|GTaag|

12. Oktober 2006

Albanien/8 (Tirana)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 00:11
Ein Audioeinspiel sollte Ihnen eigentlich die Vergangenheit etwas näher bringen, aber mit dem Implantat, das hat nicht geklappt. Aber Sie haben ja Phantasie, davon gehe ich aus.
Gerne wissen würde ich, ob Sitzpolster ausgegeben wurden oder ob da jeder seine Unterlage selber mitgebracht hat. Die Jungs haben es mir nicht gesagt, die waren nicht einmal bereit zu einem abschließenden Foto. Gewusst hätten sie es natürlich auch nicht, die Information vermisse ich weniger als das nicht gemachte Foto in dieser Reihe. Aber als Tourist so unterwegs sein, das ist mitunter anstrengend, nicht nur wegen der Hitze und dem Mangel an Annehmlichkeiten. Da wird man gerne auch mal lasch.
Entschuldigung.



Im Hintergrund übrigens, da ist ein See zu sehen. Das haben sich die Planer von Tirana so ausgedacht, als die Partei das Dorf Tirane, ein kleines vorhandenes Nest in der unbedeutenden Mitte Albaniens, auserkoren: Ein See müsse her, der gehört zu jeder ordentlichen Hauptstadt. Der See ist nicht gerade ein Tümpel, aber Imposanz fehlt ihm völlig. Er hat noch heute den Charme eines Stausees, wo die Ufer fremdeln, das Rundherum mehr zu einem Feld, als zu einem See dieses Ausmaßes passen würden.
Das Pferd sprengte irgendwann dort vorbei. Wohlgemerkt, wir befinden uns in Tirana, 2006.
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Dort unten begegnete uns dann ein Schäfer, der war Mitte der 70 und mit einer Klarheit im Kopf, die nicht nur konstitutiv erklärt werden kann, sondern auch mit einer gefundenen Gelassenheit. Ich bin jetzt Pensionär und hüte Schafe. Zu Hause herumsitzen, das geht nicht. Früher habe ich auch nicht herumgesessen, da war ich Kraftfahrer, Delegationen bin ich gefahren! Ich habe immer mitgetan, jedes hat seine Zeit.
Wir fragten ihn nach seinem Russisch, da war er etwas irritiert, aber er konnte etwas und war froh darüber. Wir lachten. Mit Fremden lachen, wie früher. Seine Schafe waren liebe Tiere. Als ein anderer Schäfer mit seinen 10 Tieren vorbeikam, zogen sie etwas mit, blieben dann aber wieder stehen, ohne dass sie einen Befehl bekommen hatten.

9. Oktober 2006

Albanien /7 (Ali Pasha Tepelene)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 21:24
Die Straße am Meer war während der Zeit Enva Hoxhas gesperrt, da die Bucht (Porto Palermo, albanisch: Gjiri i Palermos), ein Naturhafen, dem Militär reserviert war. Noch heute zwischenankert dort ein Kriegsschiff, wohl aber mehr als Touristenattraktion. Und wirklich war das Schiff, wie es da inmitten der Natur an einem T-Pier lag, sehr unverhofft und ich machte dieses etwas unglückliche Foto. Unglücklich nicht nur deshalb, weil der Bus wackelte, sondern weil ich dachte, das nicht fotografieren zu dürfen. Es gibt diese Impulse, die gar nicht eine Grundlage in der Realität haben müssen, dass man sich eigenartig verhält, so ging es mir bei diesem Kriegsschiff, so etwas fotografiert man nicht, wenn man es fotografiert und man wird dabei erwischt, kann das nur Ärger bedeuten. Ich glaube: lächerlich. Aber Who Cares?, ich bin eben aufgewachsen mit ungenauen Landkarten und dem Wissen, dass man nicht einmal Brücken ungestraft fotografieren darf, wegen strategischer Bedeutung und so, hat sich da was geändert? Ja?

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Etwas weiter in diesem Naturhafen auch eine Einfahrt vom Wasser in einen Berg. Ein Bunker für Schiffe. Hier waren russische Kreuzer stationiert, als Enva Hoxha mit Russland 1961 brach, Chruschtschow hatte in einem Besuch Albaniens mehr über Lorbeer- und Olivenbäume geredet, als über eine erwartete Partnerschaft, Albanien, eine Kolonie für Obstanbau. – Hoxha ließ die sowjetischen Kreuzer kurzerhand versenken.
Das Militär ist vielleicht auch der Grund für die gute Erhaltung der Festung von Ali Pasha Tepelene, einem Bauwerk, das der Westeuropäer eher dem 16. Jahrhundert zuordnen würde. (Auf dem Foto im Hintergrund.) Aber Ali Pasha lebte vor ziemlich genau 200 Jahren und beherrschte von dort die Region.
Das Militär hat die Berghänge rundherum abholzen lassen, was heute wegen der Kargheit der Landschaft gar nicht weiter auffällt. Ansonsten ist die Unversehrtheit der Burg sicherlich der Zeit Enva Hoxhas zu verdanken, irgendetwas muss dem Mann ja auf die Habenseite gestellt werden können.

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Der Bau der Burg hat 16 Jahre gedauert und der französische Architekt wurde danach von Ali Pasha umgebracht. In der leeren Burg gibt es alle Einrichtungen, die man so benötigt: Küche, Aufenthaltsräume, Vergnügungsraum mit Bühne für Darbietungen und ein weitläufiges Verlies, das an einer Stelle sogar ein halbmetergroßes Fenster hat. Eine Stelle im Verlies war an der Außenwand aufgebrochen, erst nach 1991 wurde dort ein Hohlraum entdeckt, der Schatz wurde geraubt. Oder jedenfalls redet man davon, dass es einen Schatz gegeben haben muß.

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Rund um die Festung gibt es Bäume, die einzigartig sein sollen. Von oben sehen sie kugelig aus, fast wie getrimmt. Nah besehen glaubt man Weidenruten vor sich zu sehen, die nur an den Enden kleine und zarte Blätter zeigen.
Die Straße weiter zurück und eine Schotterpiste 300m hinunter gibt es eine Bucht mit eigenem Namen und einem Restaurant. Ein ganz junger Cockerspaniel schnappte nach Fliegen und hatte eine nasse und kalte Schnauze. Von oben gesehen sahen die 3 verbliebenen Bunker aus wie Zelte, sie waren aber nur bunt angemalt. 2 Duschen tröpfelten und ein Pärchen rekelte sich auf der weißen Strandlinie. Wir tranken Raki, es war halb 10 Uhr am Morgen. Pedro (er hatte uns gefahren) sagte, das sei ganz in Ordnung, er habe schon einen Raki und einen Espresso um 8 Uhr gehabt, bevor wir uns getroffen hatten. Ich finde ja Trinken am Morgen bedenklich, vor allem, weil es dem Tag für gewöhnlich so eine bestimmte Richtung gibt.
Der Raki war weich und einem Obstler ähnlich. Für den Tag der folgte kann ich eine bestimmte Richtung nicht bestätigen. Ich habe dann später noch ein paar mehr Rakis versucht, aber so einen weichen wie den am Morgen habe ich nicht wieder gefunden. Die beiden Flaschen, nach Berlin gebracht, sie schmecken fuselig, dort wo wir sie kauften, der Raki war weich, bis ganz zum Schluss, wenn man ihn geschluckt hatte. Gleiches ist mir schon einmal mit Wein aus Georgien passiert. Über die Kilometer hatte er seine Süffigkeit verloren. Eigentlich weiß ich das, aber es wird eben immer wieder passieren, dass ich das, was in der Ferne sich für zuHause so vorstellbar denken lässt, dann dort als untauglich sich erweist.

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7. Oktober 2006

Albanien /6 (Pedro)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 22:37
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Er war Journalist gewesen und gleich nach 1991 hatte er diesen Beruf sein lassen. Warum, das sagte er nicht, ich wollte anbringen, dass man doch nicht so einfach es aufgeben könne, Journalist zu sein, aber vielleicht habe ich einen etwas romantischen Begriff vom Journalisten und außerdem war seine aktive Zeit unter Hoxha und Alia gewesen, was gibt es da noch für Fragen, das fiel sogar mir auf. Pedro sagte nur, dass er mit seinen ehemaligen Kollegen heute nichts mehr reden und anfangen könne, es ginge nur um GeldGeldGeld, um nichts anderes ginge es.
Irgendwie kam mir dieser Satz bekannt vor, bis so 5 Jahre nach der Wende in Ostdeutschland konnte man ihn oft hören von Menschen, die ihren Beruf nach der Wende wie vor der Wende weiter ausgeübt hatten, aber nicht mehr so richtig mit Erfolg oder die Privilegien waren verloren gegangen. Dann sagten sie nicht, dass sie nicht so richtig Erfolg hätten, wie erwartet, sondern dass es sich alles nur ums Geld drehe und dass es alles ziemlich schrecklich so sei. Sie waren aber eigentlich nur nicht stark genug gewesen, ihr Leben oder ihren Beruf zu ändern und konnten sich nicht eingestehen, dass auch mit ihnen etwas passiert war, nicht nur mit den anderen. Aber das sagte man ihnen dann auch nicht, denn wem sagt man schon gerne Schwäche ins Gesicht oder hält ihm Trauer über den Verlust von Privilegien vor?
Pedro war stark genug gewesen und hatte nach der Wende 1991 in Albanien die Konsequenzen gezogen. Er ging für 7 Jahre nach Griechenland und ist Koch geworden. Heute betreibt er ein Restaurant in Tirana und eines in Himare. Er müsse noch eines in Dhermi aufmachen, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. In Dhermi sei eine längere Saison.
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Sein Restaurant in Himare ist malerisch auf einen vorspringenden Felsen gebaut und man hat einen freien blick übers Meer und über den Strand. Selbst ein anderes neureich mit Betonsäulen ins Meer geklotztes Restaurant stört den Blick nicht. Außerdem konnte man dann sehen, dass auch dort keine Gäste waren, was auf eine eigenartige Weise beruhigend ist, auf jeden Fall muss man sich nicht um sich sorgen, was man vielleicht falsch gemacht hat, sondern kann sich einer allgemeinen Stimmung hingeben: In diesem Jahr dauerte die Saison nur 6 Wochen. Zuerst war die Fußballweltmeisterschaft, da sind alle zuhause geblieben und haben Fußball geschaut und jetzt sind in Albanien die Ferien zu Ende, die Saison sei praktisch vorbei.
Dann gab es auch noch Anfang August ein Erdbeben, nach 20 Jahren Ruhe eines der Stärke 6. Nichts sei kaputt gegangen, niemand sei zu Schaden gekommen, aber auf einmal waren alle, wirklich alle Touristen abgefahren. Na ja, es hat so 300 kleine Erschütterungen danach noch gegeben. Aber trotzdem.
Pedro trank seinen Raki. Das Essen hatte hervorragend geschmeckt. Hier wird frisch zubereitet, man kann Pedro beim Kochen zusehen, auf dem großen Tisch vor ihm häuft sich das gewaschene Gemüse, der Fisch ist fangfrisch und das Schweinefleisch oder Rindfleisch muss man nicht irgendwie verdächtigen. Dem Salat kann man nachschmecken, Paprika, Tomaten, Endivien. Die Oliven waren eingelegt in einem Kräutermix, etwas Zitrone war auch dabei. Diese Oliven verlangen dringend nach mehr.
Pedro ist ein sehr zurückhaltender Mensch. Als ich von der Straße hinab in sein Restaurant stieg, das Dach ist oben an der Straße ebenerdig, dann kommen 2 Etagen, unten der Gastraum, oben Wohnräume, vom Strand aus muss man hinaufsteigen, begegnete mir ein großer älterer Mann mit kurzgeschorenen Haaren, die weiß sein müssen. Ein kleiner, sehr gepflegter Schnauzer und eine schmale Hornbrille. Ich dachte nicht, einen Albaner vor mir zu haben, außerdem stand ja oben auf der Tafel, die uns angelockt hatte, es werde griechisch, italienisch und englisch gesprochen. Also ein Ausländer. Ich war enttäuscht, ich wusste noch nicht, dass Albaner auch ganz anders aussehen können, als ich ein Bild von Albanern vor mir habe, das beispielsweise der ausgemergelten Gestalten auf dem Flüchtlingsschiff in dem italienischen Hafen. Kleinere und sehr hagere Männer mit gefurchten Gesichtern, dunkelhaarig, immer diese Geheimratsecken, immer dieser misstrauische und ausdruckslose Blick. Nein, es gibt tatsächlich nicht nur diesen Albaner, eigenartig sogar, immer weniger begegnen mir gerade „diese“ Albaner. Vielleicht ist es auch ein Effekt wie in China, wo es in den ersten Tagen schwer fällt, sich an Gesichter zu erinnern, es sehen alle gleich aus, aber bald verschwindet dieser Eindruck und man kann sich später gar nicht mehr vorstellen, dass es diesen uniformen Eindruck einmal gegeben haben kann.
Ich ließ mir die Karte zeigen und sagte dann, vielleicht komme ich noch einmal zurück. Ich sage gerne diesen Satz, der ehrlich ist und gemein zugleich, denn meistens wird dieser Satz gesagt, wenn man eben nicht zurückkommen wird. Der Mann, Pedro, er machte nicht einmal eine bedauernde Geste, er gab sich irgendwie Haltung, es war nur eben so ein sehr langsames Zurücklegen der Karte, der ganze Mann machte eine schwerelose Bewegung mit der Karte. Das war das Bedauern.

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Dieser große Mann in diesem so einladenden Gastraum, urgemütlich mit den unegalen Wänden, den Vorsprüngen und der mit Netzen abgehängten Decke. So ging ich hinauf und sagte Bescheid. Wir setzten uns auf die tischbreite Terrasse mit freiem Blick in die Bucht, der Wind wehte recht stark und das frische Papier, das vor jedem Essen neu auf dem Tisch ausgebracht wird, musste mir Klammern festgehalten werden. Der weiße Hauswein kam in einem Glaskrug und war nach dem zweiten Glas süffig, der Mond schien hell als zunehmende Sichel, das altdeutsche z in Schreibschrift ist nach wie vor meine Eselsbrücke. Später, wir waren die einzigen Gäste geblieben, Pedro hatte sich zu uns gesetzt, der Mond war blasser und blasser geworden, bis er groß gelb, in der Ferne unförmig fast, ins Meer sich versenken wollte. Fast wäre es passiert, dass man ihm hätte dabei zuschauen können, aber dann kam sehr spät und gerade noch rechtzeitig für ihn eine Wolke, die ihn allein unbeobachtet im Meer verschwinden ließ.

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Pedro hatte sich nicht vorgestellt, wir nahmen seinen Namen von dem seines Restaurants. So weit ging es auch nicht, ihn mit Namen anzureden. Er sprach sehr leise ein verständliches Englisch, er sprach hauptsächlich zu T., es war zu merken, dass er sie beobachtete und sich betont zurückhaltend gab. Ich verstand ihn und erinnerte mich an die Zeit, als ich ohne Freundin war. Es hat da mitunter Situationen gegeben, in denen man gerne gelassener gewesen wäre und kaschierte das dann mit einer betonten Zurückhaltung. Vor allem, das ganz klar, wenn es nur um einen Abend und ein Gespräch ging, nicht gleich um mehr. Verstehen Sie?
Der Mond, Pedro hatte ein Fernglas geholt und ich war beschäftigt, den Fotoapparat einzustellen, da, und nur da, wäre der Digitalzoom richtig gewesen, als ich mit dem Menü fertiggekämpft hatte, war es dunkel geworden und kein Horizont mehr zu sehen. Pedro und T. hatten den Mond noch nahe gesehen, ich habe die Erinnerung meiner beiden Augen, ohne Verstärkung.

Bei unserem ersten Besuch machte das Restaurant und auch Pedro einen verlassenen Eindruck. Es wirkte so, als stemme er alles alleine, den ganzen Laden, alles kochen, servieren, abwaschen. Das schien unwahrscheinlich, wir hatten sogar gerätselt, wie das sein könne. Beim zweiten Besuch war auf einmal Personal da und es gab auch Gäste, Pedro setze sich zwar auch zu uns, aber ebenso teilte er seine Aufmerksamkeit mit 2 finsteren Gestalten am Nebentisch, mit denen er lachte und die auch lachten. An diesem Abend war ich vom Hauswein schnell auf den Raki umgestiegen. Wenn hier in der Gegend alle Raki trinken und das auch schon am frühen Morgen mit einem Espresso zusammen, dann könne das Getränk ja auch nicht von so hoher Schädlichkeit sein. Der Mond war immer noch altdeutsch zett, 2 Angler glücklos unten am Strand.
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27. September 2006

Albanien /4 (Pogradec)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 22:07
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Mutter und Tochter.

23. September 2006

Albanien /3 (Himare)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 21:41
Für die 50 Kilometer von Saranda nach Himare braucht man zweieinhalb Stunden, nicht etwa weil der Bus trödeln würde, das Zu- und Aussteigen geht zügig vonstatten, aber die Straße, sie ist schmal und windet sich die kargen Berghänge entlang, immer in Sichtweite das Meer, der Asphalt scheint von Hand aufgebracht,  nicht so plan wie von einer Maschine, und bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug kommt man fast zum Halten, so schmal ist es. Das dauert, natürlich, und auch, unterwegs werden Pfirsiche gekauft und Weintrauben und einmal, als eine unterarmdicke Schlange die Straße überquerte, stoppte der Busfahrer und es war eine Aufregung im Bus und 2 Burschen sprangen hinaus und schauten dort, wo die Schlange verschwunden war. Das war schon kurz vor Himare und die Passagiere und der Busfahrer waren die Strecke über eine Gemeinschaft geworden. Überhaupt reden die Albaner sehr viel miteinander und verpassen dadurch schnell auch ihr Aussteigen. Jedenfalls Frauen. Dann wird sich mit dünner Stimme gemeldet, der Fahrer hört es nicht, aber die Busgemeinschaft gibt ihm schon Bescheid und so hält er wieder, ganz normal, ganz selbstverständlich. In Albanien hat man miteinander keine Scheu, so sehr man eigentlich doch auch zurückhaltend ist, aber es ist so, als würden sich alle in irgendeiner Weise kennen, miteinander zur Schule gegangen sein, so tauscht man sich ohne Zurückhaltung aus und hält doch gewisse Dinge unausgesprochen, weil man ja weiß um den anderen, man weiß, wie alles so tickt und wie der Gang der Dinge ist.

In Himare, einem kleinen Fischerdorf, das durch sein Klima und seinen Strand einen gewissen Aufschwung erlebt haben muss, stand am Dorfeingang ein Hochhaus, das ausnahmsweise nicht als Gerippe stehen geblieben war, sondern sich nun Ressort nannte und tatsächlich war auch ein blauer Swimmingpool zu sehen, aber es sah nicht sehr belebt aus und war staubig und traurig. Später dann hielten wir im Ort, der sich dadurch auszeichnete, dass den Strand entlang, dort wo an sich eine Promenade hingehören würde, auf etwa 200 Metern Überdachungen aufgestellt waren, die zu einzelnen Cafés und Restaurants gegenüber der anschließenden breiten Straße zugeordnet waren.
Der Strand einzigartig, das Wasser blau. Der Blick aus einer sich öffnenden Bucht, in der weiten Ferne 2 Inseln, klein und steil ansteigend. Ein milder Wind.
Nach einer langen Fahrt, kaum ausgestiegen zu sein von hilfsbereiten Menschen angesprochen zu werden, ist immer schwierig, man will ja nicht unhöflich sein, man will sie ja auch zu Wort kommen lassen, aber eigentlich will man sich erst einmal sortieren und orientieren, ehe es gleich atemlos weitergehen kann. Zumal ja kein Zimmer vorbestellt ist, vielleicht braucht man ja die Hilfe.
So war es auch in Himare, ein wohlgenährter Typ Anfang 50, es war sofort klar, in diesem Ort konnte er nur einer von diesem Ressort sein oder einem anderen Hotel etwas abseits. Hm, und die Tasche war noch nicht einmal geschultert.
In dem Moment, als er abgewiesen wurde, freundlich und bestimmt, aber nicht wirsch, jedenfalls hofft man doch sehr, dass Freundlichkeit  überwiegt, denn eigentlich ist man doch sehr wirsch und will eigentlich nur noch blaffen, da war auf einmal ein junger Typ zur Stelle, einer mit gelbem T-Shirt und der Aufschrift Ukraine, er sprach englisch, er sagte Bandit, was man ja wusste, das nahm auch nicht sehr für ihn ein, aber er sprach englisch und offensichtlich, er wollte keine Dienste anbringen, er wollte einfach nur behilflich sein und englisch sprechen. Wir setzten uns an den Anfang dieser Zweihundert-Meter-Überdachungsparade, dort saß schon der Vater des jungen Mannes, der mit einem gewissen Stolz dort saß, zurückhaltend und aufmerksam. Der Vater war Bauarbeiter und vor 3 Jahren hier her gekommen und war dann dageblieben, da man im Ort nun wusste, wen man für Maurerarbeiten ansprechen könne. Seine Frau und die beiden anderen Kinder lebten in einem Dorf bei Elbasan, der älteste Sohn war in der Ukraine zum Studium gewesen, aha, daher das T-Shirt,  und nun hier her zu seinem Vater gekommen. Zuerst hat er als Küchenhilfe in einem Hotel gearbeitet, das waren 15 Stunden am Tag für sehr wenig Geld, dann hat er es dort von einem Tag auf den anderen sein gelassen, weil im Internetcafé die Stelle freigeworden war, dort arbeitete er nur 5 Stunden am Tag und bekam 150$ im Monat, etwas mehr als bei der Stelle zuvor, trotzdem zu wenig. Seit vorgestern hat er nun nichts mehr, die Saison ist zu Ende, das Internetcafe geschlossen. Sagte er und saß in seinem knallgelben ukrainischen T-Shirt und trank mit seinem Vater zusammen Bier. Der Vater lächelte. Nichts zu haben scheint nicht so schlimm zu sein, wenn man vorher etwas gehabt hatte.
Wir sprachen über das schlechte Image Albaniens in Europa. Der junge Mann sagte ja. Er habe nach Mazedonien gemusst, um für die Ukraine ein Visum zu kaufen und beim Geldwechseln sei die Frau am Schalter erst freundlich gewesen. Als er seinen albanischen Pass vorzeigte, habe sie sich auf einmal verändert und gesagt, das Geld sei nicht echt. So als können Albaner nur gefälschtes Geld besitzen und erst recht dann, wenn es einen Betrag von einhundert Euro überstiege. Sie ließ sich auch nicht erweichen, das Geld anzunehmen, es hatte erst der Vorgesetzte kommen müssen.
Es blieb bei diesem anekdotischen über Albanien.
Er werde weiter englisch lernen und sein Studium im Ausland wieder aufnehmen. Vielleicht ließe sich ein Stipendium finden. Vielleicht. Auf jeden Fall könne es nicht sein, dass er mit einem albanischen Pass ein Mensch zweiter Klasse sei. Dieser Satz wurde nicht ausgesprochen, aber es war zu spüren, dass genau das das Thema war.

Er hieß Albert und sprach sich im albanischen ganz anders aus. Er fand es witzig, wenn wir seinen Vornamen deutsch aussprachen. Es war gut, eine Weile gesessen zu haben. Wir liefen los, schon vertraut mit diesem Ort. Es fand sich nicht weit entfernt ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Als wir auf den Schlüssel warteten, blieb auch Albert sitzen. Nein, er erwartete kein Geld, das war es nicht. Vielleicht erwartete er eine Einladung, vielleicht war es das. Denn so einfach könne so ein Gespräch doch nicht zu Ende sein. Die Einladung wurde nicht ausgesprochen, man würde sich doch sowieso in diesem kleinen Ort über den Weg laufen, dann wäre es keine Verpflichtung, sondern ein schönes Zusammentreffen. Wir verabschiedeten uns, unverbindlich. Er ging, enttäuscht, das bemerkte ich. Als er weglief, sah ich auf einmal einen sehr jungen Menschen, der mehr erwartet hatte. Nein, es ging nicht um Geld, bestimmt nicht.

Wir waren 3 Tage in Himare. Wir sahen ihn nicht wieder.

18. September 2006

Albanien /2 (Saranda)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 15:23
[30.8.06] An einen Ort zurückzukehren, mit dem sich sehr viele Erinnerungen verbinden und man sogar sagen kann, dass man damals an diesem Ort an einem Scheideweg gestanden hat, ist eine eigenartige Angelegenheit. Schon deshalb, wenn man sicher annehmen konnte, nie wieder dorthin zurückkehren zu können. Die Verhältnisse 1988 waren zementiert, den Kommunismus in seinen Lauf hält weder Ochs noch Esel auf, 1988, die Mauer, sie würde weiter stehen bleiben, weil man das sein ganzes Leben lang gesagt bekommen hat und es deshalb zur Wahrheit geworden war und weil Leute, die in irgendeiner Weise in den Westen gegangen waren auch wirklich weg waren, sie waren verloren. Diese Zeit hatte etwas endgültiges, etwas aussichtsloses. Nein, es würde sich niemals etwas ändern, man konnte nur in die innere Emigration gehen oder in irgendeiner Weise versuchen, sich davon zu machen.

Ich war 1988 durch ein Versehen in Albanien gelandet. Inmitten einer Gruppe von kleinen Beamten und Zuträgern und höheren Angestellten des Staatssicherheitsapparates der ddr. Dieses Versehen mich dort wieder zu finden hat sich nie aufklären lassen, ich vermute, dass es mit einem Spezialprogramm der Berliner Charité zusammengehangen hat, seit frühester Kindheit war ich zur Kur gefahren, die positiven oder negativen Auswirkungen des Klimas auf den Zustand der Haut wurden aufgezeichnet, in einem Langzeittest. Nur so kann ich mir den Aufenthalt in Albanien erklären, denn Hautwerte haben nichts mit Gesinnungswerten zu tun.
So schaute ich von Saranda nach Korfu hinüber. Korfu, das liegt nicht weit, aber trotzdem, 10 und mehr Kilometer mochten es schon sein, das ist nicht zu schwimmen, selbst durch ein warmes und ein klares Salzwasser nicht, ohne Training und ohne Vorbereitung schon gar nicht. Die Bunkerketten entlang der albanischen Küste sprachen auch eine eindeutige Sprache, so nah es doch schien und so einfach auch, keinen Schritt weiter war man hier, in Saranda. (Allerdings, schon 1988 wurden die Bunker mehr als Toilette benutzt, ich war in keinem richtig drin, um den Eindruck eines Bunkers auf mich wirken lassen zu können, alle waren vollgeschissen mit dunklen Haufen breiiger Konsistenz und auffällig vielen Körnerresten.)
So war ich in den 5 Wochen in Saranda nur zum guten Schwimmer geworden, denn ich hatte trotzdem jeden Tag trainiert, immer die Küste entlang und nicht zu weit, damit es nicht auffiel. Ich schimme eben gerne, hatte ich gesagt, was gar nicht stimmt. Tatsächlich bin ich nie wieder so viel geschwommen wie vor 18 Jahren, es war so, als hätte ich mein Pensum für die nächsten Jahre mit einem Mal erfüllt.

Nun sehe ich Saranda wieder.
Täglich gibt es mehrere Fährverbindungen von Corfu nach Saranda, die Passkontrolle erfolgt routiniert und es gibt keines Aufhebens wegen des Gepäcks, das interessiert einfach nicht. Ein Schäferhund liegt desinteressiert auf dem Boden. Man hat den Eindruck, dass die Kontrollen eher der Form halber gemacht werden, fast wie ein lästiger aber notwendiger Akt. Sie verlassen die Europäische Gemeinschaft. Hier beginnt richtiges Ausland. Hier ist Albanien.
Es gibt eine Kabine mit einem Grenzbeamten drin, der sich mit den fremden Schriftzeichen abmüht, die er jeden einzelnen auf ein Zettelchen postsozialistischer Art übertragen muss, solche Zettel wie früher das dünne und durchscheinende Durchschlagpapier sozialistischer Staaten. Wie sich später herausstellt, der Zettel ist das Visum, darauf der Vermerk, 10 Euro bezahlt zu haben. So wird man hineingelassen, Albanien, mit so einem kleinen Zettel in der Hand, den man sorgsam verstaut in der Passhülle, wie man sowieso diese Passhülle nur für diese kleinen und unscheinbaren und einem als Schmierpapier anmutende Zettelchen benötigt, die bei der Ausreise wieder eine so große Wichtigkeit bekommen können. Also nicht verlieren, schön verwahren.
Schon von weitem ist Saranda nicht als das zu erkennen, wie ich es in Erinnerung habe, wobei ich gestehen muss, dass ich an Saranda nicht sehr viele Erinnerungen habe, außer die an das Meer, aber an Hochhäuser in dieser Form und so weit ausgebreitet über die Bucht und auch an den Hängen der Berge, daran gibt es keine Erinnerung. Das konnte auch so heftig erst in den letzten Jahren entstanden sein, denn es sind sehr viele Hochhausgerippe zu sehen, 6 bis 8 Plattformen, die im Kern an Stahlträgersäulen sich freischwebend tragen, später erst würden die Außenwände mit den Fenstern gemauert werden und ihnen ein Gesicht geben, wenig uniform, wie es Hochhäuser eigentlich sind, später sah ich sogar in den albanischen Alpen solche Stahlbetongerippe als Gerüst für sehr individuell aussehende Häuser, die von außen sogar eine Verkleidung aus den in der Landschaft vorherrschenden Materialien bekamen.

Die Bunker sind in Saranda verschwunden, da war man gründlich, nicht einen hat man stehen gelassen, das ist Albanien in Saranda, so habe ich es sofort gesehen und nach 18 Jahren. Nun komme ich aus Griechenland und werde mit meinem Pass quasi durchgewunken, nur auf das kleine Zettelchen muss ich aufpassen, das unbedingt.

In Saranda sind 6 Leute durch Hotels reich geworden und so wie im Jahre 1996, als der überwiegende Teil der Albaner durch Pyramidenbankgeschäfte um ihr Erspartes betrogen worden waren und es zu einem regelrechten Exodus Richtung Westeuropa gegeben hat, hat es sich auch schnell herumgesprochen, dass man durch Hotels sein Geld in Saranda machen könne, daher diese vielen Neubaugerippe an den Berghängen. Nein, dazu fehlt es in Albanien an Hinterland und wenn man nur das Wort Albanien in Europa ausspricht, jedenfalls in Deutschland, gibt es eine Assoziationskette: Armenhaus Europas, Mädchenhändler, Blutrache, Straßenraub. Keine guten Voraussetzungen für Tourismus, auch nicht durch eine Imagekampagne mal schnell behebbar. So ist auch einer der 2 erhältlichen Reiseführer grottenschlecht, was die Wegbeschreibungen angeht, wenn er auch sagt, Albaner seien zwar misstrauisch und daher die finsteren Blicke der am Straßenrand oder in den Cafes sitzenden Männer, aber die Albaner seinen eben nur misstrauisch am Anfang, aber eigentlich seien sie gastfreundlich und hilfsbereit und aufgeschlossen. Gerade aber diese Aufgeschlossenheit zeigen sie nicht am Anfang.
Interessant.
So waren wir in Saranda angekommen, die ersten Schritte aus dem Hafengebäude hinaus, und es ging gleich unwirtlich steil bergan, betoniert, so ist das bergige und unwirtliche irgendwie zivilisiert gemacht, eigentlich sympathisch, woanders hätte man etwas egalisiert, vielleicht Terassen geschaffen, hier wird der Berg betoniert und es gibt auch keine richtige Stufen, ja, symphatisch, es ist anders, es ist auf diese bestimmte Art ehrlich, man weiß genau, dass man hier nichts geschenkt bekommt, das ist nichts für Warmduscher oder für Menschen, die sich darüber aufregen können, wenn die Stufen nicht ein einheitliches Maß haben oder sogar stolpern, wenn eine Stufe auf einmal ein anderes Maß hat, als sie es gewohnt sind.
Saranda erwies sich dann auch als die Stadt, von der man nichts zu erwarten hatte sollen, gut, ich habe auch nichts erwartet. Das Hotel „Butrinti“, in dem ich vor 18 Jahren gewohnt hatte und das den provinziellen Charme eines hingeklotzten Baus einer Kleinstadt, die Großstadt spielen will, gehabt haben muss hat weitergeklotzt, es ist erweitert worden zu einem Bau mit glaskuppelüberdachter Einfahrt und stolz zeigte sich ein Emblem „HB“, dahinter 5 Sterne. Ich bin gar nicht hineingegangen, warum auch, Spuren finden, neinnein, es ist nur interessant, wie sich Dinge verändern, wie sich Bauwerke an eine Zeit anpassen, wenn sie nicht untergehen und verfallen oder wenn man nicht altes bewahrt. 5 Sterne. Swimmingpool, Conferenzrooms (Sauna, Massage). Dann weiter die Straße Richtung Butrint, früher lag das Hotel am Rande der Stadt, verlor sich auch schnell das urbane, die wenigen fertigen Häuser duckten sich im Eindruck des Unfertigen, die untere Etage in Bezug genommen, vielleicht noch ein Café daraus gemacht,
Sonnenschirme mit Rothmanns-Signet darauf, Plastikstühle, an einem der sonst leeren Tische immer 3 oder 4 Männer, die zusammensaßen, redeten oder Karten, Brettspiele spielten.
So hat dann auch jede kleine Bucht ihr kleines Restaurant bekommen, sicherlich auch die, von der ich damals meine Trainingsbahnen aus absolviert hatte. Man konnte von Vorsprüngen getrost hineinstpringen, es ging sofort metertief hinunter, beim ersten hineinspringen trug ich noch Schuhe, da das Anlanden etwas schwieriger ist und Seeigel, wer weiß, das ist dann doch nicht so spannend, als Experiment. Beim zweiten Mal ließ ich die Schuhe dann doch weg…
Aber Saranda selber, eine betonierte Stadt, die am Tage bei diesem gleißenden Licht ziemlich leer ist, nur etwas oben, in der zweiten und dritten Straße ist mehr leben, wo an einem Park die Geldwechsler stehen, denen man seine Euros ruhig anvertrauen kann und die einen besseren Kurs als die Banken geben.
Erst nach 20 Uhr erwacht die Stadt. Dann promenieren die alten zu zweit oder dritt die Strandprommenade entlang. Das kleine Karussell, am Tage zu einem Kasten zusammengeklappt, es dreht sich und Kinder sitzen auf den Phantasiegefährten, die Mütter stehen am Rande, da ist die Welt irgendwie in Ordnung, man vergisst die Bausünden der Stadt, trinkt ein Bier oder einen Raki in einem der zahllosen Restaurants in Wassernähe, da geht das Vergessen sowieso schneller und angenehm ist es zudem auch noch. Nebenbei kann man das Freiluftkino besichtigen, das ist auf eine kleine Landzunge gebaut und ausreichend einsehbar. Ein amerikanischer Schinken läuft, eine hochgewachsene und braungebrannte Schönheit in weißem Kleid verführt einen ebenfalls hochgewachsenen und braungebrannten jungen Mann, der in einer Verbrecherwelt ein Boß sein muss, alles ist ziemlich lasziv und kein Mann hier wird jemals so eine Frau besitzen und keine Frau jemals solch einen Mann. Denke ich.

13. September 2006

Albanien /1 (Vlore – Tirana)

Abgelegt unter: Albanien, unterwegs — gtaag @ 23:36
Züge haben in Albanien nicht so eine große Bedeutung, das sieht man schon an den Bahnhöfen, die als solche eigentlich gar nicht zu erkennen sind, der in Vlore jedenfalls, hätte man es nicht in einem Reiseführer geschrieben gestanden, man hätte ihn nicht vermutet, dort, abseits, in einem vorstädtischen Abbruchindustriegebiet, mit staubigen Straßen, Brachen, Müllplätzen, Reparaturgaragen.
Das Bahnhofsgebäude muss seine bessere Zeit in den 50iger Jahren gehabt haben, heute fehlen die Scheiben und die Weitläufigkeit ist staubig und zerbrochen. Im Gegenlicht könnte man meinen, an einem aufgelassenen Ort zu sein. Aber die Schalter sind besetzt und man kann ein Ticket kaufen, 2 Euro die Strecke, 280 Kilometer, für die der Zug 5 Stunden braucht. Zweimal am Tag fährt er, früh um 5 und mittags um 12.

In Albanien kommt man niemals zu knapp zu einer Bus- oder Bahnstation, nur bei Minibussen ist es etwas anderes, da lässt man sich auch gerne am Straßenrand auflesen, ein kleines Zeichen genügt, hat der Bus noch Platz, wird immer angehalten.
Der Zug nach Tirana ist einmal in Osterreich gefahren, Notbremse ist zu lesen und am klappernden Fenster steht: Hier war René. Die Buchstaben sind unbeholfen in die harte Farbe eingeritzt. Und Polsterung gibt es, diesem Landstrich aber hätte eine verschleißfestere Polsterung besser getan.
5 Stunden für 280km. Das ist langweilig und irgendwann klappert es nur noch und die Hitze nimmt zu und da die Landschaft nichts hergibt, man durchquert Flachland, weiß man natürlich, warum auch die Einheimischen den Bus benutzen, das ist zwar teuerer, aber man spart die Hälfte der Zeit und langweilt sich nicht so.

Irgendwann gab es einen lautlosen Startschuss im Waggon, da wurden das Brot und die Wurst ausgepackt und es wurde gegessen. Später gab es Obst, Bananen und Weintrauben.
Ein junger Mann mit offenem Blick, der, ungewöhnlich für die junge Generation in Albanien, kein Englisch sprach, hatte in Vlore ein Schild für das Café seiner Eltern notdürftig in eine Tüte verstaut. So ein ovales Schild, das man leuchten lassen kann. Café Ore. Ein älterer Mann hatte lange in einem Mischmasch aus albanisch, italienisch und englisch über Politik geschimpft und dass Albanien nicht besonders intelligent sei, das hat er auch gesagt. Anlass für sein Schimpfen waren ausgedehnte Müllberge entlang der Zugstrecke noch in der Nähe von Vlore. Später, es war sauberer geworden, warf er den Plastikmüll selber ganz unbeschwert aus dem Fenster.
In Deutschland würden sie dafür Strafe zahlen.
In Italien auch, antwortete er und zuckte mit den Schultern. Die anderen Reisenden warfen genauso unbeschwert ihren Müll hinaus, obwohl der Österreicher dem Albaner durchaus die Abfallbehältnisse unter den Fensterbänken gelassen hat, die auch geleert waren. Aber vielleicht wollte man einfach nur mit seinem eigenen Müll nicht die ganze Zeit zusammensein, auf so einer langen Zugfahrt. Eine andere Erklärung gibt es ja nicht für dieses Verhalten.

Der Bahnhof in Tirana ist eine Plattform mit 2 Gleisen. Die Gleise enden hier.  Es wird dem Reisenden auch nicht leicht gemacht, man muss eine Anhöhe hinauf, die staubig und dreckig und voller Plastikmüll ist. Dann plötzlich ist man oben auf einer ebenen Straße. Wenn man zurückschaut könnte man meinen, dass dort, wo die Gleise sind ein Hafenbecken sein könnte, so sehr fällt das Gelände zu einer anderen Ebene ab. Ich vermute, dass das der künstlichen Anlage der Stadt geschuldet ist. Und da Tirana an dieser Stelle nicht gewachsen ist, fällt diese Künstlichkeit heute immer noch auf.

12. September 2006

Albanien /0

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