5. Juli 2007
Sie wollen wissen was am Tag 64 in Casablanca los gewesen war? Das kann ich Ihnen sagen:
Den Koffer gepackt. So dass er kein Übergepäck ergeben würde. Die Kisten mit der Technik gepackt, so dass auch ein unqualifizierter Zoll darin kramen könne und hinterher die Deckel wieder zubekäme. Bis in die Nacht gearbeitet und dann mit dem Taxi in Strandnähe in so eine Edeldisko gefahren, wo die Musik zu laut gewesen und die Luft zu schlecht, das Essen zu knapp, aber der Alkohol sehr reichlich. Den morokkinischen Teil des Teams gesehen, wie sie so unglaublich abhängig voneinander sind, was die nächsten Jobs anbetrifft, so gluckt man dann aufeinander und ist vertraut und hält trotzdem – rührend mit anzuschauen – einen gewissen Abstand zueinander. Etwas sentimental geworden, ein paar Foto-Cds verschenkt, der Produzentin gesagt, dass durchaus Interesse bestünde, im nächsten Jahr 130 Tage in Russland zuzubringen. Noch einmal in die Runde geschaut, die Treppe hinunter, über die 3-Spur-Straße, einen Weg in die Klippen und der Atlantik mit weißen Schaumkronen unter zunehmenden Mond. Eine Weile gesessen.
Ja, ich liebe das Meer.
Das war der 64. Tag.
Am Tag 4 in Berlin habe ich endlich die verbleibenden Rechnungen geschrieben. Es war ganz lukrativ, unter österreichischer Dominanz unterwegs gewesen zu sein. Als Belohnung ist eine Canon-Vollformat-SLR bestellt mit durchgängig zwei-achter Transfokator.
Sie wollen dann noch mehr wissen über Tag 1 und 2 und 3 in Berlin?
24. Juni 2007
Wenn vor einem Jahr nicht schon
„LEBENSZEIT“ geschrieben worden wäre, ich hätte es haarklein bis aufs selbe Wort noch einmal schreiben können, so sehr ähneln sich Filmproduktionen, egal ob sie nun in Deutschland stattfinden oder ob es im Ausland ist. Wobei, so ganz stimmt das nicht, im Ausland ist es um Strecken angenehmer, nachts zu arbeiten und sich damit zwar auch Lebenszeit stehlen zu lassen, aber das nicht so sehr zu empfinden, als Verlust.
Tatsächlich habe ich hier 5 Tage nur 3 bis 4 Stunden, nachdem es um 7 oder 8 nach einem Morgenbier ins Bett gegangen war, geschlafen, was ausreichend ist. Dann ging es mit dem Taxi zum Strand, Petit Taxi, alle rot, alle mit einem Dachgepäckträgeraufbau und einer Nummer darauf, alles Kleinwagen der Marken Fiat Punto und Peugeot 3er, alle klapprig und stark gebraucht, alle Taxameter differierend, da schaut man schon, wenn man umgerechnet 20ct mehr zahlen muss, beim Durchschnitt dieser Strecke für 1,30€. (Wenn es eine schnelle Anpassung gibt in solchen Ländern, dann ist es das Empfinden für geringe Preise.) Also im Durchschnitt 13 Dhirams gezahlt, man lernt auch sehr schnell, möglichst immer Kleingeld in den Taschen zu haben, in solchen Taxis kann ein Hunderter schon eine Unmöglichkeit bedeuten, die Zweihunderterscheine, die aus dem Automaten kommen, die sind im normalen Leben ziemlich untauglich, angewendet zu werden.
Der Strand von Casablanca ist ein sehr schmaler, wenn Flut ist. Zum Glück ist den größten Teil des Tages Ebbe, dann hat es diesen 3 Kilometer langen Fußballplatz und ist eine Flaniermeile und Kinder machen ihre erste Bekanntschaft mit dem Salzwasser.
Vor 14 Tagen ist das Wasser dreckiger geworden, das stört aber nicht weiter. Einher ging es mit einer starken Erwärmung, jedenfalls ist der Zusammenhang offensichtlich. Wo die Wellen auslaufen ist der Schaum nicht mehr weiß, sondern schwefelgelb und wenn der Schaum zusammengefallen ist, hinterläßt er einen schmutzigen Rand. Verwundern tut das nicht, Casablanca hat den größten Hafen Nordafrikas, die Hafenbecken liegen 4 Kilometer entfernt, hinter der größeren Landzunge. Aber nur der zarte Mitteleuropäer versagt sich der Brandung, nur noch mit den Beinen geht er hinein, aber auch das hat ihm nicht geschadet, kein Ausschlag, keine Infektionen, aber er geht eben nicht mehr hinein, wenn sich dreckige Schaumkämme gebildet haben, so ist er eben.
Seit 14 Tagen auch sind in 50 Meter Abständen hochhackige Gestelle aufgebaut, Hochsitze. Daran baumelt ein Rettungsring und die Rettungsschwimmer haben gelbe T-Shirts an und rote Boxershorts. Die Mentalität hält sie aber nur selten auf diesen Hochsitzen, eher sieht man sie wild gestikulierend und hört sie ausdauernd mit der Trillerpfeife pfeifen. So schaffen sie es tatsächlich, die Badenden in Schach zu halten und in durchschnittlich bauchnabeltiefem Wasser, höchstens, denn dann ist ja noch die Brandung.
Ich fand das albern, so nah, ist das nicht wieder eine der typischen Bevormundungen, die man immer antrifft, wenn Menschen etwas kanalisieren und wenn sie Verantwortung auferlegt bekommen haben.
Die Ebbe scheint aber ihre Tücken zu haben, ich wurde Zeuge einer Rettungsaktion. Eigentlich sahen die 3 dunkelen Köpfe da im Gegenlicht ganz friedlich aus, aber die Aufmerksamkeit des Strandes war ganz ihrer und das musste auch erst begonnen haben, denn 2 kamen mit Rettungsringen gerannt, die sie ins Wasser warfen und sich hinterher. Mit den Rettungsringen kamen sie nicht weit voran, das war ein Trauerspiel, solche Dinger wirft man auch eher von einer Brücke oder von einem Dampfer hinunter. Die 3 Köpfe blieben die ganze Zeit über Wasser, wirklich nichts schlimmes, aber niemand spielte mehr Ball und ich ging weiter, ohne das Ende abzuwarten. Schlechte Schwimmer, diese Nordafrikaner, und 100 Meter weiter waren wieder die wild pfeifenden Rettungsschwimmer.
10. Juni 2007
100 Meter entfernt gab es einen „Salon de Thee“ mit anständigem NusNus, morgens saßen da die Herren mit besseren Anzügen und studierten Papiere. Ein Schuhputzer hatte gut zu tun. Die Herren mit ihren Papieren schauten immer sehr hochnäsig aus, wenn vor ihnen der Schuhputzer kniete, wenn sie dann nicht lasen, war ihr Blick in die Weite gerichtet und es gab kein Gespräch, niemals, man ist eben nicht auf Augenhöhe, wie man es bei einem Friseur ist, wo ein Schweigen zwar auch möglich ist, aber man auch ganz gut über Gott und die Welt schwatzen kann.
Am dritten oder vierten Morgen traute ich mich. Denn ich habe mir noch niemals die Schuhe putzen lassen. Ich habe mich immer geniert. Dort wo ich aufgewachsen bin, hinterm Eisernen Vorhang, waren Schuhputzer immer das Zeichen für Klassenunterschied und sie waren arm und unterdrückt. Schuhputzer können eben gut dafür herhalten, denn nur reiche Leute lassen sich die Schuhe putzen, arme Leute würden das wohl selber tun. Außerdem diese Hochnäsigkeit, was gibt es besseres, zur Illustration von Klassenunterschieden.
Ich will nicht weiter mich in die Ursachen vertiefen, warum es mir schwer fällt, Dienstleistungen anzunehmen. Aber langsam, ich lerne es. Vielleicht hat es etwas zu tun mit dem Aufenthalt in arabischer Hemisphäre oder natürlich auch pakistanischer: Dort ist es normal, dass es Menschen gibt, die einem dienen und die das auch gar nicht schlimm finden. Genauso ist es mit dem Schuhputzen, es ist nichts anderes als eine Dienstleistung, für die bezahlt werden muss und jemand lebt sogar davon. Das kann doch eigentlich nicht ganz schlecht sein.
Das Kästchen aus Holz, mit dem der Schuhputzer unterwegs war, hatte zwei Deckel und in der Mitte, gleichzeitig der Tragegriff in der Form eines Fußabdruckes, setzte ich einen Schuh. Meine Schuhe hatten es wirklich nötig. Der Schuhputzer ging systematisch vor, reinigen, eincremen (mit einer flachen Bürste, nicht mit einer ausgedienten Zahnbürste, wie es bei meinen Eltern und deren Eltern und auch bei mir üblich war, als es noch nicht die Tuben mit dem Schaumpolster gab). Danach noch einen Hauch Creme mit dem Finger aufgetragen, dann kam der andere Schuh dran. Ich beobachte genau, von oben nach unten. Vor mir kniete ein Mann meines Alters mit grauen, kurzen Haaren, hager und einer dunklen abgetragenen Kleidung, er hatte sogar ein Jackett an, eben jenes, das keinen Chic mehr hat, aber eine gewisse Haltung noch gibt. Seine Bewegungen waren schnell und gekonnt, wie er die Bürste hinten um den Spann führte und mit der anderen Hand wieder aufnahm, das war gekonnt, das hatte eine Geschwindigkeit, wo die Schwerkraft sich verändert, außer Kraft gesetzt wird: Die Bürste in diesen Händen, sie könnte niemals zu Boden fallen.
Dann geschah etwas, das mir den Atem verschlagen ließ. Als der eine Schuh fertig war, schaute der Schuhputzer nicht etwa zu mir auf oder machte eine Kopfbewegung oder eine Bewegung des Armes, nein, er schlug zweimal kurz mit einem Deckel des Kästchens auf und wieder zu, das war das Zeichen und ich wusste es sofort, ohne jemals vorher beobachtet zu haben. Nun kommt der kommt der andere Schuh an die Reihe.
Es gibt keine Verbindung zwischen Schuhputzer und zwischen sich Schuhe putzen lassenden. Es gibt nur ein Aufschlagen des Deckelchens. Nichts weiter gibt es.
Schon beim zweiten Schuh bemerkte ich, wie ich weniger interessiert war und den Blick in die Ferne schweifen ließ. Natürlich, es ging noch weiter, der andere Schuh kam wieder an die Reihe, eine weichere Bürste tanzte in ausgefeilten Pirouetten, zum Schluss gab noch ein Lappen den zusätzlichen Zusatzglanz. Fertig.
Zurück am Drehort, auf den Spott musste ich nicht warten. Denn allgemein trägt man natürlich Bergsteigerschuhe, nur ich als Tonmeisterlein, der sich nicht zwingend über Stock und Stein bewegen muss, der kann sich Schuhe mit feinem und glattem Leder leisten, was er auch gerne macht. Ich könne ja nun, so ein Beleuchter, wenn es schnell gehen müsse, als Silberblende einspringen. Und ein anderer sagte, so frisch geputzte Schuhe, die machen wirklich einen schlanken Fuß. Nun Jungs, spottet nur. Sich die Schuhe putzen lassen, das ist wirklich Klasse. Zwar hat man nur wenige Straßenschritte weiter nichts mehr davon. Aber trotzdem. Hoch lebe der Beruf des Schuhputzers.
7. Juni 2007
Und der Minibus holt einen morgens weit vor der Zeit ab. Ich denke manchmal, so muss es Gastarbeitern gehen, fern der Heimat, die von ihren Quartieren auf die Baustellen gekarrt werden und abends in die Quartiere zurück. Sie sitzen dann mit teilnahmslosen Blicken hinter den Minibusscheiben, sie wissen gar nicht, wohin es geht, es ist auch nicht wichtig, das zu wissen, denn man wird schon dafür sorgen, dass der Transport klappt und sie an ihre Werkbänke kommen. Zwischendurch gibt es eine leidliche Pausenversorgung, die wenig abwechslungsreich, um nicht zu sagen eintönig ist, aber man ist ja fern der Heimat, man ist hier ja, um Geld zu verdienen. Nichts anderes zählt. Auch beim Film nicht.
2. Juni 2007
Ich hatte die Aufgabe des Balljungen und über die Strecke des ersten Strandes, das sind vielleicht 1,5 Kilometer, schoß ich 5 oder 6 Bälle zurück aufs Spielfeld. Nein, mit Bällen habe ich nichts am Hut, manche waren olle weiche Knödel, einer war aus Leder und furchtbar hart. „Merci, Monsieur“ rief es mehrmals. Mein Job als Balljunge hat mir trotzdem nicht gefallen. Nach den Klippen, am zweiten Strand, war wieder ein Pferd in der Brandung. Das mochte es nicht besonders, wurde aber immer wieder hineingetrieben. Ein Junge hielt es vorne am Zaumzeug, ein anderer bespritze es mit einem Eimer. Ein Brecher ließ kurzzeitig die Jungs und das Pferd verschwinden, das Pferd kam als erstes wieder zum Vorschein und strebte zum Ufer. Die beiden Jungen hatten kein Erbarmen, weiter ging es mit der Wäsche.
Ich wohne in einem besseren Straßenzug, es gibt hier jemanden, der seinen Stuhl vor dem Eingang stehen hat und eine rote Uniformjacke trägt. Er achtet auf die Leute, die ein und aus gehen. Nachts schließt er die Haustür auf und wenn man mehrere Taschen hat, ist er behilflich. Schon einen Straßenzug weiter gibt es solche Hausmeister nicht. Es ist die Ecke der Krämerläden und der garagenähnlichen Geschäfte, in denen Tischler Betten und Tische bauen. Neben gärenden Abfällen riecht es immer wieder nach frischem Holz. Auf der Suche nach einem Imbiß mit Fleischspießen stieß ich auf einen schmalen Laden, in dem ein Junge Sandwichs bereitete. Die längs gestellte Theke ließ einen schmalen Durchgang und hinten standen 2 Tische mit Plastikstühlen. Sehr dicht daneben 2 Tröge mit Frittenfett, ein 12jähriger bediente die Körbe, so wie er es tat und in welchen Mengen, der Laden schien gut zu laufen, die Bewegungen des Jungen waren routiniert, wie er den Korb aus dem Fett nahm, wie er ihn ausschüttete und wie er ihn zum Halten brachte. Ein anderer Junge, der Bruder, auch noch sehr jung und das Gesicht mit Zügen, die ihn schon jetzt als einen dreißigjährigen aussehen ließen, er war vielleicht achtzehn. Es fehlte die Offenheit der Jugend, dieser gewisse Glanz, diese gewisse Neugier und es fehlte gänzlich die Sorglosigkeit der Bewegungen.
Auf ein Blech mit Gasflamme darunter gab er einige Spritzer Öl und neben einem Häuflein Zwiebeln brachte er Hackfleisch zum Braten. Gewendet und geschoben wurde mit einem Spachtel. Als er das Baguette aufschnitt mit einer einzigen Bewegung des Messers sah ich mein Sandwich in der Reihe von vielen schon bereiteten und ich freute mich, das wird wohl gelingen, der macht das eine Weile schon so. Wenn er es nicht könnte, hätte man ihn schon davongejagt. Der weiche Teig wurde entfernt und in den Abfall geworfen und auf einmal war die drei Jahrzehntealte Erinnerung an Herrn Deckert, meinem Deutsch- und Geschichtelehrer, neben dem ich auf meiner einzigen Klassenfahrt am Frühstückstisch gesessen hatte und ihn interessiert beobachtete, wie er aus einer Schrippe den Teig herausholte und den Hohlraum mit Butter und Leberwurst füllte. Auch seine Bewegungen waren ihm nicht ungewohnt, so macht er es jeden Morgen, dachte ich. So systematisch, so ohne Interesse, so langsam und bedächtig.
Seitdem hatte ich diesen Lehrer immer mit anderen Augen angesehen, denn ich hatte es nicht glauben können, der Teig ging in den Abfall, als wäre er nichts wert. So etwas gab es in meinem Weltbild damals noch nicht und ich hätte ihn gerne darauf hinweisen wollen. Herr Deckert, das macht man nicht!
Mein Teig landet auch in der Tonne neben den Plastikflaschen und Eierschalen. Der Hohlraum wurde mit Curryreis, kleingehackten Oliven und einer dunkelroten Paste gefüllt, dazu das Hackfleisch und die Zwiebeln, sowie ein Spiegelei. Etwas Ketchup, etwas Mayonnaise, auf einen Teller ein Stück Packpapier, darauf das Sandwich und 2 Hände voll Pommes Frites, dazu ein Klecks Senf. Guten Appetit.
Ich hatte die Variante Delüx. Besser ging Sandwich nur mit Curryreis drin und einem Spiegelei. Von nebenan wurde eine CocaCola geholt und es gab auch ein Glas. In einer Pause setzten sich die beiden Brüder mir schräg gegenüber, in der Enge mit dem Abstand, sich nicht zu mir zu setzen, aber sie saßen quasi doch neben mir. Sie beobachteten mich verstohlen und ich beobachte sie verstohlen. Der Ältere konnte etwas französisch, worauf er stolz war, aber meine Maulfaulheit und meine Unkenntnis der Sprache hatte ihn schnell aufgeben lassen. Das Sandwich hatte nicht den Pepp, den ich erwartet hatte, es fehlte irgendwie die Würze und es war pappig. Schade. Sonst wäre ich gerne wieder dorthin gegangen.
20. Mai 2007
In einem räudigen Straßencafé bestellte ich NusNus und der kam in einem kleinen Glas und war köstlich: Oben Milchschaum, dann eine Schicht bitterster Espresso, dann Milch, die sich nur sehr langsam mit dem Kaffee vermengt, eigentlich nur so viel, dass man, hat man diese Schicht erreicht, einige milde Nachschlücke bekommt, wunderbar. Mir wurde die Sonntagszeitung gereicht, denn heute ist Sonnabend, ich blätterte darin, sie war genauso räudig wie das Café selbst, aber mit heutigem Datum, da hatten schon einige drin geblättert. Ich schaute der dreispurigen Straße zu und war auch nur kurz zum Sitzen gekommen, für diesen NusNus, den ich so gut wirklich nicht erwartet hatte, ich winkte einem Taxi und ließ mich zum Meer fahren. Der Strand war dunstig von der Brandung und das Meer hatte die Fußballfelder sich genommen, ich wanderte 4 Kilometer westlich an einen Strand, wo nur manchmal Reitergruppen vorbeipreschten und nur einzelne Pärchen saßen, die Männer mit freiem Oberköper und die Frauen in weiten Gewändern, aber meistens ohne Kopftuch, das ist doch schon was. Da der Wind den Sand wehen ließ, lag ich eine Weile hinter einer Düne. 2 Hunde besuchten mich, aber als ich mich aufrichtete, klemmten sie die Schwänze zwischen die Beine und verschwanden. Der eine bellte kurz, ein Hund von der Letzewortfraktion. Auf dem Rückweg kam ich wieder an den 8 Männern vorbei, die im Schutz einer Mauer saßen und wie Fischer aussahen. Ich grüßte sie wieder, aber so einfach kam ich nun nicht vorbei, ich musste ein verkohltes Hühnerbein essen und sie sagten deutsche Fußballspieler auf. Natürlich bot man mir auch aus der Rotweinpulle an, aber ich sagte, dass ich keinen Alkohol trinke. Das fanden sie nicht gut und das fanden sie auch nicht schlecht. Wir lachten noch ein bisschen und dann ging ich mit dem abgenagten Hühnerbein weiter. In einer Bucht wurde ein Klepper gewaschen, die Knochen hinten standen ganz mager und das Tier mochte diese Prozedur gar nicht. Ich stand eine Weile und schaute im Gegenlicht zu, das Tier tat mir leid, die Menschen taten mir leid, ich tat mir selbst ein bisschen leid und so war der Sonnabend dann zu Ende, der hier ein Sonntag ist.
12. Mai 2007
Die Teilung Österreichs wurde endgültig 1955 durch den Staatsvertrag abgewendet. Ob es jemals eine Teilung wie die in Deutschland gegeben hätte, das steht dahin, auf jeden Fall kam es nicht dazu, weil bei den entscheidenden Verhandlungen, die zur Unterschrift führten, die Sowjets von den Österreichern unter den Tisch getrunken wurden.
Eine gewisse Trinkkultur scheint sich bis heute zu halten, die auf eigenartige Weise mich an die in der ddr erinnert: Dort wurde gerne und exzessiv getrunken, man traf sich auch nach Feierabend und saß in Runden, wo ausgewertet wurde, man redete über Zusammenhänge und über Leute, die nicht anwesend waren und dabei gab es Bier und Weinbrand mit wenig Essen und schneller Wirkung.
Diese Kultur ist in Deutschland nach 1989 mehr und mehr verloren gegangen, vor allem redet man nicht mehr gerne in größeren Zirkeln über Zusammenhänge, sondern kocht lieber so sein eigenes Süppchen und hält gerne hinterm Berg. Betrunkenheit wird zwar allgemein sanktioniert. Aber es bleibt beim Bier und beim Wein und Schnaps wird nicht gerne pur getrunken, das gilt als unfein, da ist Alkoholkonsum auf einmal deutlich und das mag man ja nun auch wieder nicht.
Im österreichisch dominierten Team finde ich auf einmal so eine gewisse Kultur wieder, die nicht gerade vermisst, aber verloren war: Man trifft sich auch nach langen Drehtagen und der Vodka wird auch ungemischt getrunken. Dazu gibt es wenig essen, wenig Wasser, aber viel Bier. Dann fallen auch deutliche Worte und man schaut sich dabei offen ins Gesicht. Vereinfacht wird die Angelegenheit, da über die Stadt verteilt das Team in Appartements wohnt und die Taxis billig und immer verfügbar sind. Es ist auch nicht kalt und es ist nicht regnerisch, man muss sich nicht fürchten. Wenn dann morgens um 4 der erste Muezzin die Stimme erhebt, in Casablanca wird er vom Band eingespielt, wundert man sich, in einem muslimischen Land zu sein. Die Trunkenheit ist süß und schwer, das Bett steht bereit und freitags, sonnabends, da ist frei.
6. Mai 2007
Der Strand von Casablanca, nachdem eine Bucht den Strandanlagen vorbehalten ist, die mit ins Meer hineingebauten blauen Swimmingpools protzen und man kann weißhäutigen Menschen von oben, von der wenig entfernten Straße, dabei zusehen, wie sie sich entspannen mit ihren hingelegten Körpern, der Strand von Casablanca ist dort, wo der reguläre Stadtplan geendet hat ein riesiger lang gestreckter Fußballplatz. Das Meer nimmt sich eine breite Fläche, auszurollen, in der Nacht stärker als am Tage und so bleibt ein fast waagerechter Streifen Sandes, der fest und frei von Müll ist, ideal zum Bolzen. Um als Spaziergänger dort entlangzukommen bleibt einem nichts anderes übrig, als die Schuhe auszuziehen und die Hosenbeine hochzukrempeln und sich näher auf die Fläche mit den auslaufenden Wellen zu begeben, sonst ist kein unbeschadetes Durchkommen, oder man spielt auf einmal mit.
GTaag hat noch niemals gerne Fußball gespielt. Er schreitet lieber forsch aus und vergisst manchmal, dass das Wasser manchmal weit vorjagt und im Gegenlicht zwar wie ein See so harmlos zum liegen kommt, aber immer noch die Kraft der Wellen beherbergt, wie soll es auch bei der 30 Meter entfernter tosender Brandung anders sein. Nasse Hosenbeine sind so was von egal. Es ist wunderbar, barfuss im kühlen Wasser zu laufen, den Gedanken nachzuhängen und frei zu haben und keine Verpflichtung. Es ist so eigenartig, eigentlich bei der Arbeit unterwegs zu sein und trotzdem keine Verpflichtung zu haben. Sonst ist es immer ein wenig anders, da der Beruf das Hören ist, gibt es keinen Feierabend, der Hörsinn bleibt geschärft und es ist die ständige Aufmerksamkeit für Geräusche, die vielleicht passen könnten. Aber hier: Das Projekt spielt 1953 in Teheran und Casablanca bietet zwar eine passende optische Kulisse, aber keine akustische. Selbst Wortfetzen sind unmöglich, man spricht hier halt kein persisch. Auch der Muezzin nachts um 4, das ist vielleicht etwas für diesen Blog als Audiofile, aber nicht für den Film. Eines steht fest: Es wird eine eigenartige Zeit die nächsten 2 Monate sein.
2. Mai 2007
Die Alleen der Stadt und ihre kreisverkehrähnlichen Einmündungen sind so verwechselbar, dass man, einmal falsch gelaufen, unweigerlich die Orientierung verliert. Die Marokkaner lieben es, ihre Anwesen hinter hohen Mauern zu verstecken. Die Mauern sind bewachsen mit Hybiskus und weit hinunterrankenden Mittagsblumen und auf den Bürgersteigen stehen mal mehr, mal weniger große Fächerpalmen. Ärmere und reichere Viertel gehen so ineinander über, dass man nur am zunehmenden Müll vor den Mauern den Grad des Reichtums dahinter erkennen kann und natürlich an der Schwere und an der Güte der Eingangstüren und an der Pflege der Rhododendrenhecken. Auch ist auffällig ein ganz bestimmter Typ Mann, der auf durchgesessenene Schulstühlen sitzt oder an den Eingangstüren lehnt, diese Männer sind mittelgroß und hager, haben dunkele kurze Haare und einen schwarzen ebenfalls kurzen Oberlippenbart. Sie tragen nicht zu enge dunkelblaue Hosen und Jacken, wie sie unter Mao ähnlich gewesen sein müssen. Die Männer sind sehr gelangweilt, manchmal fegen sie auch und ihre Bewegungen sind dann sehr langsam und systematisch. Diese Männer sind Wachpersonal und man befindet sich vor schützenswertem Eigentum.
Bemerkenswert aber ist, dass auch die Slums so eingemauert sind. In Hafennähe und in Abstand zur Straße, wie ein Sicherheitsstreifen, hinter der wohl 3 Meter hohen Mauer sieht man, im Lkw sitzend, Wellblech in verbeulter Form als Dächer und eine Armada von verrosteten Satellitenschüsseln, die, da sie streng in eine Richtung schräg in den Himmel zeigen, dem Ganzen eine eigenartige Ordnung in der Unordnung geben. Das Gebiet hinter der Mauer scheint zu bersten vor Inhalt und an einem checkpointähnlichem Eingang quillt es Menschen, die viel zu tragen haben. Armut erkennt man nicht nur an der Kleidung, sondern auch daran, wie viel jemand zu bewegen hat.
30. April 2007
Mit Afrika hat das hier bisher nicht übermäßig zu tun. Vom Flughafen bei Casablanca ging es in die Stadt eine frisch asphaltierte Straße hinein, mit weitestgehend wohl umfriedeten Grundstücken gesäumt, sehr häufig überwuchert mit kletternden Pflanzen, die dicht mit großen roten Blüten besetzt sind. Und die Häuser, recht jung gebaut und frisch gestrichen mit viel Weiß und viel ins Rot gehendem Ocker, Veranden und Helligkeit. Nichts da Dritte Welt, wie sie sich gerade an den Ausfallstraßen sonst gerne zeigt, mit Wellblechquartieren und kleinen Handwerkerbuden, gerne Autoschrauber, nichts da. Selbst weiter in der Stadt, die Hochhäuser gepflegt, auf den ersten Blick und als es ein bisschen krautiger zu werden schien, bogen wir ab, durch ein Diplomatenviertel und Richtung Meer und hielten und fanden uns in einer ganz normalen Filmproduktion, wie sie auch in Deutschland aufgeschlagen sein könnte, gute Räume mit spärlichem Mobiliar, alle irgendwie beschäftigt mit ihren Laptops auf improvisierten Tischen und mit den Pinnwänden, den Bildern der Schauspieler, den Listen der Wochenplanung.
Und dann wird man eben so begrüßt, als neues Gewerk, das dazu gestoßen ist und redet die Sätze, die man auch in Europa reden würde oder in Asien, man redet sie eben nun in Marokko, mit wildfremden Menschen und redet sofort nur Sätze, die eigentlich gar nicht gesagt werden müssen, aber indem man sie sagt signalisiert man, dass man bescheid weiß und es damit unkompliziert ist mit einem und über das Komplizierte und über die Schwierigkeiten, darüber reden wir mal jetzt überhaupt nicht, das kommt alles früh genug.
Ja nun fahrt erst mal in eure Wohnung, im Supermarkt nebenan könnt ihr gleich einkaufen, dort gibt es auch Alkohol und der Bankomat, nicht den ersten nehmen, der ist kaputt, um die Ecke ist noch einer, der zeigt alles auch in englisch.
Willkommen in Marokko. EC-Karte hinein und Geheimzahl eingetippt. Wollen sie eine Quittung, ja, aber die kam dann doch nicht. Dafür das Geld, wie frisch gedruckt.
Unser Appartement liegt wieder etwas zum Flughafen zurück, ein neu gebauter Komplex mit steil abschüssigen Tiefgaragenabfahrten und Bordsteinkanten, so hoch, dass es hier Oberschenkeltraining geben wird. Eine Seitengasse, sehr ruhig dadurch. Der Wachmann hielt uns die Tür auf und redete französisch. Mein Assistent redet diese Sprache. Er sagt, er verstünde nur die Hälfte, da sei ein so starker arabischer Akzent. So kommt es, dass ich, wenn ich aufmerksam bin, ganz gut verfolgen kann.