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8. März 2008

Die BVG, juché

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 22:03
Wenn man in Berlin derzeit ein Newyorker Flair haben will, sollte man am frühen Nachmittag beispielsweise zwischen der Straße Unter den Linden und dem Bahnhof Friedrichsstraße unterwegs sein. Dort laufen so viele Menschen zielstrebigen Schritts Richtung Bahnhof, dass man es sich nicht leisten kann, gegen den Strom zu laufen, es gäbe einfach zu viele Irritationen beim Ausweichen voreinander.
Der Grund: Die Berliner Verkehrsbetriebe streiken, es fahren keine Straßenbahnen und keine Busse, U-Bahnen auch nicht. Die Straßen sind dicht, nur die S-Bahnen tuen ihren Dienst.

So tut der BVG-Streik etwas für die Gesundheit des Berliner und des zugereisten Volkes. Man läuft einfach mehr, man fährt mehr Fahrrad. Man lernt mehr zu denken, zu planen, von den gewohnten Wegen abzuweichen.
(Nein, ich benutze die BVG auch sonst nicht. Ich mein ja nur. Streikt ruhig.)

19. Dezember 2007

BND/3

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 00:56
Die Stadtelster hat es dann doch vorgezogen, ihren Baum und die Dachrinne zu verlassen. Nach einigem erfolglosen Bemühen, die Stimmen der Bagger und Bohrmaschinen nachzuahmen, hatte sie auf einer der Kameras sich gesetzt und mit dem Kopf vornüber ins Objektiv geschaut. Mit dem Schnabel hatte sie gegengepickt, es blinkerte so, das Glas, aber nichts rührte sich. Nur so ein beleibter Wachmann war wie aus dem Nichts auf einmal aufgetaucht und hatte wild mit den Armen gestikuliert. Das sah irgendwie gefährlich aus. Seit wann haben Menschen jetzt so viele Arme, Mutanten in der Stadt?
Ohne sich zu verabschieden flog die Stadtelster Richtung Friedrichsstraße. Vielleicht kommt sie später noch einmal vorbei. Vielleicht ist es  Es ist eine sentimentale Stadtelster.

14. Dezember 2007

Großstadt

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 23:31
Es werden wieder am Alexanderplatz dicke Strahlen Richtung Universum geschickt. Meistens 1 Strahl, manchmal 2 Strahlen. Weiß und scharf sehen die Strahlen aus und mächtig auch.

Das gehört zu einer Großstadt wie Stopp und Goe der Autos und die Gasheizer vor den Kneipen, auf dem Bürgersteig.

Neinnein, ich will das nicht weghaben. Dafür schalte ich ja auch immer mal das Licht 5 Minuten länger aus. Eine Großstadt ist schon — eigendynamisch.

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9. Dezember 2007

BND/2

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 20:43
Der Stadtelster hat man den Baum gelassen, aber sie ist doch beunruhigt, wenn es dunkel wird geht die Flutlichtanlage an und legt das Gebiet in ein weißes Licht, man könnte fast meinen, Schnee läge, alles ist fremd und unwirklich. Die Stadtelster ist ein paar Mal so auch zu einer Tageszeit geflogen, in der sie eigentlich nicht mehr unterwegs ist. Doch es hat ihr nicht gefallen und sie ist zu dem Baum zurückgekehrt, neben den Bauarbeitercontainern, wo es etwas ruhiger ist. Ja, als hier noch in der Mitte Berlins Golf gespielt wurde, die Elster seuftst. Sogar ein Geschäft gibt es noch in der Habersaathstraße, der Golfschläger und teure dunkele Kleidung verkauft. Wie lange der sich wohl da noch halten wird.

Es ging ja eigentlich ganz harmlos los. Ein viertel Jahr waren drei Planierraupen beschäftigt, das Areal tiefer zu buddeln und eine Versorgungsstraße wurde angelegt. Das die Planierraupen langsam tiefer und tiefer gingen, war gar nicht zu sehen von oben, erst jetzt, wo die ersten Mauern gegossen werden erkennt man die Dimension und die Tiefe, natürlich will ein Nachrichtendienst es auch in der Tiefe haben, natürlich.
Die Elster fliegt zu der Dachrinne des Hauses, das sein Dach verjüngt hat. Hier gefällt es ihr, die neue Dachrinne, fast besser als der alte Baum, dem man Gnadenfrist gegeben hat. Hier kann sie es auch ein bisschen dunkel haben und der Wind pfeift über sie hinweg.

Über diese ganze Aufregung der letzten Wochen hat sie ganz das Dieben vergessen. Wenn nur dieses weiße Licht nicht wäre. Menschen brauchen so etwas scheinbar, um ihrer Wichtigkeit Nachdruck zu geben. Der Elster ist das suspekt. Als Stadtelster ist sie einiges gewöhnt und wertet es deshalb nicht. Sie wird sich dieses Treiben noch eine Weile ansehen. Später wird sie sich bestimmt anfreunden und ihren Nutzen ziehen. Elstern sind so, Stadtelstern besonders.

7. Dezember 2007

BND /1

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 00:00
Der BND unterhält in Berlin die größte Baustelle der öffentlichen Hand. 1 Milliarde Euro wird sie mal kosten, damit aber auch wirklich alles inklusive.

Das erste, was gemacht wurde: Es wurden Kameras aufgestellt.
Das zweite, was gemacht wurde: Eine Flutlichtanlage wurde installiert.

Das riesige Gelände ist nun lückenlos in gleißendem weißen Licht erstrahlt. Das Walter-Ulbricht-Stadion hätte sich gefreut über so eine Anlage. Der Stasifußballclub BFC genauso. Der Golfplatz ist eine Fußnote und die autofreie Stadt, die entstehen sollte, da hat sowieso niemand dran geglaubt.
Nun wird der Boden zwischen Berlin Wedding und Berlin Mitte vom untersten zum obersten gekehrt und die Gegend frohlockt: Ja, es wird aufwärts gehen mit diesem Niemandsland.

Die Tankstelle darf noch etwas ausharren und ihren Spritt 2ct. über Durchschnitt anbieten. 2 oder 3 Jahre noch. Dann darf auch sie gehen. Benzin ist einfach zu gefährlich.

15. September 2007

„Wir wollen kaufen, lasst uns rein.“

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 20:40


Die Berliner Kongresshalle, jetzt Haus der Kulturen der Welt, hieß immer schon die „Schwangere Auster“. Der Friedrichstadtpalast „Aserbaidschanischer Bahnhof“ und der Fernsehturm „Telespargel“. Die Gedächtniskirche „Hohler Zahn“, die Siegessäule „Goldelse“, der Grenzübergang Friedrichstraße „Tränenpalast“ und der Palast der Republik, fast abgerissen, „Erichs Lampenladen“.
Für das neue Einkaufszentrum am Alexanderplatz, das Alexa, wird der Berliner auch schnell einen Namen finden, „ Rosaroter Bunker“ ist im Gespräch oder „Pharaonengrab“.
Ich dachte eigentlich, dass mit Nichtbeachtung gestraft werden würde, immer wenn ich bisher vorbeikam, hatte ich so ein bestimmtes Streben, schnell wegzukommen und gar nicht länger als nötig meinen Blick darauf zu richten, so ist es, wenn man beleidigt wird und nicht recht weiß, womit man diese Beleidigung verdient hat.

Nun ist am Mittwoch dieser Hochbunker eröffnet worden und es ereignet sich etwas eigenartiges: Bis heute, 4 Tage später, muss die Polizei den Verkehr sichern und wenn die Fußgänger die Alexanderstraße bei Grünphase überqueren, bildet sich in der Mitte regelmäßig ein Knäuel hinstrebender und wegstrebender Passanten. Es scheint dort etwas umsonst zu geben, im Mediamarkt, ich bin doch nicht blöd, sagt man. Und geht hin. In die Zwingburg. „Wir wollen kaufen, lasst uns rein.“
Wir sind das Volk. Ich bin Volker.

3. September 2007

Palast der Republik – Stand der Dinge

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 23:43
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26. Dezember 2006

Rosa-Luxemburg-Platz

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 16:54
Am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin Mitte ist es nicht ungewöhnlich, wenn man Menschen verschiedenen Alters versonnen vor sich hinschauend dastehen sieht.
Vom Standpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus äußert sich die historische Notwendigkeit der sozialistischen Umwälzung vor allem in der wachsenden Anarchie des kapitalistischen Systems, die ihn auch in eine auswegslose Sackgasse drängt.
Rosa Luxemburg 1899.
Dieses scheinbar versonne vor sich Hinschauen gehört mittlerweile zum Bild dieses Platzes, der nach seiner Umgestaltung im letzten Jahr weitläufiger und auch kälter geworden ist.
Die ganze Weltanschauung Marxens ist sein Hauptwerk keine Bibel mit fertigen, ein für allemal gültigen Wahrheiten letzter Instanz, sondern ein unerschöpflicher Born der Anregung zu weiteren geistigen Arbeiten zum Forschen und Kämpfen um die Wahrheit.
Rosa Luxemburg 1915.
Der Platz vor und neben der Volksbühne hat eine gespannte und sehr gerade Einfassung aus blankem Metall bekommen und der Rasen dort ist von einem Grün und einem dichten Wuchs und dazu auch noch kurz gehalten, dass man an etwas künstliches denken muss. Seit wann werden denn in Berlin die Rasenflächen so gepflegt, da stimmt doch irgendetwas nicht.
Am 9. November haben Arbeiter und Soldaten das alte Regime in Deutschland zertrümmert. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs war der blutige Wahn von der Weltherrschaft des preußischen Staates zerronnen.

Rosa Luxemburg 1918.
Obacht!, Leute, passt doch auf, so geht das doch nicht, mitten auf der Straße versonnen stehen! Die Rosa-Luxemburg-Straße, sehr befahren, Richtung Schönhauser Allee, dort wo die Magistrale Richtung Norden beginnt und Richtung Fernsehturm, südlich, den man verzweifelt bemüht, zu beleben, mit Straßenbahnschienen rundherum und neuen Einkaufszentren.
Es war seit jeher den Epigonen vorbehalten, befruchtende Hypothesen des Meisters in starres Dogma zu verwandeln und satte Beruhigung zu finden, wo ein bahnbrechender Geist schöpferisch Zweifel empfand.
Rosa Luxemburg 1916.
Und nun merkt man es endlich, als beunruhigter Besucher, rund um den Rosa-Luxemburg-Platz sind diese Zitate als zweizeilige Spruchbänder in die Bürgersteige gelassen, auch in die Straße, manchmal vorher beginnend, manchmal direkt auf ihr. Was dann gefährlich sein kann. Zwar ist die Schrift auf der Straße durch die Autos besser lesbar als die auf dem Fußweg, so blank gerieben durch die Fahrzeugreifen, aber ehe man solche Sprüche entziffert hat und den Sinn verstanden hat, das mit Unterbrechungen und nicht mit der vollen Aufmerksamkeit, ich muss schon sagen:
Eine Welt muss umgestürzt werden, um jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, mit einer Anklage und einem zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus hoher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.
Rosa Luxemburg 1908.
Oder habe ich da nicht mal in Ruhe ablesen können in mein Diktiergerät? Habe ich mich geniert, dort hineinzulesen oder war es der Autoverkehr, der zu sehr ablenkte?
Und wenn mir nächstens einfällt, ein paar Sterne herunterzuholen, um sie jemanden als Manschettenknöpfe zu verschenken, ….
Schade, da parkte dann ein Auto, es parkte nicht einmal im Halteverbot, alles erlaubt.
Rosa Luxemburg, Sie haben auch 1899 gesagt:
„Ach Dziodzi, werde ich niemals ein Kind haben.“ Richtig erschrocken ist man als Lesender über dieses weiche Zitat. Revolutionäre und Kinder.
Auch über ein Spruchband rechts von der Volksbühne, in dem Rosa Luxemburg in Sanftmut und in Freundlichkeit sich sieht: selbst einer Wespe würde sie nichts zuleide tun, sie mit Grüßen in die Freiheit befördern.
Da hat sie schon eine Weile im Gefängnis gesessen. Da kommt man auf diese Formulierungen.


So ist der Rosa-Luxemburg-Platz umgestaltet. Etwas gefährlich, durch die teilweise auf die Fahrbahn hinausragende Zitate. Aber seit wann war denn Revolution jemals ungefährlich. Höchstens wenn man morgens dann schlafen geht?
Im Krieg gingen die Söhne des Volkes zu tausenden zu Grunde, opfern ihr Leben oder bleiben ihr Leben lang Krüppel um ihre schlimmsten Feinde, die Kapitalisten, zu bereichern.
Rosa Luxemburg, 1904.
Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Deutschland, Italien und die Balkanstaaten, Russland und Polen, sie alle verdanken die Bedingungen oder den Anschluß zur kapitalistischen Entwicklung den Kriegen gleichviel auf dem Weg oder der Niederlage.
Rosa Luxemburg 1899.
Kein Paar der Welt hat so wie wir alle Voraussetzungen glücklich zu sein.
Rosa Luxemburg 1899.

Vorsicht, Auto!

Upd.: Sie sind lesend hierher gelangt? Donnerwetter.
Sie sind hierher gescrollt? Ich kann es nicht verdenken.

25. November 2006

Nachruf aufs Schlemmerparadies

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 19:06
Gerne treffen sich diverse Tatort- oder Polizeirufkommissare an diesen Institutionen, meistens ist dann der Fall gelöst und man resümiert noch einmal so ein bisschen oder gibt etwas privatere Sätze. Diese Institution ist eine Pommesbude, gerne steht sie in diesen Fernsehspielen irgendwo auf weitem Feld, stilisiert, in Hamburg an einen Quai, in Köln unter Autobahnbrücken mit Stadtsilhouette, in Berlin sieht man den Fernsehturm. Es geht auch gar nicht darum, dass etwas echt sein soll, es geht um die Botschaft selber, die so eine Bude ausstrahlt: Hier ist man privat, hier hält man ein Pläuschchen, ißt im Stehen seine Currywurst, lädt sich auch gerne gegenseitig zu einem Kurzen ein, man ist privat im Vorübergehen, nicht zu sehr, nicht zu sehr verbindlich, aber man gibt sich selber und dem anderen die nötige Zeit und die nötige Aufmerksamkeit. Hier steht man auch bei Wetter nur leidlich geschützt, ohne sich gleich zu beschweren, das gehört irgendwie dazu.

Der ersten Pommesbude, die in mein Bewusstsein drang, 1991, prophezeite ich ein kurzes Leben. Ich war vom ostberliner Stadtrand in den Prenzlauer Berg gezogen, aber das ist falsch, eine Straße weiter war schon Weißensee und damit hat dort schon die Ungegend begonnen, nur meine Postleitzahl (1055) hatte etwas mit Prenzlauer Berg zu tun, die Telefonnummer (966…) war schon Weißensee und die Gegend war es auch. Dort wohnt man, wenn man nicht so viel Geld ausgeben will oder kann, wenn man nicht den Bäcker unten im Haus benötigt und es einem nicht stört, dass man Frauchen mit Hundchen in Regelmäßigkeit begrüßen muss und auch Herrchen mit Hundchen, die einem nachgucken und die mehr über einen wissen, als man selber in Erinnerung behalten kann. Damals, 1991, da sagte ich, dass sich das mit der Bude da an der Kreuzung Ostseestraße/Prenzlauer Allee wohl auch bald erledigt haben würde, nach der Wende hatte ich so bestimmte Vorstellungen, dass sich wohl auch wirklich alles erledigen würde, was in der ddr bestanden hatte, schon gar, wenn es einem selber nicht so in den Kram passte, so auch diese Pommesbude. Die, bis heute, da steht und die ich, so lange ich dort oben gewohnt hatte, auch in gewisser Regelmäßigkeit, wenn ich von der Straßenbahn kam, aufsuchte. Sie war erweitert worden, hatte einen Windfang bekommen, Daddelautomaten waren installiert worden und spätnachts, nach sehr viel Alkohol fressarmer Filmpartys war ein nach nichts, außer nach saurer Gurke und Fett schmeckender Hamburger genau das richtige, noch 2 Mark in den Daddelautomaten, an sich hätte man auch das doppelte gleich für den Hamburger zahlen sollen, oder Trinkgeld geben, … Aber das Ende der Bude, dort oben, das gibt es nicht und es ist nicht abzusehen, darum auch gar nicht mein Nachruf dorthin, es geht ums Schlemmerparadies, das ist ganz woanders, Berlin Mitte, Torstraße Ecke Alte Schönhauser.

Ein berühmter Kameramann, der sich immer schon gerne an diesen Buden aufgehalten hatte, nervte eine zeitlang damit, dass er vorrechnete, wie viel die dort verdienten, Goldgrube, eine solche Bude müsste man aufmachen, das pflegte er zu sagen und meinte es bestimmt auch ehrlich, während er weiter den Ruhm seiner Kameraführung festigte, vor allem seiner Dokumentarkamera, vielleicht hatte er dort an diesen Buden eine Menge gelernt, ich vermute es mal, jedenfalls was Ehrlichkeit angeht. Man muss ja die Art nicht mögen, aber. Goldgrube eben.

Dem Schlemmerparadies an dieser lauten Kreuzung begegnete ich Mitte der 90iger, auf distanzierte Weise.
Es gibt Dokumentarfilmregisseure, die haben ein echtes Problem, die trauen sich nicht und es ist ein Leid, ihnen dabei zuzusehen. Eigentlich hatte dieser Regisseur genau in diese Bude gewollt, dem Volk ein bisschen zuhören, aber mitten in der Nacht waren die Berliner Verkehrsbetriebe damit beschäftigt, die Straßenbahngleise auszuschleifen, was zugegeben ein gutes Bild als Vordergrund war, aber doch nicht 2 oder 3 Stunden in der Nacht, jedenfalls traute er sich nicht hinüber, zum Volk. Ein Kreuz. So steht man dann eben bei diesem einen Bild, das schnell gedreht ist und fragt sich dann auch, was man so lange da noch zubringen soll, mit diesem Vordergrund, aber der Regisseur war nicht zu bewegen, er traute sich nicht in die Bude und ich beobachtet ihn dabei mit stillem Masochismus, das Schlemmerparadies, so nah.
Irgendwann sind wir abgezogen, die ganze Zeit war Kundschaft dort gewesen . Aber er hat sich einfach nicht hinübergetraut. (Sie werden fragen, was aus diesem Regisseur geworden ist?, ich weiß es nicht, meine Kontakte haben sich geändert.)

Vor 4 Jahren dann bin ich wieder umgezogen, vom obersten Zipfel des Prenzlauer Berges in den untersten Zipfel: Die Postleitzahl war nun Mitte, 10119, die postalische Zustellung Prenzlauer Berg, das zuständige Finanzamt auch. Eine Garage habe ich im schicken Teil gemietet, über die Torstraße hinweg. Die Torstraße stellt sowieso eine Demarkationslinie dar, drüben gibt es Parkscheinautomaten und Boutiquen und langbemantelte Männer mit Frauen im kleinen Schwarzen, es schließt sich bald der Hackesche Markt an, wo man es sich gerne teuer gut gehen lässt.
Der Weg zur Garage führte eben an jenem Schlemmerparadies vorbei und da der Vorrat an Gedanken begrenzt ist, dachte ich immer „Goldgrube“, wenn ich dort vorbei lief, denn tags wie nachts war dort Kundschaft. Nicht einmal die übelste Sorte. Einmal ist es sogar vorgekommen, dass einer der üblichen Verdächtigen im Blaumann fragte, wo Goethe geboren sei. Ja wo ist eigentlich Goethe geboren, in Weimar?
Im Schlemmerparadies drehte sich ein Dönerspieß, Pommes waren zu kriegen und Currywurst und Flaschenbier natürlich. Über Jahre konnte man dem Baugeschehen an der Kreuzung zum Rosa-Luxemburg-Platz zuschauen, eine jener Baustellen in Berlin, die es zur Dauerveranstaltung geschafft haben: Zuerst eine Generalsanierung bis zur Decke des U-Bahntunnels, dann die Bürgersteige die Schönhauser hinauf, dann die Kreuzung mit allen ihren 5 Einmündungen, ein Unternehmen für 1 Jahrzehnt, vor allem wenn zwischendurch die Maschinen wieder abgezogen werden und sich eine provisorische Straßenführung als Dauerlösung etabliert. Dem schaute das Schlemmerparadies ganz gelassen zu, will ich mal sagen, es machte ihm auch nichts aus, dass gegenüber, nach jahrelangem Stillstand ein schickes Restaurant eröffnete, ein Vietnamese, der vom ersten Tag an auch Kundschaft hatte. Und dann, selbst die härteste Konkurrenz, seit ungefähr einem dreiviertel Jahr, gleich daneben, im ersten Haus der Torstraße, dort hat nach einer glücklosen Bar ein anderer Laden aufgemacht, mit Dönerspieß. Das wird wohl nicht gut gehen, dachte ich, aber es ging ja, das Schlemmerparadies hatte seine Kundschaft, der neue Laden hatte seine Kundschaft. So wie 2 Tankstellen nebeneinander aufmachen, eigentlich Unsinn, teilen sie sich doch den Umsatz. Aber es geht, der Beweis wird gelebt.

Aber es ist doch nicht gut gegangen, das Schlemmerparadies hat sich verabschiedet. Ein großer Container füllte das, was von ihm übrig geblieben war. Es gab kein Aufschrei, keine Petition, kein Hilferuf. Oder man hat es im Straßenlärm nicht gehört. Die Baustelle ist auch langsam auf dem Rückzug, die meisten Gräben sind geschlossen und nach und nach bekommt es rundherum neues Pflaster. Schön wird es hier. Das Brachland Ecke Linienstraße hat auch einen Käufer gefunden. (”Hier entseht eine renditeorientierte Anlageimmobilie”.) Vielleicht liegt in allem ein Zusammenhang. Ich selber war vielleicht zweimal Kunde im Schlemmerparadies. Man muss ja nicht Stammkunde sein, um etwas wie Bedauern zu empfinden. Kein alter Fettgeruch mehr, keine Männer mit lauten Stimmen und in der einen Hand, abgestützt am Stehtisch, die Flasche Bier. Keine Touristen, die den Weg verstellen, während sie auf ihren Döner oder ihre Hühnerhälfte warten. Platt gemacht das Ding, die Goldgrube. Kurz vermutete ich eine Verschwörung, es könnte ja sein, dass in Berlin ein einsamer Entschluss gefasst worden war, aber ist nicht, die Bude Ostseestraße/Prenzlauer Allee steht noch.
3 arg mitgenommene Gesellen bevölkerte sie. Prost. Auf das Schlemmerparadies!

31. Oktober 2006

Wo ist das?…

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 01:35
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… Richtig!

Leipziger Straße, Berlin, stramm Richtung Potsdamer Platz. Kurz vor der Brücke, links ist der Spittelmarkt.

25. Oktober 2006

Hinterm Palast ist vorm Palast

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 01:07
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Zwölf

Abgelegt unter: Bln. — gtaag @ 00:58
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(Unter den Linden, Staatsoper.)
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