|GTaag|

4. Dezember 2007

Weintraubs Syncopators. ICH WAR.

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 22:28
Da ist erst einmal die leere Bühne, in der Mitte steht ein einzelner Stuhl, wie er früher in Klassenzimmern zu finden war, funktional, nicht sehr bequem, und auf diesem Stuhl steht eine mechanische Reiseschreibmaschine, mit der Tastatur zum Publikum. So steht sie und man weiß, dass sie Bedeutung bekommen wird, selbstverständlich. Genauso wird dieser Stuhl eine Bedeutung bekommen, natürlich.
Der Mann tritt auf, eine große Erscheinung in braunem Anzug mit offenem Hemdkragen, der Mann ist nicht mehr jung, seine weißen Haare sind zurückgekämmt über imposantem Schädel, diese Haare würden im Nacken einen Friseur vertragen, aber weil es so ist und weil es so bleiben wird, dieser Mann darf das, er ist eine Hauptfigur, da gelten andere Maße.
Stefan Weintraub.
Er setzt sich auf den Stuhl, die Maschine vor sich auf die Knie und die langen Beine sind etwas eingeknickt. Er beginnt zu tippen. Endlich geht das Licht über den Zuschauern aus und auf die weißen in leichtem Rund gestellte Bühnenelementen hinter Herrn Weintraub wird ein Text projiziert, den man gerne lesen möchte, aber die Zeilen sind weit weg und eng und unscharf. Weintraub hält inne – wie lange muss es dauern, mit beiden Zeigefingern seine Memoiren zu schreiben. Er beugt sich über die Maschine und hinten die Projektion kommt auch näher, wie in einem Vergrößerungsglas, geht wieder zurück ins Unleserliche, Herr Weintraub tippt mit seinen beiden Zeigefingern weiter, ja, es ist mühsam und man weiß es schon, Herr Weintraub wird sterben.
Sein Gesicht kommt dem Blatt Papier sehr nahe und auch die Projektion verändert sich, die Schrift kommt näher und näher, wie aus einem Universum tritt man an sie heran. Und es bleiben stehen 2 Wörter: ICH WAR.

So beginnt “Weintraubs Jazz Odyssee” an der Neuköllner Oper in Berlin.

2 Engel treten auf und Herr Weintraub, wieder erwacht, verlangt Eintritt in den Jazz-Himmel. So einfach ist es aber nicht, das muss erst examiert werden und hat Herr Weintraub überhaupt einen Abschluß als Jazzmusiker, was Automechaniker ist er in den letzten Jahren gewesen, nichts vorweisen könne er, die weißen Elemente mit der ICH WAR Projektion werden zur Seite geschoben, Bühne frei für die Weintraubs Syncopators, gegründet 1924 und avanciert zur erfolgreichsen Jazzshowband der 20iger und 30iger Jahre.

Die Musik entschädigt für die etwas angestaubte Dramaturgie mit den Engeln und dem Himmel und auch mit Gott, die Stichwortgeber für Herrn Weintraubs Lebensstationen sind. Jazz ist eine wunderbare Angelegenheit, vor allem, wenn aus purer Lust gespielt wird. Dazu schwamm sich die Band unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg schnell frei. Vielleicht war es der Respekt vor den Syncopators oder das Premierenlampenfieber. Es wurde.

Ab 29.November 2007. Neuköllner Oper.

Mehr über Weintraubs Syncopators. LINK

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