Tag 34
Ich hatte die Aufgabe des Balljungen und über die Strecke des ersten Strandes, das sind vielleicht 1,5 Kilometer, schoß ich 5 oder 6 Bälle zurück aufs Spielfeld. Nein, mit Bällen habe ich nichts am Hut, manche waren olle weiche Knödel, einer war aus Leder und furchtbar hart. „Merci, Monsieur“ rief es mehrmals. Mein Job als Balljunge hat mir trotzdem nicht gefallen. Nach den Klippen, am zweiten Strand, war wieder ein Pferd in der Brandung. Das mochte es nicht besonders, wurde aber immer wieder hineingetrieben. Ein Junge hielt es vorne am Zaumzeug, ein anderer bespritze es mit einem Eimer. Ein Brecher ließ kurzzeitig die Jungs und das Pferd verschwinden, das Pferd kam als erstes wieder zum Vorschein und strebte zum Ufer. Die beiden Jungen hatten kein Erbarmen, weiter ging es mit der Wäsche.
Ich wohne in einem besseren Straßenzug, es gibt hier jemanden, der seinen Stuhl vor dem Eingang stehen hat und eine rote Uniformjacke trägt. Er achtet auf die Leute, die ein und aus gehen. Nachts schließt er die Haustür auf und wenn man mehrere Taschen hat, ist er behilflich. Schon einen Straßenzug weiter gibt es solche Hausmeister nicht. Es ist die Ecke der Krämerläden und der garagenähnlichen Geschäfte, in denen Tischler Betten und Tische bauen. Neben gärenden Abfällen riecht es immer wieder nach frischem Holz. Auf der Suche nach einem Imbiß mit Fleischspießen stieß ich auf einen schmalen Laden, in dem ein Junge Sandwichs bereitete. Die längs gestellte Theke ließ einen schmalen Durchgang und hinten standen 2 Tische mit Plastikstühlen. Sehr dicht daneben 2 Tröge mit Frittenfett, ein 12jähriger bediente die Körbe, so wie er es tat und in welchen Mengen, der Laden schien gut zu laufen, die Bewegungen des Jungen waren routiniert, wie er den Korb aus dem Fett nahm, wie er ihn ausschüttete und wie er ihn zum Halten brachte. Ein anderer Junge, der Bruder, auch noch sehr jung und das Gesicht mit Zügen, die ihn schon jetzt als einen dreißigjährigen aussehen ließen, er war vielleicht achtzehn. Es fehlte die Offenheit der Jugend, dieser gewisse Glanz, diese gewisse Neugier und es fehlte gänzlich die Sorglosigkeit der Bewegungen.
Auf ein Blech mit Gasflamme darunter gab er einige Spritzer Öl und neben einem Häuflein Zwiebeln brachte er Hackfleisch zum Braten. Gewendet und geschoben wurde mit einem Spachtel. Als er das Baguette aufschnitt mit einer einzigen Bewegung des Messers sah ich mein Sandwich in der Reihe von vielen schon bereiteten und ich freute mich, das wird wohl gelingen, der macht das eine Weile schon so. Wenn er es nicht könnte, hätte man ihn schon davongejagt. Der weiche Teig wurde entfernt und in den Abfall geworfen und auf einmal war die drei Jahrzehntealte Erinnerung an Herrn Deckert, meinem Deutsch- und Geschichtelehrer, neben dem ich auf meiner einzigen Klassenfahrt am Frühstückstisch gesessen hatte und ihn interessiert beobachtete, wie er aus einer Schrippe den Teig herausholte und den Hohlraum mit Butter und Leberwurst füllte. Auch seine Bewegungen waren ihm nicht ungewohnt, so macht er es jeden Morgen, dachte ich. So systematisch, so ohne Interesse, so langsam und bedächtig.
Seitdem hatte ich diesen Lehrer immer mit anderen Augen angesehen, denn ich hatte es nicht glauben können, der Teig ging in den Abfall, als wäre er nichts wert. So etwas gab es in meinem Weltbild damals noch nicht und ich hätte ihn gerne darauf hinweisen wollen. Herr Deckert, das macht man nicht!
Mein Teig landet auch in der Tonne neben den Plastikflaschen und Eierschalen. Der Hohlraum wurde mit Curryreis, kleingehackten Oliven und einer dunkelroten Paste gefüllt, dazu das Hackfleisch und die Zwiebeln, sowie ein Spiegelei. Etwas Ketchup, etwas Mayonnaise, auf einen Teller ein Stück Packpapier, darauf das Sandwich und 2 Hände voll Pommes Frites, dazu ein Klecks Senf. Guten Appetit.
Ich hatte die Variante Delüx. Besser ging Sandwich nur mit Curryreis drin und einem Spiegelei. Von nebenan wurde eine CocaCola geholt und es gab auch ein Glas. In einer Pause setzten sich die beiden Brüder mir schräg gegenüber, in der Enge mit dem Abstand, sich nicht zu mir zu setzen, aber sie saßen quasi doch neben mir. Sie beobachteten mich verstohlen und ich beobachte sie verstohlen. Der Ältere konnte etwas französisch, worauf er stolz war, aber meine Maulfaulheit und meine Unkenntnis der Sprache hatte ihn schnell aufgeben lassen. Das Sandwich hatte nicht den Pepp, den ich erwartet hatte, es fehlte irgendwie die Würze und es war pappig. Schade. Sonst wäre ich gerne wieder dorthin gegangen.
Ich wohne in einem besseren Straßenzug, es gibt hier jemanden, der seinen Stuhl vor dem Eingang stehen hat und eine rote Uniformjacke trägt. Er achtet auf die Leute, die ein und aus gehen. Nachts schließt er die Haustür auf und wenn man mehrere Taschen hat, ist er behilflich. Schon einen Straßenzug weiter gibt es solche Hausmeister nicht. Es ist die Ecke der Krämerläden und der garagenähnlichen Geschäfte, in denen Tischler Betten und Tische bauen. Neben gärenden Abfällen riecht es immer wieder nach frischem Holz. Auf der Suche nach einem Imbiß mit Fleischspießen stieß ich auf einen schmalen Laden, in dem ein Junge Sandwichs bereitete. Die längs gestellte Theke ließ einen schmalen Durchgang und hinten standen 2 Tische mit Plastikstühlen. Sehr dicht daneben 2 Tröge mit Frittenfett, ein 12jähriger bediente die Körbe, so wie er es tat und in welchen Mengen, der Laden schien gut zu laufen, die Bewegungen des Jungen waren routiniert, wie er den Korb aus dem Fett nahm, wie er ihn ausschüttete und wie er ihn zum Halten brachte. Ein anderer Junge, der Bruder, auch noch sehr jung und das Gesicht mit Zügen, die ihn schon jetzt als einen dreißigjährigen aussehen ließen, er war vielleicht achtzehn. Es fehlte die Offenheit der Jugend, dieser gewisse Glanz, diese gewisse Neugier und es fehlte gänzlich die Sorglosigkeit der Bewegungen.
Auf ein Blech mit Gasflamme darunter gab er einige Spritzer Öl und neben einem Häuflein Zwiebeln brachte er Hackfleisch zum Braten. Gewendet und geschoben wurde mit einem Spachtel. Als er das Baguette aufschnitt mit einer einzigen Bewegung des Messers sah ich mein Sandwich in der Reihe von vielen schon bereiteten und ich freute mich, das wird wohl gelingen, der macht das eine Weile schon so. Wenn er es nicht könnte, hätte man ihn schon davongejagt. Der weiche Teig wurde entfernt und in den Abfall geworfen und auf einmal war die drei Jahrzehntealte Erinnerung an Herrn Deckert, meinem Deutsch- und Geschichtelehrer, neben dem ich auf meiner einzigen Klassenfahrt am Frühstückstisch gesessen hatte und ihn interessiert beobachtete, wie er aus einer Schrippe den Teig herausholte und den Hohlraum mit Butter und Leberwurst füllte. Auch seine Bewegungen waren ihm nicht ungewohnt, so macht er es jeden Morgen, dachte ich. So systematisch, so ohne Interesse, so langsam und bedächtig.
Seitdem hatte ich diesen Lehrer immer mit anderen Augen angesehen, denn ich hatte es nicht glauben können, der Teig ging in den Abfall, als wäre er nichts wert. So etwas gab es in meinem Weltbild damals noch nicht und ich hätte ihn gerne darauf hinweisen wollen. Herr Deckert, das macht man nicht!
Mein Teig landet auch in der Tonne neben den Plastikflaschen und Eierschalen. Der Hohlraum wurde mit Curryreis, kleingehackten Oliven und einer dunkelroten Paste gefüllt, dazu das Hackfleisch und die Zwiebeln, sowie ein Spiegelei. Etwas Ketchup, etwas Mayonnaise, auf einen Teller ein Stück Packpapier, darauf das Sandwich und 2 Hände voll Pommes Frites, dazu ein Klecks Senf. Guten Appetit.
Ich hatte die Variante Delüx. Besser ging Sandwich nur mit Curryreis drin und einem Spiegelei. Von nebenan wurde eine CocaCola geholt und es gab auch ein Glas. In einer Pause setzten sich die beiden Brüder mir schräg gegenüber, in der Enge mit dem Abstand, sich nicht zu mir zu setzen, aber sie saßen quasi doch neben mir. Sie beobachteten mich verstohlen und ich beobachte sie verstohlen. Der Ältere konnte etwas französisch, worauf er stolz war, aber meine Maulfaulheit und meine Unkenntnis der Sprache hatte ihn schnell aufgeben lassen. Das Sandwich hatte nicht den Pepp, den ich erwartet hatte, es fehlte irgendwie die Würze und es war pappig. Schade. Sonst wäre ich gerne wieder dorthin gegangen.