|GTaag|

7. Oktober 2006

Albanien /6 (Pedro)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 22:37
06GTaagAlPedro2.jpg

Er war Journalist gewesen und gleich nach 1991 hatte er diesen Beruf sein lassen. Warum, das sagte er nicht, ich wollte anbringen, dass man doch nicht so einfach es aufgeben könne, Journalist zu sein, aber vielleicht habe ich einen etwas romantischen Begriff vom Journalisten und außerdem war seine aktive Zeit unter Hoxha und Alia gewesen, was gibt es da noch für Fragen, das fiel sogar mir auf. Pedro sagte nur, dass er mit seinen ehemaligen Kollegen heute nichts mehr reden und anfangen könne, es ginge nur um GeldGeldGeld, um nichts anderes ginge es.
Irgendwie kam mir dieser Satz bekannt vor, bis so 5 Jahre nach der Wende in Ostdeutschland konnte man ihn oft hören von Menschen, die ihren Beruf nach der Wende wie vor der Wende weiter ausgeübt hatten, aber nicht mehr so richtig mit Erfolg oder die Privilegien waren verloren gegangen. Dann sagten sie nicht, dass sie nicht so richtig Erfolg hätten, wie erwartet, sondern dass es sich alles nur ums Geld drehe und dass es alles ziemlich schrecklich so sei. Sie waren aber eigentlich nur nicht stark genug gewesen, ihr Leben oder ihren Beruf zu ändern und konnten sich nicht eingestehen, dass auch mit ihnen etwas passiert war, nicht nur mit den anderen. Aber das sagte man ihnen dann auch nicht, denn wem sagt man schon gerne Schwäche ins Gesicht oder hält ihm Trauer über den Verlust von Privilegien vor?
Pedro war stark genug gewesen und hatte nach der Wende 1991 in Albanien die Konsequenzen gezogen. Er ging für 7 Jahre nach Griechenland und ist Koch geworden. Heute betreibt er ein Restaurant in Tirana und eines in Himare. Er müsse noch eines in Dhermi aufmachen, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. In Dhermi sei eine längere Saison.
06GTaagAlPedro4.jpg

Sein Restaurant in Himare ist malerisch auf einen vorspringenden Felsen gebaut und man hat einen freien blick übers Meer und über den Strand. Selbst ein anderes neureich mit Betonsäulen ins Meer geklotztes Restaurant stört den Blick nicht. Außerdem konnte man dann sehen, dass auch dort keine Gäste waren, was auf eine eigenartige Weise beruhigend ist, auf jeden Fall muss man sich nicht um sich sorgen, was man vielleicht falsch gemacht hat, sondern kann sich einer allgemeinen Stimmung hingeben: In diesem Jahr dauerte die Saison nur 6 Wochen. Zuerst war die Fußballweltmeisterschaft, da sind alle zuhause geblieben und haben Fußball geschaut und jetzt sind in Albanien die Ferien zu Ende, die Saison sei praktisch vorbei.
Dann gab es auch noch Anfang August ein Erdbeben, nach 20 Jahren Ruhe eines der Stärke 6. Nichts sei kaputt gegangen, niemand sei zu Schaden gekommen, aber auf einmal waren alle, wirklich alle Touristen abgefahren. Na ja, es hat so 300 kleine Erschütterungen danach noch gegeben. Aber trotzdem.
Pedro trank seinen Raki. Das Essen hatte hervorragend geschmeckt. Hier wird frisch zubereitet, man kann Pedro beim Kochen zusehen, auf dem großen Tisch vor ihm häuft sich das gewaschene Gemüse, der Fisch ist fangfrisch und das Schweinefleisch oder Rindfleisch muss man nicht irgendwie verdächtigen. Dem Salat kann man nachschmecken, Paprika, Tomaten, Endivien. Die Oliven waren eingelegt in einem Kräutermix, etwas Zitrone war auch dabei. Diese Oliven verlangen dringend nach mehr.
Pedro ist ein sehr zurückhaltender Mensch. Als ich von der Straße hinab in sein Restaurant stieg, das Dach ist oben an der Straße ebenerdig, dann kommen 2 Etagen, unten der Gastraum, oben Wohnräume, vom Strand aus muss man hinaufsteigen, begegnete mir ein großer älterer Mann mit kurzgeschorenen Haaren, die weiß sein müssen. Ein kleiner, sehr gepflegter Schnauzer und eine schmale Hornbrille. Ich dachte nicht, einen Albaner vor mir zu haben, außerdem stand ja oben auf der Tafel, die uns angelockt hatte, es werde griechisch, italienisch und englisch gesprochen. Also ein Ausländer. Ich war enttäuscht, ich wusste noch nicht, dass Albaner auch ganz anders aussehen können, als ich ein Bild von Albanern vor mir habe, das beispielsweise der ausgemergelten Gestalten auf dem Flüchtlingsschiff in dem italienischen Hafen. Kleinere und sehr hagere Männer mit gefurchten Gesichtern, dunkelhaarig, immer diese Geheimratsecken, immer dieser misstrauische und ausdruckslose Blick. Nein, es gibt tatsächlich nicht nur diesen Albaner, eigenartig sogar, immer weniger begegnen mir gerade „diese“ Albaner. Vielleicht ist es auch ein Effekt wie in China, wo es in den ersten Tagen schwer fällt, sich an Gesichter zu erinnern, es sehen alle gleich aus, aber bald verschwindet dieser Eindruck und man kann sich später gar nicht mehr vorstellen, dass es diesen uniformen Eindruck einmal gegeben haben kann.
Ich ließ mir die Karte zeigen und sagte dann, vielleicht komme ich noch einmal zurück. Ich sage gerne diesen Satz, der ehrlich ist und gemein zugleich, denn meistens wird dieser Satz gesagt, wenn man eben nicht zurückkommen wird. Der Mann, Pedro, er machte nicht einmal eine bedauernde Geste, er gab sich irgendwie Haltung, es war nur eben so ein sehr langsames Zurücklegen der Karte, der ganze Mann machte eine schwerelose Bewegung mit der Karte. Das war das Bedauern.

06GTaagAlPedro3.jpg

Dieser große Mann in diesem so einladenden Gastraum, urgemütlich mit den unegalen Wänden, den Vorsprüngen und der mit Netzen abgehängten Decke. So ging ich hinauf und sagte Bescheid. Wir setzten uns auf die tischbreite Terrasse mit freiem Blick in die Bucht, der Wind wehte recht stark und das frische Papier, das vor jedem Essen neu auf dem Tisch ausgebracht wird, musste mir Klammern festgehalten werden. Der weiße Hauswein kam in einem Glaskrug und war nach dem zweiten Glas süffig, der Mond schien hell als zunehmende Sichel, das altdeutsche z in Schreibschrift ist nach wie vor meine Eselsbrücke. Später, wir waren die einzigen Gäste geblieben, Pedro hatte sich zu uns gesetzt, der Mond war blasser und blasser geworden, bis er groß gelb, in der Ferne unförmig fast, ins Meer sich versenken wollte. Fast wäre es passiert, dass man ihm hätte dabei zuschauen können, aber dann kam sehr spät und gerade noch rechtzeitig für ihn eine Wolke, die ihn allein unbeobachtet im Meer verschwinden ließ.

06GTaagPedro1.jpg
Pedro hatte sich nicht vorgestellt, wir nahmen seinen Namen von dem seines Restaurants. So weit ging es auch nicht, ihn mit Namen anzureden. Er sprach sehr leise ein verständliches Englisch, er sprach hauptsächlich zu T., es war zu merken, dass er sie beobachtete und sich betont zurückhaltend gab. Ich verstand ihn und erinnerte mich an die Zeit, als ich ohne Freundin war. Es hat da mitunter Situationen gegeben, in denen man gerne gelassener gewesen wäre und kaschierte das dann mit einer betonten Zurückhaltung. Vor allem, das ganz klar, wenn es nur um einen Abend und ein Gespräch ging, nicht gleich um mehr. Verstehen Sie?
Der Mond, Pedro hatte ein Fernglas geholt und ich war beschäftigt, den Fotoapparat einzustellen, da, und nur da, wäre der Digitalzoom richtig gewesen, als ich mit dem Menü fertiggekämpft hatte, war es dunkel geworden und kein Horizont mehr zu sehen. Pedro und T. hatten den Mond noch nahe gesehen, ich habe die Erinnerung meiner beiden Augen, ohne Verstärkung.

Bei unserem ersten Besuch machte das Restaurant und auch Pedro einen verlassenen Eindruck. Es wirkte so, als stemme er alles alleine, den ganzen Laden, alles kochen, servieren, abwaschen. Das schien unwahrscheinlich, wir hatten sogar gerätselt, wie das sein könne. Beim zweiten Besuch war auf einmal Personal da und es gab auch Gäste, Pedro setze sich zwar auch zu uns, aber ebenso teilte er seine Aufmerksamkeit mit 2 finsteren Gestalten am Nebentisch, mit denen er lachte und die auch lachten. An diesem Abend war ich vom Hauswein schnell auf den Raki umgestiegen. Wenn hier in der Gegend alle Raki trinken und das auch schon am frühen Morgen mit einem Espresso zusammen, dann könne das Getränk ja auch nicht von so hoher Schädlichkeit sein. Der Mond war immer noch altdeutsch zett, 2 Angler glücklos unten am Strand.
06GTaagAlPedro5.jpg

Leave a Reply