8. Mai 2008
4 Wochen Lourdes sind wie 4 Wochen Disneyworld: Ein Aufenthalt ist nur für 2 bis 3 Tage ausgelegt, danach reist man wieder ab. Bleibt man länger, spürt man ein System hinter den Veranstaltungen, sie verlieren ihre Anziehungskraft, die Musik, die Rituale, die Menschen, alles wird zu einer Inszenierung, die wie eine Hülle wirkt, der Inhalt, die Faszination, ist verloren. Man steht da und will nur lachen. Man läuft durch die Straßen und will nur Rempeln. Man sitzt in den Kneipen und kann nur trinken.
Die Grotte selber, an der vor 150 Jahren Bernadette siebzehnmal die Marienerscheinung hatte, ist ein halbrund in den Felsen gelassenes Gewölbe, marmorn ausgelegt und unter einer Glasscheibe sprudelt eine Quelle. Merci, Bernadette, steht auf einem Schild und rundherum, von Licht angestrahlt und durch Glas in Nirostaeinfassungen geschützt liegen Blumen.
Der Pilgerstrom tastet sich fingernd und küssend an der Felswand entlang, der Stein ist dunkler dort, wie Speckstein, glänzender, ein Band der Berührung und der Hoffnung. Vorne, dort wo die Blumen liegen, ist der speckige Fels höher, von den aufrecht Gehenden, und weiter hinten, zum Ausgang der Rotunde hin niedriger, dort wird gekniet und dort kommen auch die Rollstuhlfahrer heran, ihre Hoffnung und den Fingerschweiß in den Fels zu tuen. Es wird geküsst und gebetet, sehr kurz nur, fast vorbeihuschend, es gibt eine bestimmte Geschwindigkeit der Nachdrängenden, die lässt kein Verweilen zu.
Die Pilger sind dann schon an den Behältern mit den Schlitzen vorbei gekommen. Die werden mehrmals täglich von kahlgeschorenen und finster blickenden Gestalten geleert, Angestellte einer externen Sicherheitsfirma. Mit schnellen Handgriffen wird wie in einem Potkasten ein neuer Sack hineingeschoben, der alte, prall gefüllt und gar nicht schwer: Hier wird nur wenig Hartgeld hinterlassen. Ave Maria. Gelobest seiest du.
1. Mai 2008
Lourdes ergreift aller 14 Tage eine neue Chance: Dann drehen sich die Einbahnstraßen um, der Verkehr rollt in die entgegengesetzte Richtung. Gerade auf der Rue de la Grotte, einer schmalen Straße, die wie eine pulsierende Vene zum Heiligtum führt, und die Pulsrichtung ist immer in Richtung, niemals fort, aller 14 Tage haben es die Autos leichter, durchzukommen, wenn sie entgegengesetzt dem Pilgerstrom fahren können. Das macht die Einheimischen noch ein wenig stürmischer, denn wer dort seinen Autoweg hat, der darf nicht verzagen, sonst kommt er nur mit den 2 km/h der Leute voran. Also Gas geben und wenn mal jemand vom Spiegel gestreift wird, Grüß Gott, nun ja. Lourdeswasser trinken und ein Vaterunser mehr gesprochen.
26. April 2008
21. April 2008
In Lourdes eine Kerze anzuzünden bedeutet, die Kerze in einem Meer von Kerzen zu versenken, seine Wünsche und Hoffnungen und Gedanken zu übergeben in eine Gasse, wie auf einem Wochenmarkt mit Ständen, überdacht und abgesperrt, wo die Kerzen stehen.
Von der Flussseite ist diese Gasse von Scheiben geschützt, damit der Wind die Kerzen nicht ausbläst und die volle Wucht des Gedenkens sichtbar bleibt, eine erloschene Kerze, das ist es nicht. Die Scheiben strahlen wohltuende Wärme, das Gedenken und die Hoffnung sind eine heiße Angelegenheit. Unter den Ständen, in denen die teils dicken, teils dünnen, auf jeden Fall langen Kerzen aufgereiht sind, natürlich nicht ganz gerade, aber diese Unordentlichkeit hat einen geordneten Plan, sind Metallbehälterschalen aufgestellt, die den Wachs auffangen. Einzig und alleine diese Behälter machen eine Industrialisierung sichtbar, die man, so man sie bemerkt, eigentlich nicht bemerken möchte.
19. April 2008
Lourdes: Die Stadt besteht praktisch aus Hotels und Souvenierläden. Einskommafünfmillionen Pilger werden in diesem Jahr erwartet. 150 Jahre nach der Erscheinung. Mein Hotelzimmer riecht nach Weihrauch, hat 2 Betten mit züchtiger Spalte, einen Fernseher und ein Kreuz über der Tür. Wenn im Nebenzimmerbad jemand etwas mit Wasser macht, gluckert es bei mir. Aus dem Tal schallt ein Ave Maria, das Bier ist teuer und die Restaurants der Stadt haben sich auf salzarme Kost geeinigt. Es gibt überdurchschnittlich viele Rollstuhlfahrer, es gibt viele Leute, deren Gesichter zum fotografiert werden taugen. Das Alter liegt jenseits der 50. Der Fluß, die Gave de Pau, hat Frühjahrshochwasser, die Pyrenäen sind schneebedeckt. Hinter den Hotels stehen die Reisebusse abgeparkt wie PKWs. Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien. Es muss sich lohnen, hierher zu kommen.