|GTaag|

25. November 2006

Nachruf aufs Schlemmerparadies

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 19:06
Gerne treffen sich diverse Tatort- oder Polizeirufkommissare an diesen Institutionen, meistens ist dann der Fall gelöst und man resümiert noch einmal so ein bisschen oder gibt etwas privatere Sätze. Diese Institution ist eine Pommesbude, gerne steht sie in diesen Fernsehspielen irgendwo auf weitem Feld, stilisiert, in Hamburg an einen Quai, in Köln unter Autobahnbrücken mit Stadtsilhouette, in Berlin sieht man den Fernsehturm. Es geht auch gar nicht darum, dass etwas echt sein soll, es geht um die Botschaft selber, die so eine Bude ausstrahlt: Hier ist man privat, hier hält man ein Pläuschchen, ißt im Stehen seine Currywurst, lädt sich auch gerne gegenseitig zu einem Kurzen ein, man ist privat im Vorübergehen, nicht zu sehr, nicht zu sehr verbindlich, aber man gibt sich selber und dem anderen die nötige Zeit und die nötige Aufmerksamkeit. Hier steht man auch bei Wetter nur leidlich geschützt, ohne sich gleich zu beschweren, das gehört irgendwie dazu.

Der ersten Pommesbude, die in mein Bewusstsein drang, 1991, prophezeite ich ein kurzes Leben. Ich war vom ostberliner Stadtrand in den Prenzlauer Berg gezogen, aber das ist falsch, eine Straße weiter war schon Weißensee und damit hat dort schon die Ungegend begonnen, nur meine Postleitzahl (1055) hatte etwas mit Prenzlauer Berg zu tun, die Telefonnummer (966…) war schon Weißensee und die Gegend war es auch. Dort wohnt man, wenn man nicht so viel Geld ausgeben will oder kann, wenn man nicht den Bäcker unten im Haus benötigt und es einem nicht stört, dass man Frauchen mit Hundchen in Regelmäßigkeit begrüßen muss und auch Herrchen mit Hundchen, die einem nachgucken und die mehr über einen wissen, als man selber in Erinnerung behalten kann. Damals, 1991, da sagte ich, dass sich das mit der Bude da an der Kreuzung Ostseestraße/Prenzlauer Allee wohl auch bald erledigt haben würde, nach der Wende hatte ich so bestimmte Vorstellungen, dass sich wohl auch wirklich alles erledigen würde, was in der ddr bestanden hatte, schon gar, wenn es einem selber nicht so in den Kram passte, so auch diese Pommesbude. Die, bis heute, da steht und die ich, so lange ich dort oben gewohnt hatte, auch in gewisser Regelmäßigkeit, wenn ich von der Straßenbahn kam, aufsuchte. Sie war erweitert worden, hatte einen Windfang bekommen, Daddelautomaten waren installiert worden und spätnachts, nach sehr viel Alkohol fressarmer Filmpartys war ein nach nichts, außer nach saurer Gurke und Fett schmeckender Hamburger genau das richtige, noch 2 Mark in den Daddelautomaten, an sich hätte man auch das doppelte gleich für den Hamburger zahlen sollen, oder Trinkgeld geben, … Aber das Ende der Bude, dort oben, das gibt es nicht und es ist nicht abzusehen, darum auch gar nicht mein Nachruf dorthin, es geht ums Schlemmerparadies, das ist ganz woanders, Berlin Mitte, Torstraße Ecke Alte Schönhauser.

Ein berühmter Kameramann, der sich immer schon gerne an diesen Buden aufgehalten hatte, nervte eine zeitlang damit, dass er vorrechnete, wie viel die dort verdienten, Goldgrube, eine solche Bude müsste man aufmachen, das pflegte er zu sagen und meinte es bestimmt auch ehrlich, während er weiter den Ruhm seiner Kameraführung festigte, vor allem seiner Dokumentarkamera, vielleicht hatte er dort an diesen Buden eine Menge gelernt, ich vermute es mal, jedenfalls was Ehrlichkeit angeht. Man muss ja die Art nicht mögen, aber. Goldgrube eben.

Dem Schlemmerparadies an dieser lauten Kreuzung begegnete ich Mitte der 90iger, auf distanzierte Weise.
Es gibt Dokumentarfilmregisseure, die haben ein echtes Problem, die trauen sich nicht und es ist ein Leid, ihnen dabei zuzusehen. Eigentlich hatte dieser Regisseur genau in diese Bude gewollt, dem Volk ein bisschen zuhören, aber mitten in der Nacht waren die Berliner Verkehrsbetriebe damit beschäftigt, die Straßenbahngleise auszuschleifen, was zugegeben ein gutes Bild als Vordergrund war, aber doch nicht 2 oder 3 Stunden in der Nacht, jedenfalls traute er sich nicht hinüber, zum Volk. Ein Kreuz. So steht man dann eben bei diesem einen Bild, das schnell gedreht ist und fragt sich dann auch, was man so lange da noch zubringen soll, mit diesem Vordergrund, aber der Regisseur war nicht zu bewegen, er traute sich nicht in die Bude und ich beobachtet ihn dabei mit stillem Masochismus, das Schlemmerparadies, so nah.
Irgendwann sind wir abgezogen, die ganze Zeit war Kundschaft dort gewesen . Aber er hat sich einfach nicht hinübergetraut. (Sie werden fragen, was aus diesem Regisseur geworden ist?, ich weiß es nicht, meine Kontakte haben sich geändert.)

Vor 4 Jahren dann bin ich wieder umgezogen, vom obersten Zipfel des Prenzlauer Berges in den untersten Zipfel: Die Postleitzahl war nun Mitte, 10119, die postalische Zustellung Prenzlauer Berg, das zuständige Finanzamt auch. Eine Garage habe ich im schicken Teil gemietet, über die Torstraße hinweg. Die Torstraße stellt sowieso eine Demarkationslinie dar, drüben gibt es Parkscheinautomaten und Boutiquen und langbemantelte Männer mit Frauen im kleinen Schwarzen, es schließt sich bald der Hackesche Markt an, wo man es sich gerne teuer gut gehen lässt.
Der Weg zur Garage führte eben an jenem Schlemmerparadies vorbei und da der Vorrat an Gedanken begrenzt ist, dachte ich immer „Goldgrube“, wenn ich dort vorbei lief, denn tags wie nachts war dort Kundschaft. Nicht einmal die übelste Sorte. Einmal ist es sogar vorgekommen, dass einer der üblichen Verdächtigen im Blaumann fragte, wo Goethe geboren sei. Ja wo ist eigentlich Goethe geboren, in Weimar?
Im Schlemmerparadies drehte sich ein Dönerspieß, Pommes waren zu kriegen und Currywurst und Flaschenbier natürlich. Über Jahre konnte man dem Baugeschehen an der Kreuzung zum Rosa-Luxemburg-Platz zuschauen, eine jener Baustellen in Berlin, die es zur Dauerveranstaltung geschafft haben: Zuerst eine Generalsanierung bis zur Decke des U-Bahntunnels, dann die Bürgersteige die Schönhauser hinauf, dann die Kreuzung mit allen ihren 5 Einmündungen, ein Unternehmen für 1 Jahrzehnt, vor allem wenn zwischendurch die Maschinen wieder abgezogen werden und sich eine provisorische Straßenführung als Dauerlösung etabliert. Dem schaute das Schlemmerparadies ganz gelassen zu, will ich mal sagen, es machte ihm auch nichts aus, dass gegenüber, nach jahrelangem Stillstand ein schickes Restaurant eröffnete, ein Vietnamese, der vom ersten Tag an auch Kundschaft hatte. Und dann, selbst die härteste Konkurrenz, seit ungefähr einem dreiviertel Jahr, gleich daneben, im ersten Haus der Torstraße, dort hat nach einer glücklosen Bar ein anderer Laden aufgemacht, mit Dönerspieß. Das wird wohl nicht gut gehen, dachte ich, aber es ging ja, das Schlemmerparadies hatte seine Kundschaft, der neue Laden hatte seine Kundschaft. So wie 2 Tankstellen nebeneinander aufmachen, eigentlich Unsinn, teilen sie sich doch den Umsatz. Aber es geht, der Beweis wird gelebt.

Aber es ist doch nicht gut gegangen, das Schlemmerparadies hat sich verabschiedet. Ein großer Container füllte das, was von ihm übrig geblieben war. Es gab kein Aufschrei, keine Petition, kein Hilferuf. Oder man hat es im Straßenlärm nicht gehört. Die Baustelle ist auch langsam auf dem Rückzug, die meisten Gräben sind geschlossen und nach und nach bekommt es rundherum neues Pflaster. Schön wird es hier. Das Brachland Ecke Linienstraße hat auch einen Käufer gefunden. (”Hier entseht eine renditeorientierte Anlageimmobilie”.) Vielleicht liegt in allem ein Zusammenhang. Ich selber war vielleicht zweimal Kunde im Schlemmerparadies. Man muss ja nicht Stammkunde sein, um etwas wie Bedauern zu empfinden. Kein alter Fettgeruch mehr, keine Männer mit lauten Stimmen und in der einen Hand, abgestützt am Stehtisch, die Flasche Bier. Keine Touristen, die den Weg verstellen, während sie auf ihren Döner oder ihre Hühnerhälfte warten. Platt gemacht das Ding, die Goldgrube. Kurz vermutete ich eine Verschwörung, es könnte ja sein, dass in Berlin ein einsamer Entschluss gefasst worden war, aber ist nicht, die Bude Ostseestraße/Prenzlauer Allee steht noch.
3 arg mitgenommene Gesellen bevölkerte sie. Prost. Auf das Schlemmerparadies!

7 Responses to “Nachruf aufs Schlemmerparadies”

  1. 1
    Lapidarium42 » Blog Archiv » links for 2006-11-27 Says:

    […] Nachruf aufs Schlemmerparadies « |GTaag| (tags: Berlin Mitte Stadtumbau) […]

  2. 2
    M Says:

    Hallo,

    ich kenne die Imbissbude Torstr. Ecke Alte Schönhauser sehr gut. Vielen Dank für Deinen Nachruf. Sie hieß jedoch korrekter Weise ‘Schlemmer Pavillion’ und nicht ‘Schlemmerparadies’. Wohne dort in Nachbarschaft und habe in den letzten sechs Jahren unzählige Male fleischloses Fast Food und Flaschenbier besorgt.

    Der Besitzer der Bude ist selbst auch sehr renditeorientiert. Ihm gehört auch der Laden um die Ecke mit dem anderen Dönerspieß (eigentlich Schawarma und hausgemachter Falafel) bzw. davor die glücklose Bar (’Luxa’). Und jetzt macht er (neben vielen anderen Döner-Buden) zusammen mit Kaminer und dem Kaffee Burger-Chef diesen Club an der Jannowitzbrücke, da wo früher mal Kruse’s Sportbar drin war. Jetzt mehr zeitgemäße Goldgruben…

    Viele Grüße,
    M.

  3. 3
    gtaag Says:

    Stimmt, “Schlemmer Pavillon”. Als ich schrieb, war das Ding schon abgerissen und so blind läuft man letztendlich doch durch die Gegend.

    Bar Luxa war tatsächlich eine Totgeburt, aber der Falafelladen Luxa jetzt, sehr zu empfehlen.

  4. 4
    Andy Goldbrunner Says:

    Das ist traurig! Den Schlemmerpavillion soll es nicht mehr geben?
    Ich selbst bin ebenfalls Mitte der neunziger Jahre auf den Schlemmerpavillion gestoßen. Das heißt eigentlich eher gestolpert. Und das, wie ich mich zu erinnern glaube, recht stark betrunken. Dabei muss ich mich gar nicht so anstrengen mit dem Erinnern, weil das schon rein stochastisch eine ziemlich hundertprozentige Sache ist, oder war. Nein, eigentlich doch ist.
    Ich war nämlich damals nämlich in Begleitung von 5 meiner besten Freunde. Eigentlich fast schon Familie. Zumindest eine Art von Familie. Da hat man ja, wenn man Glück hat, oftmals mehrere. Und wir zusammen waren unterwegs in Sachen Band. Die Superglow Experience Band. Das ist ein Name. Der schreit ja geradezu nach Welterfolg. Wir gingen jedenfalls gesammelt davon aus, dass es irgendwann mal so weit kommen würde. Und Berlin war ein Anfang. Und wenn man aus München kommt, oder fast schon mehr aus einem Vorort von München, dann ist Berlin kein schlechter Anfang.
    Und so sind wir sicher 10 und einige mal dort hingefahren. Nach Berlin. Meistens für ein Wochenende, oder ein verlängertes und spielten im Knaak, im Dunker, Miles, Huxelys, in der Kalomibar und wie sie alle hießen. Und recht bald galt der Schlemmerpavillon bei uns, sozusagen, als die erste letzte Adresse eines Abends überhaupt. Als krönender Abschluss, wenn man so will.
    Tja, und jetzt ist er weg!
    Aber nicht für uns. In Vergessenheit gerät er nicht. Wenn nämlich in unserem Kreise wieder einmal die Berlin-Geschichten ausgepackt werden, und das passiert öfters, als einem Aussenstehenden lieb sein könnte, fällt der Name “Schlemmerpavillon” nicht nur einmal.

    In diesem Sinne,

    einmal Pommes Schranke, bitte!

    P.S. Ich war/bin übrigens der Tontechniker besagter Band, weshalb ich überhaupt auf diese Seite, welche mir ausserordentlich gut gefällt, gestoßen bin. Meine Suchworte bei Google waren ‘Tonmeister’ und ‘Tagesgage’. Aber das nur am Rande.

  5. 5
    effzehn Says:

    Danke für diesen Nachruf. Ich wohnte in der direkten Nachbarschaft, Zolarstr. 1 (gibt es eigentlich noch eine kürzere Straße mit eigenem Name in Berlin?). So zählte man mich zu den Stammkunden dort. Döner vegetarisch mit Knoblauchsauce und scharf. Tja. Habe noch 2007 Fotos des anschließenden Wohnblocks dort gemacht, einmal im Frühjahr, wo alles noch heruntergekommen aussah aber (wie sich dann herausstellte: vergebens) bereits mit Renovierungsarbeiten begonnen wurde; dann im Sommer, wo alles schon schön bunt und fertig aussah. Und schließlich komme ich im Februar diesen Jahres dorthin und sehe ein schwarzgraues Betongrab, was sich schmeichelhaft Hostel nennt, an der Stelle, an der mal alles so hoffnungsvoll weitergehen sollte. Das der Schlemmer Pavillon schon 2007 weg war, ist mir gar nicht mehr aufgefallen. Bullshit.

  6. 6
    Benjamin12 Says:

    Leider ist der Chef dieses Scharwarma-Ladens, Rosenthaler Platz, gestern richtig unangenehm gworden. Nachdem ich mitgehört hatte, dass er einen Kunden sehr unfreundlich behandelt hatte, habe ich mich eingeschaltet. Ich habe Ihn gefragt warum er zu seinem Gast so unfreundlich ist, aber die Frechheiten wollten nicht enden. Als mir das zuviel wurde hatte ich auch keine Lust mehr sein verbranntes Scharwarma-Fleisch zu essen und habe mein Geld zurückverlangt. Er schmiss es wütend in die Abfalltonne. Ich habe ihm auch mehrmals gesagt, dass ich sein Verhalten nicht verstehe. Ich kenne den Laden seit mehr als zehn Jahren. Später hat er diesen Gast noch als “Hurensohn” beschimpft. Das ist echt zuviel, nie wieder!!! Frechheit ohne Ende!

  7. 7
    gtaag Says:

    Am Schlemmerparadies, Schlemmer Pavillon, wäre das nicht passiert. Glaube ich. Schicker werden ist nicht unbedingt förderlich für den Umgang miteinander.

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