Er werde weiter englisch lernen und sein Studium im Ausland wieder aufnehmen. Vielleicht ließe sich ein Stipendium finden. Vielleicht. Auf jeden Fall könne es nicht sein, dass er mit einem albanischen Pass ein Mensch zweiter Klasse sei. Dieser Satz wurde nicht ausgesprochen, aber es war zu spüren, dass genau das das Thema war.
Er hieß Albert und sprach sich im albanischen ganz anders aus. Er fand es witzig, wenn wir seinen Vornamen deutsch aussprachen. Es war gut, eine Weile gesessen zu haben. Wir liefen los, schon vertraut mit diesem Ort. Es fand sich nicht weit entfernt ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Als wir auf den Schlüssel warteten, blieb auch Albert sitzen. Nein, er erwartete kein Geld, das war es nicht. Vielleicht erwartete er eine Einladung, vielleicht war es das. Denn so einfach könne so ein Gespräch doch nicht zu Ende sein. Die Einladung wurde nicht ausgesprochen, man würde sich doch sowieso in diesem kleinen Ort über den Weg laufen, dann wäre es keine Verpflichtung, sondern ein schönes Zusammentreffen. Wir verabschiedeten uns, unverbindlich. Er ging, enttäuscht, das bemerkte ich. Als er weglief, sah ich auf einmal einen sehr jungen Menschen, der mehr erwartet hatte. Nein, es ging nicht um Geld, bestimmt nicht.
Wir waren 3 Tage in Himare. Wir sahen ihn nicht wieder.