|GTaag|

8. Januar 2008

Coyhaique – Sarmiento

Abgelegt unter: Argentinien — gtaag @ 20:35
Am Grenzübergang bei Coyhaique musste erst der Grenzbeamte geholt werden. Zuerst lungerte da nur ein untersetzter Ziviler in Lederjacke, vor denen man sich immer in acht nehmen sollte, weil ein Ziviler an dieser Stelle immer Innere Sicherheit bedeutet, und Innere Sicherheit ist etwas, das man von innen in keinem Land der Welt kennen lernen sollte müssen.
Hier war er freundlich und fragte nur, wo wir herkämen und wo wir hingingen. Denn abends um 5, wenn dann von Chile nach Argentinien auch noch die Uhren vorgestellt werden, ist es doch etwas ungewöhnlich, wenn 2 Leute mit schmalen Rucksäcken eine Grenze passieren, wo sie erst in 120 Kilometern die erste ernsthafte Stadt erreichen werden, Rio Mayo, aber ohne Fluß. Wo nichts anderes ist als Steppe und kein nennenswerter Durchgangsverkehr.
Europäer. Wahnsinnige.
Das Niemandsland erstreckte ich über 4 Kilometer und es pfiff ein Wind von der Seite, der einen regelrecht schupste und stieß. Die Landschaft hatte eine Weite, die jeden Schritt sinnlos machte, nach einer Stunde war der argentinische Grenzpunkt erreicht, es waren dann wohl doch 5 Kilometer gewesen.
Die beiden Länder hatten sich im Niemandsland eine plane Asphaltstraße geleistet, mit ordentlicher Markierung, wobei das Niemandsland wohl mehr chilenischer Verantwortung unterstand, denn eine ganze Weile ging noch die Landebahn vom Coyhaique Airport parallel, was sofort die Frage aufwarf, wo nun wirklich die Grenze zwischen Chile und Argentinien verlaufe, denn die Maschinen können doch nicht jedes Mal beim Landeanflug argentinischen Luftraum verletzen. Oder doch?

2 Maschinen landeten auch. Während sie landeten hatte ich wieder das dringende Bedürfnis, sie zu fotografieren, weil ich bei einem Flug die Landung immer als das kritischste Moment ansehe und wenn dann nun etwas passiere, hätte ich es auf Foto und die Ursache könnte schneller ermittelt werden. Es ist immer nur eine Regung, ich habe eine Landung noch nie fotografiert und auch diese beiden liefen ja bilderbuchhaft ab, trotz des Seitenwindes, nur die zweite Maschine hatte einmal schon aufgetippt, ehe sie richtig landete, das sah man an den zweimaligen Rauchwolken der Reifen.

Auf argentinischer Seite ging dann die Schotterpiste los. Ein Jeep mit einem Advokaten am Steuer, mit seiner Frau daneben und seinen 2 Töchtern und 2 MP3-Playern auf der Rückbank und uns beide mit halben Hintern fuhr etwas unkontrolliert und viel zu schnell. Mit dem Advokaten hatten wir ein Gespräch angeknüpft und ihn für uns gewonnen, seine 3 Frauen waren etwas verschnupft und als auf einmal ein Truck auftauchte und zur Kontrolle hielt, fragte der Advokat den Trucker, ob er uns mitnehmen könne, der war aber nicht so begeistert, seine erste Frage war wohl gewesen, ob wir spanisch können, was der Advokat, ehrlich, nur verneinen konnte. So fuhren wir erst mal im Jeep mit, 30 km weiter, ins nächste Nest, wenn wir dann dort stünden, würde uns der Truck schon mitnehmen.

Dann standen wir wirklich einem gottverlassenen Kaff, Largo Blanco, wobei Blanco für einen ausgedehnten ausgetrockneten Salzsee nebenbei stand, der Wind trug eisig den Staub vor sich hin und manchmal auch Gestüppbüschel und hatte einen Atem, und der Wind, wieder und wieder der Wind, der, so kalt und unwirtlich, um 6, die nächste Stadt 120km Schotterpiste entfernt.
Nach einer Stunde kam der LKW. Er sah aus wie ein Ungetüm mit seiner seitlich wegwehenden Staubfahne. Die Abendsonne von der Seite. Die 5 Silberpappeln neben den viereckigen Betonhäusern, die genauso gut Container sein könnten.
Er schob sich langsam näher und bis zum Schluss war nicht zu erkennen, ob er nun verzögern würde oder vorbeizöge. Er verzögerte.
Der Fahrer machte so eine Geste, na ja, kommt schon, nun muss ich dann ja wohl. Ein Gastanktruck, der nach Comodoro Rivadadavia fuhr, Gas aufzutanken. Der Fahrer Mitte 30 und mit einer Brille wie Heiner Müller sie trug. Mit 40 Kilometern ging es 120 Kilometer per Wüstenschiff die Schotterstraße. Einige Guanacoherden, einige Hasen, ein Strauss und ein Gürteltier. Eine 6-stündige Unterhaltung auf spanisch und mit Händen und Füßen. Auch der Fahrer benutzte manchmal seine Füße, in der Steppe geht das, bei 40km/h. Dann war Sarmiento erreicht, sehr weit nachts. Der Fahrer hatte noch 3 Stunden vor sich und morgen weitere 2000 km. Einen Fahrtenschreiber gibt es in Südamerika nicht und der Truck gehörte ihm selber. Im Truck war es sehr gemütlich, aber die Einsamkeit war zu spüren. Da sitzt man und ist mit sich alleine und man kennt die Strecke, die man noch zu bewältigen hat und nur das unendliche Straßenband liegt vor einem.

2. Januar 2008

Argentinischer Jahreswechsel

Abgelegt unter: Argentinien — gtaag @ 20:40

Auch die Argentinier stellen die Uhr von Winter- auf Sommerzeit, also eine Stunde vor. Am letzten Wochenende vor Neujahr. Als Europäer ist das eine unverhoffte Angelegenheit, die besonders prekär wird, wenn man genau zu diesem Zeitpunkt einen Flug gebucht hat und man von einer Zeitumstellung nichts mitbekommen hat. Denn der Argentinier hält besonders zu seinen fremden Gästen einen gewissen Abstand, Reserviertheit möchte ich es nicht nennen, nein, Abstand und Unbesorgtheit.
So kann man es in sehr kurzer Zeit schaffen, vom Hotel zum Flughafen zu gelangen, wenn man sofort ein Taxi bekommt, am Businessschalter sich einchecken lässt, vor den Röntgengeräten die Warteschlange von der Seite umgeht und als Letzter die Bordkarte abreißen lässt. Das alles in nicht einmal einer Dreiviertelstunde.
Was für eine Zeit man sonst doch nur durch seine kleine Angst und Vorsicht auf Flughäfen in Warteschlangen verbringt. Das wird einem gelehrt, wenn einfach eine Stunde weggenommen wird, mein Dank gilt Argentinien für diese Erkenntnis und dieses Erlebnis.

Eigenartig ist dann, wie in Bariloche geschehen, wenn zu Sylvester die Raketen gezündet werden, aber die Rathausuhr noch 11 Uhr zeigt. Wenn alles zwar nach der umgestellten Zeit funktioniert, aber höchstens die Armbanduhren umgestellt sind, aber nicht die an den Gebäuden, in den Autos, in den Restaurants. Wenn man noch halb elf Licht hat und auch schon um 6 in der Frühe. Und wenn man nur wenige Kilometer in Chile diese Mätzchen nicht macht, sondern schön um 12 den Jahreswechsel feiert, nicht eine Stunde früher, wie in Argentinien. Das heißt, halt, in Chile wird im Oktober umgestellt. So gehen dann wenigstens zu Sylvester alle Uhren richtig und kein Tourist wird gefoppt.

30. Dezember 2007

Buenos Aires

Abgelegt unter: Argentinien — gtaag @ 10:13
Wenn man eine Großstadt schnell kennen lernen möchte, sollte man vom Flughafen einen normalen Linienbus in die Stadt nehmen.
In Buenos Aires war das ein echter Lumpensammler, er brauchte 2 Stunden bis ins Zentrum. Zuerst ging es durch endlose Vorstadtkolonien mit niedrigen Häusern und Straßenecken in denen statt Kneipen Kioske mit schäbigen Coca Cola Schildern waren, dann kamen Straßenzüge, in denen man getrennt Textilien, Turnschuhe, Haushaltswaren, Elektrogeräte, Autoreifen oder Gartenartikel kaufen konnte. Autos auch. Dann wieder endlose Straßenzüge mit Wohnhäusern und Hausnummern in den Tausendern. Irgendwann dann das Zentrum mit der breitesten Straße der Welt „9 de Julio“ – das sind genau genommen 4 Straßen nebeneinander – von denen unendlich und endlos die gleichen Straßenquadrate abgehen.
Wo wir auch ein kleines Hotel fanden und sich die Receptionistin, eine alte spanische Dame verhalten aber deutlich aufregte, als wir das vierte Mal sie um Besichtigung baten und wieder im ersten Zimmer ankamen, das wir dann nahmen.
In heißen Ländern gibt es erst ab einer höheren Kategorie Zimmer mit Fenster, wenn man nicht bereit ist, mehr als 120 Pesos pro Nacht (30 Euro) auszugeben, braucht man auch nicht so viele Zimmer besichtigen, da hatte die alte Dame durchaus Recht.

Buenos Aires ähnelt mit seinen Straßenzügen wie ein Korb voller Eier, mit dem Unterschied, dass die Eier gerade ausgerichtet sind. Manchmal gibt es braune Eier, manchmal helle Eier, das ist es dann aber auch schon. Kleine Läden, viele Supermercardos, ab und zu ein grüner Eingang, dort auch ein großes E für ESTACIONE, Lücken in den Häuserzeilen, die Parkplätze sind. Bewacht. Für Geld. 3 Pesos die Stunde. Es gibt keine vollen Parkplätze. An den Straßenrändern stehen die Autos und sonst scheinen sie nur zu fahren, jedenfalls sind die unzähligen „E“s ständig leer. Aber Dank dieser „E“s ist die Stadt einfach ein bisschen grüner, ihre Eingänge sind mit Gummiböumen und Ficus Benjamins großer Ausführung bewachsen. Ansonsten kann man die Stadtviertel kaum unterscheiden, nur in dem reicheren, in Palermo, bemerkt man es an der Hundescheisse, aber an Berlin kommt das nicht heran.

Die U-Bahnen sind nicht besonders tief unter der Erde und das Ticket steckt man wie in Frankreich in einen Schlitz und damit wird ein Drehkreuz freigegeben. Das scheint der einzige Sinn des Tickets zu sein, sie liegen nach den Sperren zu Hauf wie zu große Konfettis auf dem Boden. Kontrollen braucht man wohl nicht zu fürchten. (Update: Doch, beim Hinausgehen schiebt man das Ticket genauso durch einen Schlitz, der ein Drehkreuz freigibt. Dann werden sie ungültig und das wars dann.)
Die U-Bahn fährt im Linksverkehr, das macht es schwierig, in so einer fremden Stadt, die Richtung zu halten.

Ansonsten gibt es über Buenos Aires nichts weiter zu sagen. Die wenigen Parks laden nicht zum Sitzen ein, es ist heiß und staubig, die Nähe zum Meer ist nicht zu spüren. Die Müllbeseitigung ist oberflächlich und intakt, der Kaffee hervorragend und es gibt noch viele gestandene Kellner, denen die Handgriffe sitzen und die den Gast nicht als Last sondern als Aufgabe verstehen. Natürlich mit einer gewissen arroganten Haltung, die Volkssport ist.
Tango, natürlich. Aber wenn man kein Tangotänzer ist?

29. Dezember 2007

Großraumflugzeuge

Abgelegt unter: Allgemein, Argentinien — gtaag @ 18:01
Es wird Zeit, dass man in diese großen Vögel auch größere Fenster einbaut. Von außen mutet die lange Reihe Fensterchen an wie eine Schnur mit aufgereihten Perlen und unproportioniert, lächerlich, vor allem wenn man schon eine halbe Stunde gewartet hat, überhaupt in den Bauch hineinzugelangen, davon eine Zeit vor der Bordkartenkontrolle und noch eine Zeit im Rüsselgang zum Flugzeug hin und eine dritte Zeit, ehe jeder Einzelne so seinen Sitzplatz gefunden hat und das Handgepäck verstaut ist. Letzteres dauert besonders lange, weil es nur ein oben drüber im Gepäckfach gibt, aber der eigene einem doch wohl zustehende Platz immer schon von einem anderen belegt ist.

Ich sitze dann an einem Bullauge und es ist gerade so ausreichend, hinauszuschauen. Wenn man nah genug herangeht, öffnet sich der Winkel, aber nur dann, sonst ist es nur eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit zum Schauen, die man wahrnehmen kann, nicht muss, die einem nicht aufgezwungen wird. Nein, von innen möchte man keine größeren Fenster haben, vielleicht würde man den Halt verlieren und hinausfallen. So etwas.

Mein Fenster gibt beim Flug ein Geräusch von sich, es vibriert und es ist so, als kämen 2 Platten sehr fein und dicht aneinander zum Klirren, ja es klirrt, aber es ist nicht Glas, es ist Plastik, so ist es eher ein gleich bleibendes hohes Knarren.
Wenn ich Gegendrücke ist die erste Schicht Fenster tatsächlich nicht Glas, sondern Plastik und das Geräusch lässt sich beeinflussen. Ich setze die gelieferten Kopfhörer auf, sie klirren auch, nein, es ist keine Täuschung, sie klirren, auf einem Kanal werden Arien geboten und die rein gehaltenen Töne klirren. Warum hat der Sänger sich so angestrengt, es klirrt!

Ich trinke sehr viel Bier und denke darüber nach, dass fliegen über so weite Strecken sehr unmenschlich ist, dass ich die Nähe so vieler Menschen nicht mag. Sie wanken zerknittert zur Toilette. Ich beobachte vor allem die Frauen, irgendwie kommt es mir bekannt vor, nach gewissen Nächten, wo die Partnerin sich nicht vor dem Morgengrauen still verabschiedet hat, man plötzlich einem fremden Menschen nahe ist. Ja stimmt, man ist sich schon einmal begegnet, aber gibt es  einen Grund, warum der andere sich auf einmal fahl und ungekämmt und mit Gähnen und mit Kratzen unter den Achselhöhlen zeigt? Wer dieses Erlebnis noch nicht hatte, der buche einen Transatlantikflug. Es wird ihm dann dutzendfach geboten.

Irgendwann ist dann Argentinien. Guten Tag.