20. Mai 2007
In einem räudigen Straßencafé bestellte ich NusNus und der kam in einem kleinen Glas und war köstlich: Oben Milchschaum, dann eine Schicht bitterster Espresso, dann Milch, die sich nur sehr langsam mit dem Kaffee vermengt, eigentlich nur so viel, dass man, hat man diese Schicht erreicht, einige milde Nachschlücke bekommt, wunderbar. Mir wurde die Sonntagszeitung gereicht, denn heute ist Sonnabend, ich blätterte darin, sie war genauso räudig wie das Café selbst, aber mit heutigem Datum, da hatten schon einige drin geblättert. Ich schaute der dreispurigen Straße zu und war auch nur kurz zum Sitzen gekommen, für diesen NusNus, den ich so gut wirklich nicht erwartet hatte, ich winkte einem Taxi und ließ mich zum Meer fahren. Der Strand war dunstig von der Brandung und das Meer hatte die Fußballfelder sich genommen, ich wanderte 4 Kilometer westlich an einen Strand, wo nur manchmal Reitergruppen vorbeipreschten und nur einzelne Pärchen saßen, die Männer mit freiem Oberköper und die Frauen in weiten Gewändern, aber meistens ohne Kopftuch, das ist doch schon was. Da der Wind den Sand wehen ließ, lag ich eine Weile hinter einer Düne. 2 Hunde besuchten mich, aber als ich mich aufrichtete, klemmten sie die Schwänze zwischen die Beine und verschwanden. Der eine bellte kurz, ein Hund von der Letzewortfraktion. Auf dem Rückweg kam ich wieder an den 8 Männern vorbei, die im Schutz einer Mauer saßen und wie Fischer aussahen. Ich grüßte sie wieder, aber so einfach kam ich nun nicht vorbei, ich musste ein verkohltes Hühnerbein essen und sie sagten deutsche Fußballspieler auf. Natürlich bot man mir auch aus der Rotweinpulle an, aber ich sagte, dass ich keinen Alkohol trinke. Das fanden sie nicht gut und das fanden sie auch nicht schlecht. Wir lachten noch ein bisschen und dann ging ich mit dem abgenagten Hühnerbein weiter. In einer Bucht wurde ein Klepper gewaschen, die Knochen hinten standen ganz mager und das Tier mochte diese Prozedur gar nicht. Ich stand eine Weile und schaute im Gegenlicht zu, das Tier tat mir leid, die Menschen taten mir leid, ich tat mir selbst ein bisschen leid und so war der Sonnabend dann zu Ende, der hier ein Sonntag ist.
12. Mai 2007
Die Teilung Österreichs wurde endgültig 1955 durch den Staatsvertrag abgewendet. Ob es jemals eine Teilung wie die in Deutschland gegeben hätte, das steht dahin, auf jeden Fall kam es nicht dazu, weil bei den entscheidenden Verhandlungen, die zur Unterschrift führten, die Sowjets von den Österreichern unter den Tisch getrunken wurden.
Eine gewisse Trinkkultur scheint sich bis heute zu halten, die auf eigenartige Weise mich an die in der ddr erinnert: Dort wurde gerne und exzessiv getrunken, man traf sich auch nach Feierabend und saß in Runden, wo ausgewertet wurde, man redete über Zusammenhänge und über Leute, die nicht anwesend waren und dabei gab es Bier und Weinbrand mit wenig Essen und schneller Wirkung.
Diese Kultur ist in Deutschland nach 1989 mehr und mehr verloren gegangen, vor allem redet man nicht mehr gerne in größeren Zirkeln über Zusammenhänge, sondern kocht lieber so sein eigenes Süppchen und hält gerne hinterm Berg. Betrunkenheit wird zwar allgemein sanktioniert. Aber es bleibt beim Bier und beim Wein und Schnaps wird nicht gerne pur getrunken, das gilt als unfein, da ist Alkoholkonsum auf einmal deutlich und das mag man ja nun auch wieder nicht.
Im österreichisch dominierten Team finde ich auf einmal so eine gewisse Kultur wieder, die nicht gerade vermisst, aber verloren war: Man trifft sich auch nach langen Drehtagen und der Vodka wird auch ungemischt getrunken. Dazu gibt es wenig essen, wenig Wasser, aber viel Bier. Dann fallen auch deutliche Worte und man schaut sich dabei offen ins Gesicht. Vereinfacht wird die Angelegenheit, da über die Stadt verteilt das Team in Appartements wohnt und die Taxis billig und immer verfügbar sind. Es ist auch nicht kalt und es ist nicht regnerisch, man muss sich nicht fürchten. Wenn dann morgens um 4 der erste Muezzin die Stimme erhebt, in Casablanca wird er vom Band eingespielt, wundert man sich, in einem muslimischen Land zu sein. Die Trunkenheit ist süß und schwer, das Bett steht bereit und freitags, sonnabends, da ist frei.
6. Mai 2007
Der Strand von Casablanca, nachdem eine Bucht den Strandanlagen vorbehalten ist, die mit ins Meer hineingebauten blauen Swimmingpools protzen und man kann weißhäutigen Menschen von oben, von der wenig entfernten Straße, dabei zusehen, wie sie sich entspannen mit ihren hingelegten Körpern, der Strand von Casablanca ist dort, wo der reguläre Stadtplan geendet hat ein riesiger lang gestreckter Fußballplatz. Das Meer nimmt sich eine breite Fläche, auszurollen, in der Nacht stärker als am Tage und so bleibt ein fast waagerechter Streifen Sandes, der fest und frei von Müll ist, ideal zum Bolzen. Um als Spaziergänger dort entlangzukommen bleibt einem nichts anderes übrig, als die Schuhe auszuziehen und die Hosenbeine hochzukrempeln und sich näher auf die Fläche mit den auslaufenden Wellen zu begeben, sonst ist kein unbeschadetes Durchkommen, oder man spielt auf einmal mit.
GTaag hat noch niemals gerne Fußball gespielt. Er schreitet lieber forsch aus und vergisst manchmal, dass das Wasser manchmal weit vorjagt und im Gegenlicht zwar wie ein See so harmlos zum liegen kommt, aber immer noch die Kraft der Wellen beherbergt, wie soll es auch bei der 30 Meter entfernter tosender Brandung anders sein. Nasse Hosenbeine sind so was von egal. Es ist wunderbar, barfuss im kühlen Wasser zu laufen, den Gedanken nachzuhängen und frei zu haben und keine Verpflichtung. Es ist so eigenartig, eigentlich bei der Arbeit unterwegs zu sein und trotzdem keine Verpflichtung zu haben. Sonst ist es immer ein wenig anders, da der Beruf das Hören ist, gibt es keinen Feierabend, der Hörsinn bleibt geschärft und es ist die ständige Aufmerksamkeit für Geräusche, die vielleicht passen könnten. Aber hier: Das Projekt spielt 1953 in Teheran und Casablanca bietet zwar eine passende optische Kulisse, aber keine akustische. Selbst Wortfetzen sind unmöglich, man spricht hier halt kein persisch. Auch der Muezzin nachts um 4, das ist vielleicht etwas für diesen Blog als Audiofile, aber nicht für den Film. Eines steht fest: Es wird eine eigenartige Zeit die nächsten 2 Monate sein.
2. Mai 2007
Die Alleen der Stadt und ihre kreisverkehrähnlichen Einmündungen sind so verwechselbar, dass man, einmal falsch gelaufen, unweigerlich die Orientierung verliert. Die Marokkaner lieben es, ihre Anwesen hinter hohen Mauern zu verstecken. Die Mauern sind bewachsen mit Hybiskus und weit hinunterrankenden Mittagsblumen und auf den Bürgersteigen stehen mal mehr, mal weniger große Fächerpalmen. Ärmere und reichere Viertel gehen so ineinander über, dass man nur am zunehmenden Müll vor den Mauern den Grad des Reichtums dahinter erkennen kann und natürlich an der Schwere und an der Güte der Eingangstüren und an der Pflege der Rhododendrenhecken. Auch ist auffällig ein ganz bestimmter Typ Mann, der auf durchgesessenene Schulstühlen sitzt oder an den Eingangstüren lehnt, diese Männer sind mittelgroß und hager, haben dunkele kurze Haare und einen schwarzen ebenfalls kurzen Oberlippenbart. Sie tragen nicht zu enge dunkelblaue Hosen und Jacken, wie sie unter Mao ähnlich gewesen sein müssen. Die Männer sind sehr gelangweilt, manchmal fegen sie auch und ihre Bewegungen sind dann sehr langsam und systematisch. Diese Männer sind Wachpersonal und man befindet sich vor schützenswertem Eigentum.
Bemerkenswert aber ist, dass auch die Slums so eingemauert sind. In Hafennähe und in Abstand zur Straße, wie ein Sicherheitsstreifen, hinter der wohl 3 Meter hohen Mauer sieht man, im Lkw sitzend, Wellblech in verbeulter Form als Dächer und eine Armada von verrosteten Satellitenschüsseln, die, da sie streng in eine Richtung schräg in den Himmel zeigen, dem Ganzen eine eigenartige Ordnung in der Unordnung geben. Das Gebiet hinter der Mauer scheint zu bersten vor Inhalt und an einem checkpointähnlichem Eingang quillt es Menschen, die viel zu tragen haben. Armut erkennt man nicht nur an der Kleidung, sondern auch daran, wie viel jemand zu bewegen hat.