STOMP
„Hier darf nicht fotografiert werden!“ Das Mädchen in der dunkelen Uniform der Saalaufsicht war extra zu mir getreten.
Aber ich will doch nur mal wieder einen Blogeintrag schreiben, mit Fotos macht sich das viel einfacher, lassen sie mich doch, das ist doch Blödsinn, hier nicht fotografieren zu dürfen.
Ich saß im Admiralspalast und hatte schräg hinter mich geknipst. Den Zuschauersaal und die Balkone. „Na dann stecke ich den Apparat eben wieder weg.“ So einfach war das und das Mädchen in der dunklen Uniform war froh, dass sie nicht mit mir diskutieren musste. Albern das.
Die Bühne, ein 6 Meter hohes Gerüst, daran die unterschiedlichsten Utensilien befestigt, Radkappen, Felgen, Töpfe, Schilder. Unten, zentral, vier blaue umgedrehte Plasticfässer, auf einer zweiten Ebene verspiegelte Fässer, 6 an der Zahl. Man, das wird laut werden. Aber ein Foto wäre das ja nun auch nicht, wieso diese Aufregung.
So saß ich, etwas verschnupft, der Saal füllte sich langsam, ein sehr gemischtes Publikum, jung bis alt, und tatsächlich, mit den Verboten, da hatten sie es, eine Männerstimme vom Band, so als würde der stellvertretende Flugkapitän sich melden, Tonaufnahmen seien verboten, Videoaufnahmen verboten, Fotografieren verboten. Und schalten sie bitte ihr Handy aus. Mein Schnupfen nahm zu, zweimal diese Ansage vom Band.
So versank ich in der Betrachtung des Bühnenarrangements und bemerkte gar nicht, dass da auf einmal so ein Typ mit Irokesenschnitt anfing, zu fegen, erst an der rechten Seite, dann in den Hintergrund und weiter vor, bis zur Mitte. Er fegte und als er an zentrale Stelle gekommen war, hielt er inne, schaute ins Publikum, sinnierend, fegte weiter, als hätte er innerlich den Kopf geschüttelt, dieser grobe Typ mit Muskelshirt und dem Oberkörper eines Bierausträgers, Turnschuhe, darüber stramme Waden, halblange und schlabbernde Hosen. Er fegte gewissenhaft und dann auf der Stelle stehend immer rhythmischer werdend, er bekam nun auch ein weißes Licht. Da traten nach und andere Typen mit Besen auf und fegten und bevölkerten die Bühne, 2 Frauen, 6 Männer in nachlässiger Alltagskleidung, und es hatte mit dieser Zufälligkeit, wie sie auftraten etwas sehr belustigendes, aha, die Vorstellung hat also begonnen. Und wie sie begonnen hatte! Auf einmal war es ein furioses Arbeiten mit diesen Besen, die so unterschiedliche Geräusche und Tonlagen erzeugen konnten und schon bald fragte ich mich, wie die Dinger das aushielten, dass sie nicht kaputt gingen, bei dieser Beanspruchung. Wau. Das muss ich mal mit meinem Hofbesen in der Uckermark machen. Würde ich nie. Das hält doch so ein Besen nicht aus.
Der Irokesentyp war so etwas wie der Conferencier, aber ohne Worte. Die anderen waren wieder abgetreten und er klopfte und schlug, nur an seinem Körper und er arbeitete mit den Schuhen, was für eine Leistung. Die ganze Zeit Takt und Tonfolgen.
Durch das Programm ging es weiter mit allen Dingen, die ein Recyclinghof so hergeben würde, alte Mülltonnen, Deckel, Kunststoffröhren, einmal auch traten 4 auf mit wie Bauchläden umgebundenen Metallküchenspulen, da kann man fein Geräusche mit machen, vor allem, wenn Wasser noch drin ist, das man dann später ablässt, was aussieht, als würde ein Pferd Wasser lassen, ziemlich mächtig, ziemlich lustig.
Der Funke sprang schnell über aufs Publikum, nicht nur wegen des Rhythmusses, sondern weil jeder der 8 Leute dort oben einen Charakter verkörperte. Da war der dem Feinmotorik ziemlich abging, da war der Verträumte, der Macher, die Trommlerin, da war der, der eigentlich mit dieser ganzen Geschichte nichts zu tun haben wollte, der in Ruhe seine Zeitung lesen und dem Nähe nicht so sein Ding war. So wurden die ganze Zeit kleine Geschichten erzählt, sehr liebevoll miteinander, 90 Minuten, ohne Pause, mit ruhigen Passagen und mit Steigerungen, die man ein Tollhaus nennen könnte, wäre da nicht die Präzision gewesen, die nicht im Vordergrund stand, sondern die mit einer Leichtigkeit geboten wurde, wie sie erst durch wirkliche Freude am Spiel entsteht. Dann entsteht etwas, das Empfinden für Zeit vergessen läßt, ich nenne es Fieber, das einen ganzen Saal erfaßt. Niemand kann sich diesem Fieber entziehen.
Erst sehr spät kam die Bühneninstallation ins Spiel. Das war dann noch einmal eine Steigerung. 2 waren oben an einem Gurt mit dem Rücken zum Saal wie Fassadenkletterer herabgelassen und bearbeiteten die Radkappen und Dosen, nun kamen auch endlich die mächtigen Plastikfässer ins Gespräch.
Remarque hat in „Im Westen nichts Neues“ beschrieben, dass man, wenn neben einem der Mörser abginge, die Ohren zuhalten müsse und unbedingt aber auch den Mund geöffnet haben solle, wegen des Druckausgleichs. Ich fand mich mit offenem Mund dasitzen. Die Ohren zuzuhalten, dafür gab es keinen Grund. Was für ein Abend!
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Aber ich will doch nur mal wieder einen Blogeintrag schreiben, mit Fotos macht sich das viel einfacher, lassen sie mich doch, das ist doch Blödsinn, hier nicht fotografieren zu dürfen.
Ich saß im Admiralspalast und hatte schräg hinter mich geknipst. Den Zuschauersaal und die Balkone. „Na dann stecke ich den Apparat eben wieder weg.“ So einfach war das und das Mädchen in der dunklen Uniform war froh, dass sie nicht mit mir diskutieren musste. Albern das.
Die Bühne, ein 6 Meter hohes Gerüst, daran die unterschiedlichsten Utensilien befestigt, Radkappen, Felgen, Töpfe, Schilder. Unten, zentral, vier blaue umgedrehte Plasticfässer, auf einer zweiten Ebene verspiegelte Fässer, 6 an der Zahl. Man, das wird laut werden. Aber ein Foto wäre das ja nun auch nicht, wieso diese Aufregung.
So saß ich, etwas verschnupft, der Saal füllte sich langsam, ein sehr gemischtes Publikum, jung bis alt, und tatsächlich, mit den Verboten, da hatten sie es, eine Männerstimme vom Band, so als würde der stellvertretende Flugkapitän sich melden, Tonaufnahmen seien verboten, Videoaufnahmen verboten, Fotografieren verboten. Und schalten sie bitte ihr Handy aus. Mein Schnupfen nahm zu, zweimal diese Ansage vom Band.
So versank ich in der Betrachtung des Bühnenarrangements und bemerkte gar nicht, dass da auf einmal so ein Typ mit Irokesenschnitt anfing, zu fegen, erst an der rechten Seite, dann in den Hintergrund und weiter vor, bis zur Mitte. Er fegte und als er an zentrale Stelle gekommen war, hielt er inne, schaute ins Publikum, sinnierend, fegte weiter, als hätte er innerlich den Kopf geschüttelt, dieser grobe Typ mit Muskelshirt und dem Oberkörper eines Bierausträgers, Turnschuhe, darüber stramme Waden, halblange und schlabbernde Hosen. Er fegte gewissenhaft und dann auf der Stelle stehend immer rhythmischer werdend, er bekam nun auch ein weißes Licht. Da traten nach und andere Typen mit Besen auf und fegten und bevölkerten die Bühne, 2 Frauen, 6 Männer in nachlässiger Alltagskleidung, und es hatte mit dieser Zufälligkeit, wie sie auftraten etwas sehr belustigendes, aha, die Vorstellung hat also begonnen. Und wie sie begonnen hatte! Auf einmal war es ein furioses Arbeiten mit diesen Besen, die so unterschiedliche Geräusche und Tonlagen erzeugen konnten und schon bald fragte ich mich, wie die Dinger das aushielten, dass sie nicht kaputt gingen, bei dieser Beanspruchung. Wau. Das muss ich mal mit meinem Hofbesen in der Uckermark machen. Würde ich nie. Das hält doch so ein Besen nicht aus.
Der Irokesentyp war so etwas wie der Conferencier, aber ohne Worte. Die anderen waren wieder abgetreten und er klopfte und schlug, nur an seinem Körper und er arbeitete mit den Schuhen, was für eine Leistung. Die ganze Zeit Takt und Tonfolgen.
Durch das Programm ging es weiter mit allen Dingen, die ein Recyclinghof so hergeben würde, alte Mülltonnen, Deckel, Kunststoffröhren, einmal auch traten 4 auf mit wie Bauchläden umgebundenen Metallküchenspulen, da kann man fein Geräusche mit machen, vor allem, wenn Wasser noch drin ist, das man dann später ablässt, was aussieht, als würde ein Pferd Wasser lassen, ziemlich mächtig, ziemlich lustig.
Der Funke sprang schnell über aufs Publikum, nicht nur wegen des Rhythmusses, sondern weil jeder der 8 Leute dort oben einen Charakter verkörperte. Da war der dem Feinmotorik ziemlich abging, da war der Verträumte, der Macher, die Trommlerin, da war der, der eigentlich mit dieser ganzen Geschichte nichts zu tun haben wollte, der in Ruhe seine Zeitung lesen und dem Nähe nicht so sein Ding war. So wurden die ganze Zeit kleine Geschichten erzählt, sehr liebevoll miteinander, 90 Minuten, ohne Pause, mit ruhigen Passagen und mit Steigerungen, die man ein Tollhaus nennen könnte, wäre da nicht die Präzision gewesen, die nicht im Vordergrund stand, sondern die mit einer Leichtigkeit geboten wurde, wie sie erst durch wirkliche Freude am Spiel entsteht. Dann entsteht etwas, das Empfinden für Zeit vergessen läßt, ich nenne es Fieber, das einen ganzen Saal erfaßt. Niemand kann sich diesem Fieber entziehen.
Erst sehr spät kam die Bühneninstallation ins Spiel. Das war dann noch einmal eine Steigerung. 2 waren oben an einem Gurt mit dem Rücken zum Saal wie Fassadenkletterer herabgelassen und bearbeiteten die Radkappen und Dosen, nun kamen auch endlich die mächtigen Plastikfässer ins Gespräch.
Remarque hat in „Im Westen nichts Neues“ beschrieben, dass man, wenn neben einem der Mörser abginge, die Ohren zuhalten müsse und unbedingt aber auch den Mund geöffnet haben solle, wegen des Druckausgleichs. Ich fand mich mit offenem Mund dasitzen. Die Ohren zuzuhalten, dafür gab es keinen Grund. Was für ein Abend!
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