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30. Oktober 2007

Heiligendamm II

Abgelegt unter: unterwegs — gtaag @ 00:12
Heiligendamm ist nur noch zu 50% morbide, die anderen 50% sind dekadent und um diese Dekadenz ist ein halbmannhoher Zaun gezogen. Mit Magnetkarten kommt man durch kleine Tore, die sich teilweise automatisch öffnen, hinein und hinaus. An der Schranke wacht ein Wachdienst und an der Hoteleinfahrt steht viel Personal. Sicherlich, man könnte locker diese Zäune im Sprung nehmen und dort, wo das „Haus Reuter” steht, ganz abseits im Gelände und noch nicht wieder herausgeputzt, Richtung Kühlungsborn, kann man einen Knüppelzaun ohne Schwierigkeiten übersteigen, fast ohne seine Hände zu benutzen. Aber das macht man ja nicht, Zäune sind Zäune und Dekadenz ist Dekadenz.

Am vergangenen Sonnabend war Aktionärstreffen in Heiligendamm. In einem Seitenflügel der Lobby steht ein Modell und jedes Haus ist renoviert und hat eine Bestimmung. Ein schönes Modell und ohne viel Nachzudenken fragt man sich, wie das wohl alles mit Leben und mit Wirtschaftlichkeit verbunden werden soll, denn alle noch vorhandenen Häuser sind herausgeputzt und noch neue Häuser sind in Planung, da müssen ja täglich hunderte hier Gast sein. Versucht sich da einer seinen ganz privaten Gedanken zu verwirklichen und vergißt das Klima rundherum, ich meine, heute ist es grau und um die 10 Grad Celsius, wir sind in Norddeutschland.

Beim Aktionärstreffen hatte sich kurzzeitig das Gästebild im Kempinski Grand Hotel Heiligendamm verändert. Nicht nur die hochbeinigen Geländewagen waren zu sehen und die deutschen und japanischen Edelmarken, sondern auch der eine oder andere Kleinwagen hatte sich dazugesellt. Ich sah einige Väter mit ihren Söhnen. Die Väter sehr alt und aufrecht und die Söhne im Vergleich jung, aber eben auch schon über 50 und alle größer als die Väter und alle liefen sie hinter den Vätern und hatten so eine Art in der Körperhaltung, hinter der man einen starken Vater vermuten würde, hätte man es nicht auch noch gleich vorgeführt bekommen: Etwas gebückt, den Kopf geneigt wie in Stein gewordene ironische Betrachtung, gelangweilt, die Haut bleich und von gewisser grauen Konsistenz, die einen ungesunden Lebensstil vermuten läßt. Man könnte sofort an Vitamine denken und gleichzeitig an Mangel.
Ab 25tausend Invest hatten sie eine Nacht frei. So liefen sie über das edle Pflaster mit der Magnetkarte in der Hand. Ich dachte an das Heiligendamm, das ich seit 30 Jahren kenne. An Heiligendamm hat sich nichts geändert. Nur das Publikum, das ist irgendwie ausgetauscht. Aber die Häuser, das Ensemble. Und vielleicht macht es auch das Meer, das den Ort bestimmt. Das Meer, mindestens, ist gleich geblieben. Schon nach 3 Jahren müssten mal wieder die Maler ran, an die Fassaden.

10. Oktober 2007

Heiligendamm

Abgelegt unter: Allgemein — gtaag @ 22:07
In Heiligendamm, wo sich früher die Werktätigen mit Haut- und Asthmakrankheiten breit gemacht haben, macht sich heute das Kempinski breit. Das Kempinski macht sich nicht zu sehr breit, nur die Haupthäuser. Und dort geht es marmorn und auch ein bisschen hochnäsig zur Sache. Noch 5 oder 6 Häuser, die durchaus die Silhouette der “Weißen Stadt am Meer” prägen, sind verrammelt und die weiße Farbe ist grau und es blättert. Der Silhouette tut das bislang keinen Abbruch, die Häuser stehen ja noch. Aber nah herangetreten frage ich mich doch. Wer braucht diese Häuser, womit will man sie mit Inhalt füllen.

Einen jungen Typen, der in Kühlungsborn aufgewachsen ist und es deshalb wissen müßte hörte ich sagen: Früher kamen hier nur die Privilegierten her. Da kam man als Normaler nicht hinein.
Natürlich, mit seinen roten und wohlgenährten Wangen redete er Unsinn. Heiligendamm war ein Massenbetrieb. Nichts da mit Zäunen und Sicherheitspersonal. Verwechselte er die Zeitformen?
Ihm wurde nicht widersprochen, ich widersprach auch nicht. Nach nicht einmal 20 Jahren reden die Leute einfach nur Unsinn und man widerspricht ihnen nicht mehr. Sonst könnte man in die Verlegenheit kommen, zu weit ausholen zu müssen.

Schweigen ist manchmal sehr süß.