|GTaag|

14. April 2008

Zierrasen

Abgelegt unter: Erinnerungen — gtaag @ 21:18
Der Zierrasen auf Randberliner märkischem Sandboden durfte nicht betreten werden, weil sich die Halme dann nicht mehr aufrichten und es unansehnlich aussehen würde. Das war aber der Mickrigkeit geschuldet und nicht irgendwelcher willkürlicher Verbote.
Als Kind  konnte ich das nicht beurteilen und eine der ersten Oppositionen war, auf den Rasen zu pinkeln, mitten drauf, wenn es niemand sah.
Verborgen blieb es nicht, natürlich, nach wenigen Wochen gab es kleine Inseln dichteren Grüns, die bestaunt wurden und als Kind lernte ich schnell meine Lektion, ich staunte mit und ich bemühte mich fortan, zu vertuschen, indem ich zwischen die einzelnen Inseln pinkelte, was aber im Ergebnis nicht gelang, weil den alten Stellen langsam der Dünger wieder ausging und sie wieder weniger grün wurden.
Das Wissen darüber wurde nie öffentlich, ein Verdacht nicht geäußert und ein Geständnis nie gemacht. Erst als ein Bekannter der Eltern aus Wittenberg-Piesteritz, dem Stickstoffwerk VEB Agrochemie, einen Sack voll Harnstoff mitbrachte und der Rasen damit regelmäßig gegossen wurde, zeigte sich ein einheitlicheres und dichteres Grün. Der Rasen durfte auch nach und nach betreten werden, später sogar war es möglich, eine Decke auszubreiten und sich in die Sonne zu legen. Ich pinkelte fortan vornehmlich auf den Komposthaufen, man bedenke, wie viel Spülwasser ich seither gespart habe.

Mitte der neunziger Jahre wurde ich allerdings wieder zur Wachsamkeit alarmiert, als ich in Lemberg (Lviv) in einem Park, na ja, gerade dort, wo Zivilisation eher eine zarte Knospe…, von einem Parkwächter zur Zahlung einer Strafe aufgefordert wurde und mich nur durch Flucht entziehen konnte.
In T. hinterm Haus, ich habe heute früher als jemals in einem Jahr den Rasen gemäht, weil da so dichte Grasbüschel standen. Nein, das Rasenmähen wäre eigentlich nicht nötig gewesen, aber was soll man machen, wenn einem die Peinlichkeit überkommt.

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