|GTaag|

27. August 2007

Ein Hoch über Berlin

Abgelegt unter: so — gtaag @ 23:40
Als der Pfarrer uns die Hände auflegte und den Segen sprach, hatte ich Zeit zu überlegen, ob es normal sei, ihm in den weiten Ärmel bis hinauf zu den Achselhöhlen gucken zu können. Ja doch, er hatte noch züchtig etwas unter dem weiten Gewand angezogen, aber komisch war das schon, in so eine Gegend zu gucken und dabei auch noch ausreichend Zeit zu haben. Ich versuchte einen Blick von T. zu erhaschen, aber sie schaute andächtig und vielleicht war auch der andere Ärmel bei ihr nicht so unglücklich zum Hängen gekommen. Hinterher sagte T., der Segen sei wirklich schön gewesen und ich hatte wieder nichts mitbekommen, nur etwas viel Mottenpulver und eine Erinnerung an meine längst verstorbene Großmutter, einer sehr beleibten Frau, die viel schwitze und wenn es feierlich war, wurde 4711 aus dem Westen aufgetragen. Da ich sie meistens nur zu feierlichen Anlässen sah, gehört 4711 in die Zeit der Kindheit und nun also auch zum 18.8.2007, wobei doch heute die Parfumindustrie eigentlich etwas raffinierter geworden ist.
Ansonsten war der Pfarrer erfrischend nicht bei der Sache. Zuerst vergaß er, die Ringe sich geben zu lassen, T. fiel es mittendrin auf und als er sie nahm, war er so ungeschickt, einen fallen zu lassen, ich reichte ihm ihn hinauf.
Auch war er nicht fähig, einen Satz fehlerfrei zu lesen und später, als er meinen Namen zweimal hintereinander falsch und zweimal verschieden falsch aussprach und es mir jedes Mal so ein gewisses Ziehen verursachte, ich aber gewähren ließ, weil ich zu eingeschüchtert war, er dann aber plötzlich meinen Namen richtig aussprach, war ich doch überzeugt, dass gewisses Kirchenpersonal eben nicht dem entspricht, wie man es sich gerade bei so einem Anlass vorstellen würde, aber Nachsicht, natürlich, es ist eben nur Personal, es geht um etwas ganz anderes.
Die Predigt ging um einen Fußabtreter, den er tatsächlich auch vorholte und hinlegte. Dieses Moment hatte etwas von gelungenen Sat1- oder RTL-Einmannshows, aber was er dann sagte, hatte nichts mit dem Leben zu tun und war in sich drin rührend falsch: Man solle in der Ehe, wenn der Mann von der Arbeit nach Hause komme, zu der Frau mit den Kindern, draußen auf diesem Fußabtreter die Füße abtreten und damit alles das draußen lassen, was einen belaste und sich ganz der Frau und dem Kinde widmen, voller Liebe und so.
Der Sinn war schon klar und es war wirklich so rührend falsch, rührend auch deshalb, weil der Pfarrer sichtlich stolz auf seine Predigt war, dass er mit Freiberuflern sprach und was es bedeutet, Freiberufler zu sein, dass wir möglicherweise und eigentlich eher gar keine Kinder haben wollen oder haben werden und das es erwiesener Maßen auch falsch ist, Sorgen draußen zu lassen und nicht auszusprechen, das hatte ihm der Herr nicht eingegeben und auch nicht ein gewisses Interesse an uns, über uns wollte der Herr auch nichts wissen.
Im Vorgespräch wollte er rein gar nichts erfahren, nur mir hatte er zu verstehen gegeben, dass ich ja gar nicht an Gott glauben könne, weil ich nicht getauft sei und folglich an meiner Ehrlichkeit zu zweifeln wäre, da ich das Eheprotokoll mit „So wahr mir Gott helfe“ unterschrieben habe.
Meine ganze katholische Schwiegerverwandtschaft hegte hinterher Zweifel, ob der Mann überhaupt echt gewesen sei. Meine ganze getaufte oder ungetaufte oder ausgetretene Verwandtschaft zog es vor, sich jeglichen Kommentars zu enthalten, auch eine Form der Toleranz, die anderen Gäste sagten dann nach der Hochzeit, alles sei ja schön gewesen, aber das in der Kirche, warum habt ihr das eigentlich gemacht?

Es soll ja Leute geben, die es genießen, im Mittelpunkt zu stehen, ich gehöre definitiv nicht dazu. Hochzeit gleicht einem Ausnahmezustand, wo nicht alle Waffen geladen, sondern mit Blumen geschmückt sind. So oft habe ich T.s und meinen Namen noch niemals in Zusammenhang gehört und noch niemals wurde mir so viel Aufmerksamkeit und Wohlwollen entgegengebracht, wie an diesem Tag. T. sagte zwar auch hinterher, es sei ihr eine Anstrengung gewesen, aber sie hatte wenigstens noch Stimme und konnte was bewegen, während ich mich am liebsten etwas ins Abseits begeben hätte oder still dazugesetzt, aber so – diesen Grad Aufmerksamkeit denke ich nun für den Rest meines Lebens genug gehabt zu haben.

Das Konzept war aber trotzdem aufgegangen. Nichts ist schlimmer als Steifheit bei einem Fest oder erst eine Lockerheit nach gewissem Alkoholkonsum, so war die Aufgabe unserer beiden Zeremonienmeister (Sabine Beyerle und David Reuter) sich etwas auszudenken, was zum einen die Gäste von uns ablenken und zum anderen auch mit sich selber und untereinander in Kontakt kommen lassen würde. Die Idee war einfach und wirkungsvoll: In leere Filmdosen wurden jeweils zu acht verschieden klingende Gegenstände getan und je nach Geräusch mussten sich die Gruppen dann zusammenfinden. Dieses Klappern und Hören schuf schon eine Aktion und jeder musste sein Territorium verlassen, das war es schon. David sagte hinterher, die Filmdosen und das Hören, diese Analogie sei ein Zufall gewesen. Ich glaube ihm nicht ganz.
Die Gruppen dann mussten den blanken Korpus eines Schiffes gestalten, so ein einsfünfzig langes Modelschiff und da wurde aufgeteilt in Heck, Buk, Wimpel, Seiten, Ruder, Schwert. T. und ich (so ein Zufall) waren zu zweit und mussten den zentralen Teil des Schiffes, den Liebesaltar, gestalten. Das taten wir auch, während die anderen wirkten und werkelten und nur wenige sich abseits hielten, was ja auch ganz gut war. Auf den Fotos sieht man eine gelungene Veranstaltung. Herausgekommen ist eine komplexe Gestaltung, am Schert stand das Datum und ein bis und dann die liegende 8 für unendlich. Ein Kompass, eine T., die im Liegestuhl sitzt, ein GTaag, der neben ihr steht. Der Clou aber, der Name des Schiffes, ein Wortspiel, das sich leider nur mit meinem und T.s Vornamen verstehen lässt, ich sage sie sonst nicht gerne in diesem Blog, aber da ich bis heute gerührt bin und es die eigentlich Erinnerung an die Hochzeit ist: Anjas Uver.

Nachdem ein Brand gelöscht wurde, beim Zuwasserlassen hatte ich es nicht geschafft, zwei abgelegte Seerosen aus Plastik hinunterzunehmen und die Kerzen …, übergaben wir das Schiff dem Kanal zum Großen Wannsee. Später rankten sich schon Geschichten, das Schiff sei gekentert, es sei abgebrannt, mindestens sei es untergegangen. Dass es einfach nur ganz friedlich weggetrieben war, mit etwas Schlagseite, das vermutete niemand. Komisch, ich gehe davon aus.

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