|GTaag|

10. Juni 2007

Tag 42 – Schuhputzer

Abgelegt unter: Marokko — gtaag @ 02:09
100 Meter entfernt gab es einen „Salon de Thee“ mit anständigem NusNus, morgens saßen da die Herren mit besseren Anzügen und studierten Papiere. Ein Schuhputzer hatte gut zu tun. Die Herren mit ihren Papieren schauten immer sehr hochnäsig aus, wenn vor ihnen der Schuhputzer kniete, wenn sie dann nicht lasen, war ihr Blick in die Weite gerichtet und es gab kein Gespräch, niemals, man ist eben nicht auf Augenhöhe, wie man es bei einem Friseur ist, wo ein Schweigen zwar auch möglich ist, aber man auch ganz gut über Gott und die Welt schwatzen kann.
Am dritten oder vierten Morgen traute ich mich. Denn ich habe mir noch niemals die Schuhe putzen lassen. Ich habe mich immer geniert. Dort wo ich aufgewachsen bin, hinterm Eisernen Vorhang, waren Schuhputzer immer das Zeichen für Klassenunterschied und sie waren arm und unterdrückt. Schuhputzer können eben gut dafür herhalten, denn nur reiche Leute lassen sich die Schuhe putzen, arme Leute würden das wohl selber tun. Außerdem diese Hochnäsigkeit, was gibt es besseres, zur Illustration von Klassenunterschieden.
Ich will nicht weiter mich in die Ursachen vertiefen, warum es mir schwer fällt, Dienstleistungen anzunehmen. Aber langsam, ich lerne es. Vielleicht hat es etwas zu tun mit dem Aufenthalt in arabischer Hemisphäre oder natürlich auch pakistanischer: Dort ist es normal, dass es Menschen gibt, die einem dienen und die das auch gar nicht schlimm finden. Genauso ist es mit dem Schuhputzen, es ist nichts anderes als eine Dienstleistung, für die bezahlt werden muss und jemand lebt sogar davon. Das kann doch eigentlich nicht ganz schlecht sein.
Das Kästchen aus Holz, mit dem der Schuhputzer unterwegs war, hatte zwei Deckel und in der Mitte, gleichzeitig der Tragegriff in der Form eines Fußabdruckes, setzte ich einen Schuh. Meine Schuhe hatten es wirklich nötig. Der Schuhputzer ging systematisch vor, reinigen, eincremen (mit einer flachen Bürste, nicht mit einer ausgedienten Zahnbürste, wie es bei meinen Eltern und deren Eltern und auch bei mir üblich war, als es noch nicht die Tuben mit dem Schaumpolster gab). Danach noch einen Hauch Creme mit dem Finger aufgetragen, dann kam der andere Schuh dran. Ich beobachte genau, von oben nach unten. Vor mir kniete ein Mann meines Alters mit grauen, kurzen Haaren, hager und einer dunklen abgetragenen Kleidung, er hatte sogar ein Jackett an, eben jenes, das keinen Chic mehr hat, aber eine gewisse Haltung noch gibt. Seine Bewegungen waren schnell und gekonnt, wie er die Bürste hinten um den Spann führte und mit der anderen Hand wieder aufnahm, das war gekonnt, das hatte eine Geschwindigkeit, wo die Schwerkraft sich verändert, außer Kraft gesetzt wird: Die Bürste in diesen Händen, sie könnte niemals zu Boden fallen.
Dann geschah etwas, das mir den Atem verschlagen ließ. Als der eine Schuh fertig war, schaute der Schuhputzer nicht etwa zu mir auf oder machte eine Kopfbewegung oder eine Bewegung des Armes, nein, er schlug zweimal kurz mit einem Deckel des Kästchens auf und wieder zu, das war das Zeichen und ich wusste es sofort, ohne jemals vorher beobachtet zu haben. Nun kommt der kommt der andere Schuh an die Reihe.
Es gibt keine Verbindung zwischen Schuhputzer und zwischen sich Schuhe putzen lassenden. Es gibt nur ein Aufschlagen des Deckelchens. Nichts weiter gibt es.
Schon beim zweiten Schuh bemerkte ich, wie ich weniger interessiert war und den Blick in die Ferne schweifen ließ. Natürlich, es ging noch weiter, der andere Schuh kam wieder an die Reihe, eine weichere Bürste tanzte in ausgefeilten Pirouetten, zum Schluss gab noch ein Lappen den zusätzlichen Zusatzglanz. Fertig.
Zurück am Drehort, auf den Spott musste ich nicht warten. Denn allgemein trägt man natürlich Bergsteigerschuhe, nur ich als Tonmeisterlein, der sich nicht zwingend über Stock und Stein bewegen muss, der kann sich Schuhe mit feinem und glattem Leder leisten, was er auch gerne macht. Ich könne ja nun, so ein Beleuchter, wenn es schnell gehen müsse, als Silberblende einspringen. Und ein anderer sagte, so frisch geputzte Schuhe, die machen wirklich einen schlanken Fuß. Nun Jungs, spottet nur. Sich die Schuhe putzen lassen, das ist wirklich Klasse. Zwar hat man nur wenige Straßenschritte weiter nichts mehr davon. Aber trotzdem. Hoch lebe der Beruf des Schuhputzers.

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