Uckermark, weiterhin aufgelassen.
Es entwickelt sich.
Doch.

Hedwigshof am 9.12.2007, Ortsausgang Richtung Wallmow.



Heute in Br./Uckermark war ich auf einmal in ein Bild zurückversetzt.
Es muss in den 70iger Jahren in der ddr gewesen sein, da hatte man die Kaufhalle in dem Dorf bei Berlin, in dem ich aufgewachsen war, auf einmal verkleinert: Einfach die Hälfte abgetrennt, und wenn man den Laden vorher gekannt hatte, kam er einem irgendwie amputiert vor. Irgendwie nicht ganz wirklich. Da stimmt irgendetwas nicht, da ist etwas nicht in Ordnung. Und auch: Da wurde Vertrautes genommen, das vor allen Dingen.
Es war eine finstere und aussichtslose Zeit gewesen, selbst als Kind hatte ich das so empfunden. Vielleicht weil die Erwachsenen auch nicht so richtig fröhlich gewesen waren. Jedenfalls sagte mein Vater mir, das haben sie gemacht, weil es nicht mehr so richtig was zu kaufen gibt. Mit der Verkleinerung des Raumes sähe es nicht ganz so leer und trostlos aus. „So denken die jedenfalls.“ Mein Vater war manchmal deutlicher als nötig. Anderseits gab es auch keinen Grund, diese Welt von mir fernzuhalten, für manche Dinge muss man auch schon als Kind sehr erwachsen sein.
Hier oben bin ich seit 1998. Ich weiß noch, wie ich überrascht war, in Br. (6km entfernt) gab es einen superspar und der hatte alles, was man so brauchte, wenn in Berlin vergessen oder wenn der Aufenthalt verlängert. Selbst trockenen Weißwein gab es da und auch eine bestimmte Sorte Jogurt. Die Fleischtheke schien einer hauseigenen Schlachterei angeschlossen zu sein, die Wurst war frisch und hielt auch nicht lange, immer ein Zeichen für gute Wurst, jedenfalls bei Aufschnitt.
Dass ich 1998 noch so sehr überrascht sein konnte von den Veränderungen in der ostdeutschen Provinz, 9 Jahre nach der Wende, das hing ganz einfach damit zusammen, dass ich die Zeit dazwischen mehr im Ausland unterwegs gewesen war und mein Bewusstsein vor 89 stehen geblieben war: Außerhalb von Berlin, da muss man alles mitnehmen. Da bekommt man höchsten Milch und Butter zu kaufen und Bier von einer norddeutschen Brauerei, also Brackwasser.
Aber.
1998 muss ich wohl gerade noch eine Hoch-Zeit hier erlebt haben. Denn von da an ging alles abwärts, anders kann ich es nicht sagen. Ich sage das nicht gerne, weil ich von Natur aus nicht jemand bin, der die Dinge abwärts gehend betrachtet, diese Art, die Gegenwart einzuordnen, ist mir fremd. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Zuerst wurde die Wursttheke abgeschafft, nun gab es nur noch eingeschweißtes, von wem das gemacht wurde, war nicht ersichtlich, ich habe auch mal probiert, mehr Salz, das auf jeden Fall und langelange haltbar. Der Wurst wurde die Zeit gestohlen, (das Empfinden für Zeit), ein untrügliches Zeichen für Niedergang.
Dann veränderte sich das Sortiment. Alternativprodukte zu den Markennamen füllten die Regale, aber die Preise veränderten sich nicht, eher kletterten sie.
Ich bin dann nur noch sehr selten hingefahren, weil es keine Freude mehr war.
Und heute, gut, dass ich stabiler Natur bin, beim Einbiegen auf den Parkplatz sah ich schon die Veränderung, SCHLECKER stand neben superspar mit der Tanne im Logo, SCHLECKER, die Aasgeier, wo es unten ist, dann noch SCHLECKER, eine Kette die auch noch sehr unten ihren Vorteil findet. Hätte ich nicht dringend Butter gebraucht, ich wäre sofort umgekehrt. Aber ohne Butter ist ein Frühstück nur schwer vorstellbar, also auf dem leeren Parkplatz das Auto abgestellt, mit dem Euro einen Wagen losgelöst, durch die Automatiktür hinein und sofort umgeleitet nach rechts: Geradeaus, da wo früher die Kassen waren, hatte man abgetrennt und da war es, das Dejavú, der Keulenschlag.
Ich kürze jetzt ab. Es gab nicht mal Butter! Vielleicht weil man gerade am Umbauen war. Vielleicht deshalb. (Ja, ich gebe es zu, als Blogführer sollte man manchmal etwas mehr journalistisch drauf sein und Fragen stellen, Warum?, Weshalb? Aber da ich Warums und Weshalbs im Grunde verachte, oder besser, die Menschen, die aus fleischgewordener beruflicher Identität diese Fragen stellen, anstatt den Rand zu halten.) Ich habe mit wehenden Rockschößen den Laden verlassen. Mein unnutzer Wagen hätte vor Schwung beinahe die lahmen Automatiktüren gerammt. Ddr! Ostler, Arschlöcher, Idioten. Können nicht mal so umbauen, dass man sich trotzdem willkommen fühlt. Haben kein Talent oder ist denen egal. Mann!
Wie die ddr geendet hat, ist ja hinlänglich bekannt. Das schöne an der Zeit war eigentlich auch, dass als Alternative immer ein Ende da war und ein Aufwärts, der Westen. Das Goldene. Das Bessere. Das Funktionierende. Und heute? Was könnte heute kommen danach? Ich hatte meinen ddr-Flash und nicht mal Butter. Man wird da ein ödes Frühstück, morgen.
Seit 1998 laufe ich vier- oder fünfmal im Jahr die große Runde über die Felder und immer denke ich, in dem Dorf, eine dreiviertel Stunde von T. entfernt, daß sich doch endlich einmal ein Käufer für diese beiden Häuser finden könnte. Völlig unverständlich, dieses Brachlliegen, bei so einer Lage. Daß da keiner zuschlägt!
Das eine, Dorfrandlage, außerhalb, aber nicht ganz verlassen (links gleich anschließend bewohntes Grundstück und schräg rechts gegenüber auch) mit ca 2000m2 Land, alter und verwilderter Baumbestand.

Das andere nur 200 Meter weiter hinein ins Dorf, das ist schon arg mitgenommen. Aber nach hinten ein Blick über die Felder, wie bei dem anderen Haus auch.
Kaufen!
Das war die Begrüßung gestern Nachmittag in T. Und ne Maus mit Bügel überm Oberkörper, in der Falle. (Das Foto wurde nicht gemacht.)


Während in Berlin am Rosenthaler Platz per Hochsitz über die Baustellen geschaut wird…

… gehen in T., 120km entfernt, die Holzarbeiten in ganz anderem Rhythmus vonstatten:

Foto: Loewenberg

Hat man so etwas schon einmal gesehen? In so einer mißlichen Lage und läßt sich dann auch noch fotografieren. Hier ist es, das Foto, exclusiv!
Baujahr 1989, 151000 Kilometer auf dem Buckel, lieber Saab, schäme dich nicht. Da kann die Wasserpumpe schon einmal ihren Dienst quittieren und sagen, sie will nicht mehr. Genaugenommen bist du ja auch nicht kaputt, die Wasserpumpe ists.
Wir dachten ja noch nach Hause zu kommen, hatten zich Wasserflaschen gefüllt, aber in Prenzlau, nach 20 Kilometern, sagte die Temperaturanzeige Hochsommer und die Geräusche, nein, es war unverantwortlich, weiterzufahren. Es zeigte sich auch, so wie hineingegossen, floß das Wasser unten wieder hinaus.
Auf einmal war ich Beifahrer: T. trat in Aktion mit ADAC-Mitgliedschaft, Dank ihres Vaters, der hat ihr so etwas einmal abgeschlossen, Recht hat er!, ja ich weiß es, ich bin ja auf Sparflamme, was Mitgliedschaften und Versicherungen angeht, so Recht hat er!
Nach einer Stunde kam ein freundlicher Mann aus Bietikow, der seine Tasse Kaffee etwas schneller hatte austrinken müssen und das zweite Stück Kuchen hat er wohl dann auch nicht genommen. Wobei, Bietikow liegt höchstens 20 Minuten von Prenzlau weg, aber nun ja, am Sonntag. Mit 70Euro Draufzahlen ging es nach Treptow, in die Werkstatt. Das ist ein Freundschaftspreis.

Beim Warten auf den Abschleppwagen konnten wir die Uckermärker beobachten. Man tankte und wusch seine Autos. Der Wagen rechts im Bild hatte vercromte Felgen. Ich fragte den Typen, einen Klassiker: breit, stiernackig, hochgeschorene Haare, er konnte vor Kraft nicht laufen, wie teuer denn eine Felge sei, 400 Euro? Reicht nicht, antwortete er und sein Bizeps spannte sich.
Später war die Heckklappe offen, eingebaut eine Musikanlage, einheitlich mit der hellen Innenraumverkleidung, Ton in Ton, die Schallaustriite der Boxen schwarz. Er drehte sehr gezähmt auf, irgendwie gefiel mir das. Wenn der die Anlage aufreißt, mein Gott, die Bässe täten bestimmt im Brustraum wehtun. Ich hätte ihn gerne gebeten. Aber da kam auf einmal der Abschleppwagen.