|GTaag|

4. Dezember 2007

Weintraubs Syncopators. ICH WAR.

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 22:28
Da ist erst einmal die leere Bühne, in der Mitte steht ein einzelner Stuhl, wie er früher in Klassenzimmern zu finden war, funktional, nicht sehr bequem, und auf diesem Stuhl steht eine mechanische Reiseschreibmaschine, mit der Tastatur zum Publikum. So steht sie und man weiß, dass sie Bedeutung bekommen wird, selbstverständlich. Genauso wird dieser Stuhl eine Bedeutung bekommen, natürlich.
Der Mann tritt auf, eine große Erscheinung in braunem Anzug mit offenem Hemdkragen, der Mann ist nicht mehr jung, seine weißen Haare sind zurückgekämmt über imposantem Schädel, diese Haare würden im Nacken einen Friseur vertragen, aber weil es so ist und weil es so bleiben wird, dieser Mann darf das, er ist eine Hauptfigur, da gelten andere Maße.
Stefan Weintraub.
Er setzt sich auf den Stuhl, die Maschine vor sich auf die Knie und die langen Beine sind etwas eingeknickt. Er beginnt zu tippen. Endlich geht das Licht über den Zuschauern aus und auf die weißen in leichtem Rund gestellte Bühnenelementen hinter Herrn Weintraub wird ein Text projiziert, den man gerne lesen möchte, aber die Zeilen sind weit weg und eng und unscharf. Weintraub hält inne – wie lange muss es dauern, mit beiden Zeigefingern seine Memoiren zu schreiben. Er beugt sich über die Maschine und hinten die Projektion kommt auch näher, wie in einem Vergrößerungsglas, geht wieder zurück ins Unleserliche, Herr Weintraub tippt mit seinen beiden Zeigefingern weiter, ja, es ist mühsam und man weiß es schon, Herr Weintraub wird sterben.
Sein Gesicht kommt dem Blatt Papier sehr nahe und auch die Projektion verändert sich, die Schrift kommt näher und näher, wie aus einem Universum tritt man an sie heran. Und es bleiben stehen 2 Wörter: ICH WAR.

So beginnt “Weintraubs Jazz Odyssee” an der Neuköllner Oper in Berlin.

2 Engel treten auf und Herr Weintraub, wieder erwacht, verlangt Eintritt in den Jazz-Himmel. So einfach ist es aber nicht, das muss erst examiert werden und hat Herr Weintraub überhaupt einen Abschluß als Jazzmusiker, was Automechaniker ist er in den letzten Jahren gewesen, nichts vorweisen könne er, die weißen Elemente mit der ICH WAR Projektion werden zur Seite geschoben, Bühne frei für die Weintraubs Syncopators, gegründet 1924 und avanciert zur erfolgreichsen Jazzshowband der 20iger und 30iger Jahre.

Die Musik entschädigt für die etwas angestaubte Dramaturgie mit den Engeln und dem Himmel und auch mit Gott, die Stichwortgeber für Herrn Weintraubs Lebensstationen sind. Jazz ist eine wunderbare Angelegenheit, vor allem, wenn aus purer Lust gespielt wird. Dazu schwamm sich die Band unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg schnell frei. Vielleicht war es der Respekt vor den Syncopators oder das Premierenlampenfieber. Es wurde.

Ab 29.November 2007. Neuköllner Oper.

Mehr über Weintraubs Syncopators. LINK

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18. November 2006

STOMP

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 20:43
„Hier darf nicht fotografiert werden!“ Das Mädchen in der dunkelen Uniform der Saalaufsicht war extra zu mir getreten.
Aber ich will doch nur mal wieder einen Blogeintrag schreiben, mit Fotos macht sich das viel einfacher, lassen sie mich doch, das ist doch Blödsinn, hier nicht fotografieren zu dürfen.
Ich saß im Admiralspalast und hatte schräg hinter mich geknipst. Den Zuschauersaal und die Balkone. „Na dann stecke ich den Apparat eben wieder weg.“ So einfach war das und das Mädchen in der dunklen Uniform war froh, dass sie nicht mit mir diskutieren musste. Albern das.
Die Bühne, ein 6 Meter hohes Gerüst, daran die unterschiedlichsten Utensilien befestigt, Radkappen, Felgen, Töpfe, Schilder. Unten, zentral, vier blaue umgedrehte Plasticfässer, auf einer zweiten Ebene verspiegelte Fässer, 6 an der Zahl. Man, das wird laut werden. Aber ein Foto wäre das ja nun auch nicht, wieso diese Aufregung.
So saß ich, etwas verschnupft, der Saal füllte sich langsam, ein sehr gemischtes Publikum, jung bis alt, und tatsächlich, mit den Verboten, da hatten sie es, eine Männerstimme vom Band, so als würde der stellvertretende Flugkapitän sich melden, Tonaufnahmen seien verboten, Videoaufnahmen verboten, Fotografieren verboten. Und schalten sie bitte ihr Handy aus. Mein Schnupfen nahm zu, zweimal diese Ansage vom Band.
So versank ich in der Betrachtung des Bühnenarrangements und bemerkte gar nicht, dass da auf einmal so ein Typ mit Irokesenschnitt anfing, zu fegen, erst an der rechten Seite, dann in den Hintergrund und weiter vor, bis zur Mitte. Er fegte und als er an zentrale Stelle gekommen war, hielt er inne, schaute ins Publikum, sinnierend, fegte weiter, als hätte er innerlich den Kopf geschüttelt, dieser grobe Typ mit Muskelshirt und dem Oberkörper eines Bierausträgers, Turnschuhe, darüber stramme Waden, halblange und schlabbernde Hosen. Er fegte gewissenhaft und dann auf der Stelle stehend immer rhythmischer werdend, er bekam nun auch ein weißes Licht. Da traten nach und andere Typen mit Besen auf und fegten und bevölkerten die Bühne, 2 Frauen, 6 Männer in nachlässiger Alltagskleidung, und es hatte mit dieser Zufälligkeit, wie sie auftraten etwas sehr belustigendes, aha, die Vorstellung hat also begonnen. Und wie sie begonnen hatte! Auf einmal war es ein furioses Arbeiten mit diesen Besen, die so unterschiedliche Geräusche und Tonlagen erzeugen konnten und schon bald fragte ich mich, wie die Dinger das aushielten, dass sie nicht kaputt gingen, bei dieser Beanspruchung. Wau. Das muss ich mal mit meinem Hofbesen in der Uckermark machen. Würde ich nie. Das hält doch so ein Besen nicht aus.
Der Irokesentyp war so etwas wie der Conferencier, aber ohne Worte. Die anderen waren wieder abgetreten und er klopfte und schlug, nur an seinem Körper und er arbeitete mit den Schuhen, was für eine Leistung. Die ganze Zeit Takt und Tonfolgen.
Durch das Programm ging es weiter mit allen Dingen, die ein Recyclinghof so hergeben würde, alte Mülltonnen, Deckel, Kunststoffröhren, einmal auch traten 4 auf mit wie Bauchläden umgebundenen Metallküchenspulen, da kann man fein Geräusche mit machen, vor allem, wenn Wasser noch drin ist, das man dann später ablässt, was aussieht, als würde ein Pferd Wasser lassen, ziemlich mächtig, ziemlich lustig.
Der Funke sprang schnell über aufs Publikum, nicht nur wegen des Rhythmusses, sondern weil jeder der 8 Leute dort oben einen Charakter verkörperte. Da war der dem Feinmotorik ziemlich abging, da war der Verträumte, der Macher, die Trommlerin, da war der, der eigentlich mit dieser ganzen Geschichte nichts zu tun haben wollte, der in Ruhe seine Zeitung lesen und dem Nähe nicht so sein Ding war. So wurden die ganze Zeit kleine Geschichten erzählt, sehr liebevoll miteinander, 90 Minuten, ohne Pause, mit ruhigen Passagen und mit Steigerungen, die man ein Tollhaus nennen könnte, wäre da nicht die Präzision gewesen, die nicht im Vordergrund stand, sondern die mit einer Leichtigkeit geboten wurde, wie sie erst durch wirkliche Freude am Spiel entsteht. Dann entsteht etwas, das Empfinden für Zeit vergessen läßt, ich nenne es Fieber, das einen ganzen Saal erfaßt. Niemand kann sich diesem Fieber entziehen.
Erst sehr spät kam die Bühneninstallation ins Spiel. Das war dann noch einmal eine Steigerung. 2 waren oben an einem Gurt mit dem Rücken zum Saal wie Fassadenkletterer herabgelassen und bearbeiteten die Radkappen und Dosen, nun kamen auch endlich die mächtigen Plastikfässer ins Gespräch.

Remarque hat in „Im Westen nichts Neues“ beschrieben, dass man, wenn neben einem der Mörser abginge, die Ohren zuhalten müsse und unbedingt aber auch den Mund geöffnet haben solle, wegen des Druckausgleichs. Ich fand mich mit offenem Mund dasitzen. Die Ohren zuzuhalten, dafür gab es keinen Grund. Was für ein Abend!

STOMP

15. April 2006

Caveman

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 21:03


Caveman pic


Für dieses Einpersonenstück gibt es alleine in Deutschland 15 Darsteller. Falls mal einer ausfällt oder sich Aufführungen überschneiden. Es könnte also zeitgleich an 15 verschiedenen Orten, dieses Stück, aufgeführt werden und würde sein Publikum finden, so erfolgreich ist es. In der Arena (Berlin) nennt man es auch deshalb intern „Unsere CashKuh“, immer ausverkauft, immer zahlende Gäste. So etwas braucht jeder Laden, der die Finger in vielen Aktivitäten hat, das nennt man Risikostreuung, nur so kann man erfolgreich sein.
Vielleicht ist es ein Unterschied, ob man seine Eintrittskarte kauft, oder ob man den Eintritt frei bekommen hat, wenn man kauft, jedenfalls ist das so bei mir, muss man auch Lust auf das Stück haben, irgendwo muss ein Interesse geweckt worden sein. Aber geschenkt, da kann ich geschenkt ja schon mal ganz sportlich ohne Informationen hingehen, nur wissen: EinPersonenTheaterstück, erfolgreich, CashKuh.
Und gehe dann hin, setze sich auf meinen Platz, mustere mit offenen Augen die Location (hier hatte ich schon mal Sir Simon Rattle mit einem Educationprojekt gesehen, da war der Saal größer, jetzt hat man abgetrennt.) *)
Ja das ist es schon, man hat abgetrennt, schlauchartig. Und als es losgeht, ich sitze im hinteren Drittel, habe ich den Eindruck, als würde ich auf eine Briefmarke weitweit vorne schauen, auch noch links in der Reihe vor mir etwas eingeschränkt von einem Sitzriesen mit Muttermal im Nacken.

Geschenkt bleibe ich sitzen, nur irritiert. Aber hab dich mal nicht so, sage ich mir. Da gab es schon schlimmere Sachen. Aber welche?, mir fällt nichts ein. Was nichts zu sagen hat, denn ich gehe für gewöhnlich nicht ins Theater. Das letzte mal vor 10 oder mehr Jahren in die Volksbühne, zu Martthaler, Danke. Europäer, dieses Ding, das Stück war so gut, dass ich keine Lust verspürte, mir dieses Erlebnis durch dauernde schlechtere nehmen zu lassen.



Caveman ist schnell erzählt: Tom, um die 40, wird von seiner Heike ausgesperrt und vor die Tür gesetzt und räsoniert nun über die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Es ist ganz einfach, Männer und Frauen, die gehen einfach nicht zusammen. Männer sind Jäger und Frauen sind Sammler. **)
Der Mann, vor einem See, das andere Ufer ist das Ziel, baut ein Floß oder eine Brücke, gerade hindurch. Die Frau, überlegt, wie komme ich hinüber und geht nach links, unterwegs lässt sich bestimmt noch viel entdecken und aufsammeln.
Mann und Frau im Möbelladen, die Frau vor einem Bett, ach wäre das schön, der Mann, mit Blick auf das Preisschild, komm weiter, das können wir uns nicht leisten.



In dieser Art reiht es sich aneinander, zwar sind die Facetten der Darstellung des Mannes und der Frau bei einem der 15 Darsteller, Christoph Schobesberger, recht schnell erschöpft, Frauen sind bei ihm durch die Gegend tanzende Wesen, mit jeglichem Mangel an Bodenhaftung, Männer wirken immer so, als hätten sie einen Speer in der Hand und müssten sich ununterbrochen an die Brust hauen, ich Tarzan, du Jane. Interessant wäre, noch einen anderen der 15 zu sehen, wie die das so drauf haben, aber trotzdem, es hatte schon was. Es ist eben das Urthema Mann und Frau, die immer wieder eine Partnerschaft eingehen, obwohl sie eigentlich doch gar nicht unter ein Dach passen. Oder gerade deshalb, damit es nicht langweilig wird.



Und so habe ich mich über eine Stunde doch ganz gut amüsiert. Bis das Kopfmikrophon ausfiel und Tom noch gerade seine Sätze zu Ende brachte, ganz weit vorne, da in seiner Briefmarke.
Dann war Pause. Tatsächlich waren T. und ich dann die einzigen, die nach dem Klingeln vor ihrem Bier sitzen blieben. Wir schauten auf die Spree und dachten über uns nach. So ist es, wenn man Eintrittskarten geschenkt bekommt. Ich Tarzan, du Jane. Auf dem Nachhauseweg konnten wir viel lachen. Also doch, ein gelungener Abend.



*) Ich wurde heute korrigiert, Rattle hat in einem anderen Saal der Arena gespielt. Eigentlich wäre es ja auch komisch gewesen, wenn man freiwillig so einen Schlauch abtrennt.
**) In allen zugänglichen Puplikationen wird natürlich “SammlerINNEN” gesagt. Hallelulja.

27. März 2006

"Der Anfang war gut" Ein Film von Susanna Salonen

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 21:45
Der Anfang war gut
Es geht um die Mutter. Im ersten Bild, in dem sie auftritt, trägt sie eine Sonnenbrille und ist der Kamera halb abgewendet. Die Tochter hört man, hinter der Kamera, sagen: Setz doch mal die Sonnenbrille ab. Schließlich will die Tochter über die Mutter einen Film machen. Mit einer Sonnenbrille, so geht das nicht. Die Mutter reagiert, etwas verzögert, als müsse sie erst denken, sie schaut das erste Mal zur Kamera und ist trotzig, nein. Sie wendet sich wieder ab. Sie lacht über die Situation hinweg, so wie immer, nicht böse, ohne Hintergedanken, sie kann nicht anders: Wollen wir nicht lieber etwas essen gehen?, wollen wir nicht lieber etwas anderes machen, als du dort hinter der Kamera und ich hier davor? Sollte es nicht eigentlich ganze andere Dinge geben, die wir miteinander machen könnten, außer dieses Reden, dieses Stochern in der Vergangenheit?
Und die Mutter löst es auf, indem sie wie zur Versöhnung doch die Sonnenbrille abnimmt, aber über etwas anderes redet, sich dem Thema nicht stellt: Schau, und dort drüben. Das ist Lübeck. Siehst du?
Die Kamera schwenkt brav von der Mutter weg, etwas unsanft.
So ist das mit der Mutter. Gespräche sind eigentlich nicht möglich. Es ist so, als würde man in Watte stoßen: Da ist zwar etwas, aber es hat so gar keinen Widerstand, den Fragen wird dadurch eigenartig die Energie genommen. Die Fragen bleiben unbeantwortet. Warum in die Vergangenheit schauen, wenn es doch eine Zukunft gibt. Warum viel über die Gegenwart nachdenken, wenn es doch weitergehen wird. Das ist die Mutter. Sie ist nicht böse. Sie ist leicht.

Mit ihrem Mann und den beiden Töchtern war sie vor über 30 Jahren von Finnland nach Deutschland gekommen. Nach Lübeck. Für ein Jahr, um deutsch zu lernen. In Deutschland wurden es dann 15 Jahre, so schnell lernt man die deutsche Sprache dann doch nicht. In der Ehe wurde mehr geschwiegen oder gestritten, schließlich geschieden, die Ehe hatte nicht funktioniert. Sie hatten sich kennengelernt und sofort geheiratet, so war das, es hätte ja auch gut gehen können, es ging aber nicht gut. Da waren die Kinder aus dem Gröbsten raus, wie man so schön sagt.
Dann ist sie nach Malta, eine Pauschalreise, nur weg, nur mal kurz. Von der jüngeren Tochter hat sie sich verabschiedet, indem sie an der Schule vorbeigegangen war, so schnell mußte es gehen. Ich bleibe ja nicht lange weg.
Es wurden 15 Jahre, auf Malta hatte sie jemanden kennengelernt, sie blieb erst einmal dort. Dann Zwischenstation Finnland. Dort, in der Sparkasse einer Kleinstadt, hatte man bei einer Überweisung zwei Nullen zu viel hintenan gestellt, ein Versehen, natürlich, aber die Mutter hatte nun auf einmal so viel Geld, um den Plan zu verwirklichen, nach Australien gehen, Sydney, in die Sonne. Finnen ist der Drang nach Wärme sehr eigen. Sie eint eine kollektive Angst vor ihren Wintern. Entweder man bekämpft diese Angst mit Alkohol, oder man geht weg. Oder man ist wortkarg. Also nach Australien. Manchmal sind einem die entferntesten Punkte der Erde die nähesten.

Jetzt ist die Mutter wieder in Deutschland, nach 15 Jahren, zuerst in Berlin und dann in Lübeck, 3 Jahre. Sie rechnet vor: Von den 3 Jahren hat sie vielleicht ein Jahr gearbeitet, eine Rente habe sie in Deutschland nicht zu erwarten, so geht sie nach Finnland, schließlich werde jedem geborenen Finnen eine *Volksrente* gewährt. Hier beginnt nun der Film über diese Mutter, wir hören immer wieder die Fragen der Tochter, was wird werden, was hast du vor, was hast du dir gedacht, und die Mutter gibt den ganzen Film über keine Antworten, bleibt eigenartig in Watte gepackt, aber sie schaut nun offener in die Kamera, da findet eine Entwicklung statt. Nein, die Mutter kann nicht anders. Sie kennt Hintergedanken nicht.
Wir lernen Finnland kennen, die Ämter. Ja, das mit der Volksrente, das stimmt, 480EUR, aber da sie so lange nicht in Finnland gewesen waren, 30 Jahre, gibt es nur die Hälfte, 240, dazu kommen noch 100EUR aus Deutschland. Das ist doch gar nicht so schlecht, oder? Das sagt die Sachbearbeiterin. Könne sie damit auch nach Italien gehen? Ja, sie könne. Finnland, nicht ohne Stolz, nicht ohne Bedauern, ist in der EU.

So richtig Vorwürfe werden der Mutter nicht gemacht, nur eben diese Fragen gestellt. Es sind die Fragen der Tochter, die verstehen will, wo es möglicherweise nichts zu verstehen gibt. Dieser Mensch, ihre Mutter, sie ist einfach anders, sie kümmert sich nicht weiter. Eigentlich müßte sie an der Seite eines reichen Mannes sein, dann würde man sie auch nicht fragen. Vielleicht würde man sie sogar bewundern: Mit ihren 60 Jahren ist sie fit und aufrecht, sie versteht sich zu kleiden, sie hat eine bestimmte Art, die Dinge mit Humor zu sehen, wenn etwas schief läuft, wieder einmal, nimmt sie es dadurch nicht persönlich, sie ist ein ausgesprochen freier Mensch. Eigentlich bewundernswert.
So ist sie nach 30 Jahren wieder in Finnland angekommen. Nun träumt sie von Italien. In Italien ist es warm, man braucht nicht so viel Kleidung, der Wein ist gut und auch das Essen. Und man kann sich denken: Irgendwann packt sie wieder ihre Koffer, gerade so viel sie selber bewegen kann und fährt los. Sie denkt sich: Für kurze Zeit. Und nimmt nicht einmal die angefangene Milch aus dem Kühlschrank.

Susanna Salonen legt seit 1999 mit „A Tokyo Fusebox“ regelmäßig auch eigene, sehr persönliche Filme vor. War es anfangs die Notizbuchkamera im Rucksack gewesen, ohne selbständiges Tonequipment, war es später bei “
Monsoonregen
“ schon ein aufgesetztes Mikrophon, das den Ton klarer werden ließ. Nun, bei „Der Anfang war gut“ haben Mikroports Einzug gehalten, diese Miniaturmikrophone, die mit einem Sender betrieben werden und die Stimme klar hinüberbringen, nicht immer schön, aber immer verständlich. Die Kameras sind weiterhin klein geblieben, sie erlauben spontanes Einschalten im Auto, im Bus, im Flugzeug, beim Warten, beim Laufen, Susanna Salonen ist im kleinen Team unterwegs: Die Aufnahmen macht sie alle selber. Das kostet nicht viel Geld. Es ist teuer genug. Aber anders wären diese Filme nicht möglich. Wer gibt schon eine Million Budget für die Geschichte einer sich straff haltenden älteren Frau, die zwar nicht schweigsam ist, aber nicht gerne darüber erzählt. Die eher ausweicht, deren Motto ist: In die Zukunft blicken, nicht in die Vergangenheit, trägt denn das für 70 Minuten Film?
Ich denke: In dem Fall hat es getragen Vielleicht hätten es 10 Minuten weniger sein können, aber das ist manchmal nicht das Kriterium. Es ist sehr schwierig, über die eigene Familie einen Film zu machen, man kann auch sich selber dann nicht aussparen, das macht diese Projekte umso schwieriger. Zumal dann, wenn sie das Private verlassen sollen. Auch Dank einer erfahrenen Schnittmeisterin, Bettina Böhler, ist es gelungen.

Schade, als Zuschauer wird man nicht erfahren, was die Mutter in Zukunft machen wird. Wird sie eines Tages sich wieder, nur für kurze Zeit, verabschieden? Italien? Die Milch im Kühlschrank, wird sie die einfach wieder stehen lassen?

Susanna Salonen: “Der Anfang war gut” 2006
3sat
Sendetermin steht noch nicht fest

17. März 2006

Vorausphänomen, Neger

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 12:22


Im Glück. Neger. Plakat / Quelle: Produktion



Das war der Arbeitstitel vom neuen Dokumentarfilm von Thomas Heise. Jetzt heißt er: “Im Glück. Neger” Warum Neger? Warum Glück? Man darf bei Thomas Heise nicht solche konkreten Fragen stellen. Sonst hat man Thomas Heise nicht verstanden.
Die ersten 20 Minuten waren einfach nur langweilig, was macht der hier mit mir, Schwenks aneinander, Geräuschfetzen, Kulissen und Bestandteile, bunt durcheinander, so, als würde gewürfelt werden, aber warum gewürfelt. Was soll das ganze hier. So ein sperriger Beginn, wo doch gerade die Anfänge so wichtig sind.

Aber dann macht sich Sven auf, der Protagonist, und besucht seinen Vater. Er fährt mit dem Zug von Berlin nach Riesa. Es splittet sich Ton und Bild, die Begegnung nach 12 Jahren wurde nicht gedreht. Der Vater, sein sächsisch, man hört es, man weiß es, jemand der schon am Tage sein Bier trinkt und im Unterhemd rauchend am Chouchtisch sitzt, den Blick auf den Fernsehapparat. Man weiß das automatisch.
Sie haben sich nichts zu sagen, Vater und Sohn, der Sohn will vom Vater auch eigentlich nur eine Unterschrift, daß der selber kein Einkommen hat, er braucht das für irgend ein Amt. Sven sagt: “Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Eigentlich meine ganze Jugend lang haben wir uns nicht gesehen. Mutter ist jetzt in Bayern. Ich bin alleine in Berlin.”

Von diesem Augenblick hatte mich der Film gefangen und Heise konnte mich quälen bis zum Ende. Quälen mit langen Einstellungen, mit Gesprächen, deren Ton man kaum verstand (nicht nur wegen der Anlage in der Volksbühne, auch sonst ist ein Ton, unprofessionell auf einer DV-Kamera aufgenommen, immer problematisch.) Quälen mit Sozialämtern, mit Aussichtslosigkeit, mit gestotterten Sätzen, mit unendlichen Schwenks.
Und immer wieder Züge. Immer wieder Bewegung. Ja weg. Fort. Hier ist nicht das Glück. Hier ist man Neger. Ja Neger. Ich habe keine weiteren Fragen. Unbedingt ansehen!

9. Januar 2006

"Idiotentest". Traurig.

Abgelegt unter: Rezensionen — gtaag @ 11:16


Idiotentest
 



Nun hatte ich das Buch doch ungelesen ins Neue Jahr mit hinüber genommen. Aber bei Büchern ist es ja so praktisch: Sie werden nicht schlecht. Man kann sie hinlegen, vergessen, wieder entdecken, notfalls kann man sie auch zweimal lesen, oder niemals lesen. Meine Freundin verkauft gerade alle ihre Bücher über Amazon und hat schon 200EUR eingenommen, von ihrem Stapel habe ich einige stibitzt, einige Canetti und so, sie hats gemerkt aber nichts gesagt, ich habe sie sehr gerne. So wird unser Haushalt zweigeteilt bleiben, ich mit Büchern vollgestopft, sie mit blanken Wänden. Blanke Wände sind mir ansich auch lieber, aber Bücher, sie bieten wenigstens die Garantie, dass keine Langeweile aufkommt. Wenn es mal anders kommt. Bspw. keine Arbeit oder so.



Mit dem neuen Buch von Tom Liehr habe ich mich sehr schwer getan, es wäre beinahe so ein Kandidat geworden, den ich weggelegt hätte. Denn nicht fertig gelesene Bücher finde ich ziemlich schlimm, ich habe dann das Gefühl, versagt zu haben, nicht konsequent genug gewesen zu sein, jedenfalls neige ich dazu, mir die Schuld zu geben und nicht den Büchern. Darum wanderte Herr Liehr von Tasche zu Tasche, wurde immer wieder umgepackt und mitgenommen, war eine Weile in Hamburg, dann in Moskau, kurz in Paris, in der Uckermark und Berlin sowieso. Beinahe käme Amman noch hinzu, aber diese Chance, noch dazu Wüste, habe ich dem Idiotentest nicht gegeben. Ausgelesen! An 2 Tagen!



Idiotentest ist wirklich ein trauriges Buch. Darüber kann auch der lockere Tonfall nicht täuschen, ein Tonfall übrigens, der es mir so schwer gemacht hat mit diesem Buch. Ich mochte es streckenweise deshalb gar nicht.
Ich habe nicht sonderlich viel übrig für locker-flockige Verallgemeinerungen, jedenfalls nicht, wenn sie am Fließband produziert werden. Da sind die Leggingfrauen, die Pressspanmöbelbesitzer, die üblichen Verdächtigen, der IKEA-Halter für den Fernseher. Das ist irgendwie – zu viel.



Aber es gibt wunderbare Passagen, stellvertretend diese: Henry geht mit Andrea ins „Würgeengel“, sie reden das erste Mal über sich, da taucht ein Typ auf, setzt sich dazu, Henry ist abserviert. Ist er ja eigentlich nicht, aber kommt sich so vor, die Welt sieht auf einmal anders aus, was gerade noch sicher schien, ist auf einmal ganz anders, man glaubt sich wenigstens ein bisschen zu kennen, aber man kennt sich eigentlich gar nicht.



So gibt es einige Passagen, schon deshalb wird das Buch mir in Erinnerung bleiben. Und es wird, neben den vielen noch folgenden von Tom, in der Reihe, sich nicht verstecken müssen. Die Schwächen wird man ihm nachsehen. Mit etwas mehr TamTam in der Werbung könnte es auch ruhig mehr Beachtung finden. Aber Aufbau, igitt, olle Ostmuschpoken, da haben sie mal ne Perle und machen nichts draus.